Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 23 (6.6.1913)
- Date
- 1913-06-06
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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6 Da» jüdische Klatt. 'Jlx 23. Der Abgeordnete Michescu, der die Verwerfung dieses Antrages befürwortete, sagte, die Kanuner erfülle ein patriotisches Werk, indem sie Vorsichtsmaßregeln gegen die Spionagegefahr ergreife. Aber die Kammer müsse gerecht sein gegen einen Bevölkerungsteil, dem aktiver Militärdienst auferlegt und der ins Feuer geschickt werde. Es wäre ein Verstoß gegen die Gerechtigkeit, eine derartige Bevölkerung als Ausländer zu bezeichnen und ihr die nötigsten Bürgschaften zu entziehen. Ein Gegenstück zu diesen neuesten Schritten der Toleranz von seiten der rumänischen Regierung und der Kammer bildet das Gesetz über die Beförderung in der Armee, durch welches die Juden von der Beförderung zum Gefreiten ausgeschlossen werden (als Ausländer). Und doch!, bemerkt der Bericht sarkastisch, wenn Rumänien in einen kriegerischen Konflikt hineingezogen wird, werden mehr als 20 000 Juden zu den Waffen gerufen und werden ihr Leben in den Dienst eines Landes stellen, das sie wie Parias behandelt. Eine andere antisemitische Verordnung des Parlaments aus der jüngsten Zeit ist die Bestimmung, welche die Aufnahme der Kinder der rumänischen Juden in die Mittelschulen vielen neuen Beschränkungen unterwirft. Türkei. Die Repatriierung der Flüchtlinge. Von Berlin wurde im Aufträge der Union des Assoeiations Israel ites die Weisung gegeben, die Kriegsflüchtlinge in kleinen Gruppen in ihre früheren Wohnsitze zurück zu verbringen. Der erste Zug 300 an Zahl ist unterwegs und wird zu bedeutend ermäßigten Preisen vom Oesterreichischen Lloyd nach Burgas befördert. Dort hat sich ein besonderes Komitee gebildet zur Aufnahme der Gruppen und zur Weiterbeförderung derselben nach Adrianopel und den anderen Plätzen. Es wird erwartet, daß in etwa drei Wochen alle Flüchtlinge in ihre früheren Wohnsitze zurückgekehrt sein werden. Das Hilfskomitee in Sofia hat bis jetzt von der Union des Association Israelites in Brüssel 225 000 Franken erhalten. Diese Summe wurde folgendermaßen verteilt: 70 000 Franken für die jüdischen Gemeinden in Bulgarien, 15 500 Franken für die verschiedenen Plätze in den neu besetzten Gebieten, 60 000 Fr. für das Hilfswerk in Adrianopel und 13 000 Fr. für die Heimbringung der nach Salonik geflüchteten jüdischen Bevölkerung von Jstip. Das Hilfskomitee von Sofia beabsichtigt, in den wichtigsten Plätzen der eroberten Distrikte Leihkassen zu errichten, um den Handwerkern und Krämern die Wiederaufnahme ihrer Erwerbszweige zu ermöglichen. Jüdische Finanzinspektoren in der Türkei. Die türkische Regierung hat beschlossen, in Anatolien Finanzinspektoren mit erweiterten Vollmachten anzustellen, um die wirtschaftliche Hebung dieser Gegenden und die Reorganisation der dortigen Verwaltung in die Wege zu leiten. Drei Juden sind von dem Finanzministerium zu diesen verantwortungsvollen hohen Aemtern ausersehen. Zia Bey Matalon soll Generalinspektor in Bassora, Ferid Bey Assev soll Inspektor des Vilajets Bon und Bitlis in Armenien und Zeki Bey Hayon soll bei Aufrechterhaltung seiner Würde als Generalinspektor mit der Reorganisation und Leitung des Stabs beim Ministerium für Post und Telegraphen beauftragt werden. Unter den Forderungen Frankreichs an die Pforte findet sich nebst dem Anspruch auf das Protektorat über die