Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 23 (6.6.1913)
- Date
- 1913-06-06
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9052070-9096771-9097301--0405-9052472- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 23. Das jüdische Klatl. 5 Verwaltung anvertrauten Gebiete erwarten kann. In ihm würde daher die jüdische Kolonisation in Palästina zweifellos einen wirksamen Förderer finden. Rußland. Der Judenboykott in Polen. Petersburg. Ueber die bisherigen Ergebnisse des polnischen I u d e n b o y k o t t 5, der jetzt etwa ein halbes Jahr dauert, gibt das jüdisch-progresfistische Warschauer Blatt „Przeglond Codzienny" folgende Darstellung, deren Zuverlässigkeit durch die Berichte der russischen Presse aller Parteien im einzelnen bestätigt wird. Einige Dutzend jüdischer Geschäftsläden, deren Inhaber froh waren, für teures Geld wenig einträgliche Betriebe los zu werden, sind in polnische Hände übergegangen; die meist im Handel unerfahrenen Käufer, die auf den polnischen Nationalismus spekulierten, haben z. T. jetzt schon schlechte Erfahrungen gemacht. Andere polnische Unternehmer gründeten „Genossenschaften", die in Wirklichkeit Einzelunternehmen darstellten, aber die Möglichkeit boten, dem Publikum unter der Form von Anteilscheinen Geld aus der Tasche zu ziehen; von diesen Unternehmungen sind schon mehrere bankrott geworden. Die Juden beantworteten den Boykott mit ähnlichen Maßnahmen, was selbst einige der größten polnischen Unternehmer zu beunruhigendeu Erklärungen an ihre bisherigen jüdischen Abnehmer veranlaßte. Eine weitere Schädigung erlitt der polnische Handel dadurch, daß die russischen Konsumenten und die russischen Einkäufer systematisch die Juden zu begünstigen anfingen, was sich teilweise aus dem auch gegen die Russen gerichteten Charakter der polnischen Bewegung, teils aber auch aus der Ueberzeugung erklärt, daß man bei den durch den Boykott geschädigten Juden billiger kaufen könne als bei Polen. Die wirtschaftlich weniger kräftigen polnischen Kleinkaufleute und Handwerker haben fast überall ihre jüdische Kundschaft verloren, da selbst die von nationalistischen Ideen am weitesten entfernten radikalliberalen Juden angesichts des Boykotts lieber ihre Stammesgenossen beschäftigen, die große jüdische Masse aber instinktiv auf den Boykott mit derselben Maßnahme antwortet. Die jüdischen Industriellen fangen an, mit Vorliebe jüdische Arbeiter einzustellen. Die genossenschaftliche Bewegung, die vor dem Boykott von der polnischen Bourgeoisie, und dem Klerus künstlich gefördert wurde, beginnt zu verfallen, da die nämlichen Kreise jetzt ihr Hauptaugenmerk auf die Vermehrung der Zahl polnischer Kleinkaufleute und Krämer richten. Die polnischen Hausbesitzer, die den Juden keine Wohnungen und Läden vermieten wollen, sind gezwungen, die Mietspreise ihrer polnischen Mieter zu steigern, um den Ausfall zu decken. Die Boykottbewegung scheint anderen Nachrichten zufolge langsam abzuflauen, als bleibendes Ergebnis wird sie aber jedenfalls eine schlimme Verbitterung zurücklassen — ein „idealer" Erfolg, auf den es polnischen Antisemiten vielleicht mehr ankam als auf die praktischen Ergebnisse, deren Kosten die wirtschaftlich Schwächsten der beiden Nationalitäten tragen müssen. Eine jüdische Emigrantenbank. Am 25. d. M. findet in Petersburg eine Beratung der Delegierten der großen jüdischen Gesellschaften und Kreditvereine Rußlands statt, um die Gründung einer jüdischen Emigrantenbank zu beschließen. Die Notwendigkeit eines solchen Finanzinstitutes zum