Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 23 (6.6.1913)
- Date
- 1913-06-06
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2:;. Das jüdische Hlatt. 9 rind den weit über unsere Kreise hinaus gekannten und geehrten Kommerzienrat F e i st verloren, stehen wir klagend an der Bahre eirres unserer Besten. Dr. Israel Roos ist irach einer kurzen Erkrankung uns gestern entrissen und heute unter gewaltiger Teilnahnre bestattet worden. Es durfte, so hatte er es gewollt, kein Wort der Würdigurrg gesprochen werden an seinem Grabe; es bedurfte aber auch bei dein sichtbaren Schmerz aller derer, die ihn gefarmt, keines solchen Wortes, um auch den Fernstehenden erkennen za lassen, daß eine schier unausfüllbare Lücke wiederum gerissen ist in die Reihen derer, die durch ihr Wirken für die Gesamtheit sich den Ruhmestitel 'T'tf erworben haben. — Soll in einem kurzen Wort den Lesern dieses Blattes das Wesen und die Wirksamkeit des in so jungen Jahren — er durfte nur bis 49 zahlen, um sein pip^p zu erreichen — Heimgegangenen angedeutet werden, so dürfte an das Thorawort angeknüpft werden, das wir soeben wiederholt lesen: Er wollte leben und streben: ypViD&'P^ VPlDtf by als Glied seiner Familie und seines väterlichen Hauses. Es war die Familie Samson Raphael H i r s ch s, zu der er sich mit Stolz zählte, mit jenem berechtigten Stolz, der tatenweckend das Wort: nobles,se obli<>o betätigt und strenge Nachahmung der in den Ahnen und deren Lehre und Leben gegebenen Vorbilder zur Lebenspflicht macht. Das Vaterhaus, zu dessen Abbild er sein Haus zu gestalten strebte, war das Haus des unvergeßlichen Benjamin Roos, jenes ppiy und jenes feurigen i'-ppi ohne Gleichen. Und was er im Geiste dieser seiner Meister tat war ihm so selbstverständlich und natürlich, daß er nicht zu begreifen vermochte, wie andere anders denken und handeln konnten, daß er jede Anerkennng und Ehrung wie etwas Unverdientes ablehnen zu müssen glaubte. Als Jüngling — er hatte nicht lange vorher die Berliner Universität bezogen, um dort Chemie zu studieren und daneben fleißig die Schiurim Rabbiner Biberfelds am Beth Hamidrasch zu besuchen — ward er Mitbegründer und eifriges Mitglied der noch heute mustergültig wirkenden Chevra der dortigen Adaß Jisroel. Früher schon hatte er als Gymnasiast die Anregung zur Gründung des Frankfurter Kriath Hatauroh-Vereins gegeben, in dem sich seit mehr denn 30 Jahren allsabbatlich die Schüler .hiesiger Lehranstalten versammeln, um die morgens durch den Schulbesuch versäumte Thoravorlesung zu hören. — Größere Aufgaben wurden ihm zuteil, als er nach Vollendung seiner Studien sich hier niedergelassen und mit der gleichgesinnten, aus einem Hause vollp-ypundp>»P''stammenden Gattin verbunden hatte. Er wurde bald in die Verwaltung der Gemeinde und ihrer Institutionen berufen und da zeigte sich sein praktischer Sinn, der leicht auch die schwierigsten Fragen zu lösen wußte, zeigte sich seine unermüdliche Arbeitskraft, zeigte sich seine Begeisterung für unsere Kehillo und all ihre großen und kleinen Anliegen; zeigte sich dies alles allerdings nur den Eingeweihten, denn er verstand es, mit einer seltenen Meisterschaft, hinter dem von ihm geschaffenen Werke zurückzutreten und seinen Anteil am Gelingen verborgen zu halten. Es gibt kein Gebiet der Gemeindeverwaltung, aber auch kaum ein Gebiet des jüdischen Pflichtlebens überhaupt, dem er nicht seine ganze Kraft zur Verfügung gestellt hätte und man müßte eine Geschichte unserer Gemeinde seit seinem Eintritt in deren Verwaltung schreiben, wollte man alles berichten, was wir ihm zu danken haben. Roch in den letzten Wochen sah man ihn