Kongregationisten-Schule in der Türkei auch diejenige über den Schutz verschiedener jüdischer Institute, namentlich über das hebräische Gymnasium in Jaffa, das in der vom französischen Gesandten ausgestellten Liste unter dem Namen „Gymnase Jbrith de Jaffa" figuriert. Auch sollen infolge der großen durch den Krieg eingetretenen Veränderungen in der Lage der Türkei und auf die Vorstellung verschiedener Persönlichkeiten, die an der jüdischen Kolonisation Palästinas ein starkes Interesse haben, die „Jca" und Baron Edm. v. Rothschild versprochen haben, neue Ländereien in Palästina zur Besiedelung mit Juden anzukaufen und dies Werk mit ihren Mitteln kräftiger zu unterstützen. Amerika. Die neue Regierung und die Pahfrage. Eine bemerkenswerte Aeußerung über die noch in der Schwebe befindliche Paßfrage, die bekanntlich den Anstoß zur Kündigung des amerikanisch-russischen Handelsvertrags gegeben hat, ist folgender Brief, den der Staatssekretär B r y a n einem amerikanischen jüdischen Blatte geschrieben hat. In diesem Briefe heißt es unter anderem: Ihr Geschätztes erhalten. Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf den Passus unseres Programms richten, der den Schutz amerikanischer Bürger behandelt und den ich schon vor der Beschlußfassung in der Konvention gebilligt habe. Es ist mir angenehm, die Gelegenheit zu finden, mich über diesen Punkt auszusprechen. Ich erkläre, daß dieser Punkt unserer Konvention einen nach Gebühr beglaubigten Paß voraussetzt, der von der Regierung der Vereinigten Stauten an einen amerikanischen Bürger ausgefertigt ist, und der ihn berechtigt, überall die Behandlung zu beanspruchen, die ihm als solchem gebührt, in welchem Lande er auch reise, und welcher Rasse, welchem Glauben oder welcher früheren Nationalität er auch angehöre. Zu unserem Programm gibt es in dieser Hinsicht keine Einschränkungen; auch drückt das Programm nicht nur meine persönliche Ansicht aus, sondern die Ansicht der ganzen in der Konvention vereinigten Partei. Ich brauche kaum hinzuzufügen, daß Rußland keine Ausnahme macht und daß die amerikanischen Juden Anspruch aus den gleichen vollen Schutz haben wie irgend ein Amerikaner von anderer Rasse oder Religion und daß sie ebenso in Rußland wie in irgend einem anderen Lande geschützt werden müssen. Daß die gegenwärtige Regierung, die vor der Wahl gegebenen Versprechungen einzulösen gedenkt, geht auch aus einem Bericht hervor, den der Präsident des American Jewish Eomitee Louis Marschall bei der neuesten Versammlung der New-Porker Kehilla abgegeben hat. Louis Marschall sagte bei dieser Gelegenheit unter anderm: Seit der Kündigung des russisch-amerikanischen Handelsvertrages sind manche Anstrengungen gemacht worden, einen neuen Handelsvertrag zu Weg zu bringen. Die russische Regierung hat den Versuch gemacht, die Presse in dem Sinne zu beeinflussen, einen Vertrag herbeizuführen ähnlich dem früheren. In diesem Sinne sind in der amerikanischen Presse Artikel veröffentlicht worden, die die öffentliche Meinung zu der Ansicht bekehren sollten, daß es möglich fei und dem Wunsche der russischen Regierung entspreche, einen Modus vivendi zwischen den beiden Staaten her^ustellen, nach welchem die Geschäfte, wie nach dem gekündigten Vertrag geführt werden sollen, mit der Maßgabe, daß die Paßfrage späteren Verhandlungen Vorbehalten sein solle. Das Komitee fand die Angelegenheit für wichtig genug, um bei dem Präsidenten der Vereinigten Staaten persönlich Vorstellungen dar-