Schutze der materiellen Interessen der russischen Emigranten wurde wiederholt nachgewiesen. Es ist ja bekannt, daß die jüdischen Emigranten von dein Momente an, da sie die Absicht, das Land der Bedrückung zu verlassen, äußern, das Ziel der Beutegier ruchloser Agenten sind und daß, wenn sie den Fangarmen dieser Unmenschen glücklich entronnen und am Ziele ihrer Wanderung angelangt sind, dort wieder das lukrativste Ausbeutungsobjekt jener Tausenden von Schwindelbanken sind, die in Amerika die armen eingewanderten Juden bewuchern und sie ihrer Ersparnisse berauben. Ebenso bekannt sind die zahllosen Fälle, in denen jüdische Einwanderer in Amerika Geldbriefe nach Hause schicken, die aber ihre Familie niemals erreichen, weil sie unterwegs spoliiert wurden. Diesen Nebeln abzuhelfen, hat sich die zu gründende jüdische Emigrantenbank zur Aufgabe gestellt. Wie wichtig eine solche Institution gerade für die russischen Juden ist, geht schon daraus hervor, daß laut der offiziellen Statistik im vorigen Jahre eingewanderte Juden ihren Verwandten nach Rußland die ansehnliche Summe von 40 Millionen Dollar geschickt haben. Die Idee der jüdischen Emigrantenbank wird insbesondere von dem bekannten russischen Jtoisten Herrn Dawidowitsch propagiert, der für die Forderung dieser Aktion nunmehr auch die jüdischen Finanziers von London gewonnen hat. Diese Frage war übrigens auch Gegenstand der Beratungen anläßlich der vorjährigen Jto-Konferenz in Wien. Es fei noch daran erinnert, daß die großen jüdischen Gemeinden und jüdischen Körperschaften in Rußland für die Zwecke der Bank bereits ansehnliche Summen gezeichnet haben. Rumänien. In dem soeben erschienenen Jahresbericht 1912 der A l - l i a n c e I s r a 6 l i t e Universelle ist eine Notiz über Rumänien von ganz besonderer Wichtigkeit enthalten. Zu einem Gesuch der eingeborenen Juden macht nämlich der König von Rumänien folgende eigenhändige Randbemerkung: Dem Minister für Handel und Gewerbe zur ernsten Betrachtung empfohlen mit dem Bemerken, daß die angemessenen Maßregeln geboten erscheinen, um diesem berechtigten Gesuche Folge zu geben. Ein so bedeutender Bevölkerungsteil, der schon Hunderte von Jahren hier ansässig, der durch mehrere Geschlechter hier geboren ist, kann nicht bestehen, ohne daß ihm die Möglichkeit gewährt wird, von den Früchten seiner Arbeit zu leben. Dieses königliche Wort macht den Eindruck einer noch schüchternen, aber ernsten Fürsprache für die Herstellung einer gewissen Gleichberechtigung der Juden Rumäniens mit dem übrigen Volke. Diese Befürwortung von seiten des Königs, sagt der Bericht weiter, hat wohl den Handelsminister veranlaßt, in das Gesetz zum Schutz der nationalen Arbeit einen Paragraphen einzuschieben, der vom Parlament angenommen wurde und der folgenden Wortlaut hat: „Arbeiter, die keinen freinden Schutz genießen, mögen es einheimische oder ausländische Juden sein, sind in bezug auf die Arbeitergesetze nicht als Ausländer zu betrachten." Das ist das erstemal, sagt der Bericht, daß den rumänischen Juden die Eigenschaft von Einheimischen zuerkannt wird. Das genannte abgeänderte Arbeitergesetz schafft die Ungleichheit in der Behandlung ab, der die rumänischen Handwerker bisher unterworfen waren. Ein anderer in das gleiche Gebiet fallender Zwischenfall war die anfangs Februar 1913 durch die Kammer der Abgeordneten vollzogene Verwerfung eines Antrags des Kriegsministers, daß in einem neuen die Spionage von Ausländern betreffendeit Gesetze die eingeborenen Juden unter die Ausländer einzureihen seien.