begeistert und Begeisterung wachrufend die Sammlungen leiten, die die Errichtung eines neuen Krankenhauses ermöglichen sollen. Wenn in ganz kurzer Zeit bedeutende Summen aufgebracht worden sind, so ist es niemandes Verdienst mehr als das seinige, und es wird vielfach die bange Frage laut, ob das Werk, nachdem sein verdienstvollster Förderer nicht mehr ist, sobald wie es gewünscht und gehofft ward, wird zur Vollendung geführt werden können. Den Kranken galt seine aufopfernde Tätigkeit ganz besonders schon seit einer Reihe von Jahren; sein Name ist mehr als irgend ein anderer mit dem des Schaare-Zedek-Hospitals in Jerusalem verknüpft, das gleichfalls mit banger Sorge den Verlust seines rastlosesten Freundes und Helfers beklagt. Und was ihn in den Stand setzte, so Großes zu leisten, das war seine durch nichts zu erschütternde Ueberzeugung von der Heiligkeit und dem unausbleiblichen Sieg der jüdischen Wahrheit und sein auch in den schwersten Tagen nie wankendes Eottvertrauen, dem er, wie mir ein Freund erzählt, noch in dem letzten Augenblick des schon verlöschenden Lebens mit dem Psalmenwort Ausdruck gegeben hat 'ImjUP'Ü'1 “DP 'PP PEnm. Daß ein solcher Mann auch im engen Kreise Großes geleistet, ist ebenso sicher, wie es der öffentlichen Darstellung sich entziehen muß. Die Mutter, die er in beispielloser Hingebung verehrt, die Geschwister, die seit Jahren in ihm das Haupt der Familie und deren Stolz erblickten, die Gattin, die an seinem uneigennützigen Wirken verständnisvollsten Anteil nahm, der Kinder stattliche Schar, die sie zusammen für alles Gute und vornehmlich für alles Echtjüdische zu erziehen verstanden, die Freunde, die durch sein bei allem Ernst stets heiteres Wesen sich mächtig zu ihm hingezogen fühlten, sie alle finden sich zusammen mit der großen jüdischen Gesamtheit in berechtigtem einhelligen Schmerz und nur eins tröstet sie, das Bewußtsein, daß es dem Heimgegangenen vergönnt gewesen ist, in einer kurzen Spanne Zeit so vieles zu schaffen, und sein Andenken zum Segen bleiben wird für alle Zeiten. iT^^p, x^x Frankfurt. Der erste Vortragsabend der Jugendgruppe der Agudas Jisroel fand gestern ein volles Haus. Nachdem Herr Perlmutter in kurzen einleitenden Worten des allzufrüh dahingegangenen Dr. I. Roos gedachte und ihn als leuchtendes und nachahmenswertes Beispiel der Versammlung hinstellte, ergriff der Redner des Abends, Herr Rabb. Dr. Hildesheimer, Berlin, das Wort zu seinem Votrag „Was erwarten wir von unserer Jugend". In dreiviertelstündiger meisterhafter Rede führte Redner ungefähr folgendes aus. Bei uns Juden wurde im Gegensatz zu den andern Völkern, bei denen die Jugend zu Sport, Kunst usw. erzogen wurde, dieselbe in erster Linie zur Pflichterfüllung erzogen. Vor allem war ein Hauptpunkt zur Erhaltung des Judentums, daß nicht die Gebote dem Geiste der Zeit angepaßt wurden, sondern stets in gleicher Weise mit genauester Pünktlichkeit erfüllt wurden. Als zweites verlange das Judentum von seinen Bekennern den Willen zur Aneignung von Wissen. Als drittes führte der Redner aus, werde das Ganze gekrönt durch den Willen zur Tat und dadurch zeichne sich auch unsere Jugendgruppe von andern Vereinen aus. Unter starkem Beifall schloß Dr. Hildesheimer feine Ausführungen, indem er wiederholt zur regen Mitarbeit aufforderte. Illingen b. Trier. Die älteste Frau sowohl unserer Gemeinde als auch des Ortes, die Witwe Salomon L e v y geb. Hirsch, ist letzten Freitag, 91 Jahre alt, gestorben. Die zwei letzten Jahre hat sie im Bette verbracht. Eine große Menschenmenge erwies der Verblichenen die letzte Ehre. Am Grabe sprachen Lehrer Berlinger und Kantor Lyon.