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Das jüdische Blatt · 1913-06-06 · 23 (6.6.1913) · p. Seite 4

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
23 (6.6.1913)
Date
1913-06-06
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 Das jüdische Statt. Nr. 23. die besser situierten Kaufleute das Ghetto. Im Ghetto bleibt, was religiöser Beruf, konservative Gesinnung und Gefühl, vor allem aber die Armut in der enggedrängten Umgebung zurückhält. Die Zeit, in der im Innern der Stadt das Schieferdach das Schindeldach ersetzt, die Eisentraverse die Rohrdecke, Stein und Zement den Holzganq verdrängen, fand im Ghetto eine baulichen Neuerungen nicht mehr zugängliche Bewohnerschaft vor. Und so könnte der Rücksichtslose sagen, daß hier ein furchtbares Geschick eine dringende kommunalpolitische Aufgabe schrecklich radikal gelöst habe. Aber in diesem gefahrvollen Feuernest lebten Menschen in Freud und Leid. Diese Möbel, die in Trümmern und Fetzen in den Höfen und auf der Straße liegen, waren das ganze Gut, ein Hafen des Friedens der Aermsten, die hier nach dem sauren Ringen der Woche am Freitagabend der Sabbatbraut entgegensangen. Wer sie sah, diese Gasse, in der ungebrochenen, hohen Stille eines Sabbattages, wer durch sie wandelte, wenn sie von Fähnlein tragenden, festlich gekleideten Kinderchen bevölkert, freundlicher Lichterschein eines Thorafestes erleuchtete, oder wenn sie der lachende Jubel und Trubel einer maskenreichen Purimnacht durchjauchzte, der wird heute „an der eingefallenen Wand" mit ihren armen Bewohnern bewegt mitsprechen: „Siehe, die Stadt". Denn sie wird in ihrer alten Form nicht wieder erstehen. Es gilt Abschied nehmen von Menschen und Stätten. Kahl ragen die Schornsteine aus dem Gebälk des riesenhaften Nesterhauses empor, eines Massenquartiers, das hunderte Familien, die doch wieder eine traute Familie bildeten, beherbergte. Hier oben, auf dem gelbgetünchten Gange des sechs Stock hohen Hauses, wo jetzt Schutt und Asche lagert, lebte im Dunkel der Einsamkeit der mysteriöse Gottesmann, dem in stillen Nächten der Herr der Heerscharen sein Ohr neigte. In Fällen tätlicher Gefahr führte der letzte Weg zu dem geheimnisvollen Manne, damit er dem Sterbenden noch Genesung erbete. Aus diesem Hof zog auch der alte Wolf Freitag morgens auf den Fischmarkt, von wo er im roten Schnupftuch den Siechen fette Karpfen in das Versorgungshaus trug, das er den Armen seiner Gemeinde mit reichen Opfern gestiftet.hatte. Bon dem Gang, dessen Gitter jetzt bodenlos in die Tiefe hängen, lachten die hellen Augen her drei schönsten Mädchen des Ghettos, ein „jüdischer Frühling", in die Welt. Sie muhten den Gatten im äußersten Nordosten des Landes wählen, denn das Ghetto hatte keinen Mann, der den hohen Frömmigkeitsansprüchen des glaubensstarken Vaters genügt hätte. Und hier, an diesem vergitterten Fenster auf der breiten Stiege, vor dem jetzt ein Militärkordon aufgestellt ist, sah achtzehn Jahre lang im Lehnstuhl ein in Redlichkeit ergrauter Hüter der Lehre, ohne mit seinem Weibe ein Wort zu wechseln, weil dieses ihn bewegen wollte, weltlichem Reichtum die Lehre zu beugen. Er starb wie Leo Tolstoi mit dem lauten Bekenntnis zur selbstlosen Hingebung für das Wort Gottes auf den Lippen. Andenken, deren Heim in Schutt und Asche liegt. In der Toreinfahrt der „Jeschiwa" liegen die alten „Messingleuchter und Luster auf dem Boden. Der Rauch hat die Blender geschwärzt, Die Eisenstäbe vor dem Stammheim der Rabbinerdynastie hängen lose von den Gängen in den Hof. Die Treppenreihen des großen Hörsaales sind über und über mit Schutt bedeckt. Die weitgeöffnete heilige Lade ist leer. Die Talmudisten haben die Thorarollen gerettet. Der Geist, der hier in lauten Kümpfen und in stillen Palastrevolten das Banner der Orthodoxie im Streite gegen die Neuerung unentwegt hochgehalten hat, ließ die heiligen Schriften nicht untergehen. Steinmassen, Eisenstücke, Kleiderfetzen, Möbeltrümmer bedecken den weitgestreckten Hof des fürchterlich leergebrannten Zsigrayhauses, völlig ausgebrannt wankt das große Sonnenfeldsche Haus zur schlammigen Erde. Wo ist „das starke Männlein", das hier mit einer hohen weißen Halsbinde,. wie sie auf dem Goetheporträt Stielers zu sehen ist, im schwarzen Leibrock, eine antiquiert-groteske Karikatur verflossener Salonlöwenschaft, dem uneleganten Geschäft des Verkaufes alter Flaschen oblag? Auf dem Höhepunkt der Gasse beginnen Pioniere mit der Abtragung eines zusammenbrechenden Speisehauses. Es ist das Heim jenes einäugigen Frommen, der sich, ein Muster seiner Jünger, täglich eine Stunde betend und biißend im Vergessen übt, weil ihn eitle Neugierde einst bewogen hatte, den „Don Carlos" Friedrich Schillers zu lesen. Und wo sind die Kinder, die im weiten Edelhof unter den Akazien mit Nüssen spielten? Der Hof ist zerstört, die Akazien sind zerhackt und verbrannt. Und auf den „Stiegen" des Schulhofes, wo einst ein jauchzendes Kinderregiment in die Gasse hinabjagte, liegt ein rauchendes Gebälk, steigt der dünne, weiße Rauch zum hellblauen Abendhimmel. Vom Palsfy-Garten, dem einstigen Lustgarten heiterer Pfänderspiele, freundlicher Idyllen, weht ein lauer Wind herauf. Eine wundervolle, warme, mondhelle Maiennacht hat sich herabgesenkt. Von den Höhen der Schloßruine schweift der Blick über die glattgebrannten Häuser, über Trümmer und verödete Ruinen. S k u t a r i. Der Mond spiegelt sich in den stillen Fluten der alten, treuen Donau, die sanft an dem Erdreich des alten Judenfriedhofes vorbeizieht, an altem verwitterten Grabgestein. Maeterlinck erzählt in seinem.Märchenspiegel „Der blaue Vogel", daß die Toten drüben solange weiterleben, als sich ein irdisch Ding, ein irdisches Wesen auf dieser Erde ihrer erinnert. Die Stätte, wo die wundersamen Legenden und Sagen über die stillen Besitzer der „schmalen Bettlein" am Donaustrande weitergesagt und weitergesungen wurden, hat ein Tag des Unglücks in Elend und Asche verwandelt. Die Schatten sind heimatlos. Dr. I. Straffer. Aus aller Wett. England. Lord Milner Generalinfpeklor der Türkei? In einem von einem Anonysmus, von der Redaktion ols „hochgestellte Autorität" bezeichneten Persönlichkeit geschriebenen Artikel bespricht die Londoner „Time s" die Zukunft der Türkei. Nachdem die Türkei von ihrem europäischen Ballast befreit ist, ist sie auf die Neuorganisation Asiens verwiesen. Sie braucht dazu viel Geld. Die europäische Hochfinanz ist aber nicht gewillt, ihr ihr Geld ohne Kontrolle über die Verwaltung des Landes anzuvertrauen. Es wird daher vorgeschlagen, die finanziellen Angelegenheiten des Landes unter die Kontrolle einer europäischen Finanzkommission zu stellen und das Land in sechs Finanzinspektionen zu teilen, an deren Spitze ein Generalinspektor als finanzieller Ratgeber der Türkei stehen soll. Nun sind in den Tageszeitungen Telegramme aus Konstantinopel veröffentlicht worden, nach denen die Türkei sich bei der englischen Regierung dafür verwendet haben soll, Lord Milner, dem früheren Gouverneur von Südafrika, zu gestatten, das Amt des Generalinspektors in der Türkei zu übernehmen. Die Nachricht ist zwar noch nicht authentisch. Sollte sie sich bestätigen, daß Lord Milner das Amt des Generalinspektors der Türkei übernimmt, so könnte die Tatsache für die Kolonisation in Palästina und die jüdischen Interessen in der Türkei von der größten Wichtigkeit sein. Lord Milner hat jüngst von seiner Auffassung von der Berechtigung und Verpflichtung der Judenheit die Sache ihrer in manchen Staaten entrechteten Glaubensgenossen zu vertreten, eine erfrischende Probe auf dem Bankett der englisch-jüdischen Gesellschaft in London gegeben. sWir haben darüber berichtet.! Er hat sich als ausgezeichneter Verwaltungsbeamter bewährt und sich besonders dadurch ausgezeichnet, daß er es verstanden hat, durch gerechte Zugeständnisse diejenigen Elemente der Bevölkerung an sich zu ziehen, von denen er eine wirtschaftliche Hebung der seiner

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