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Das jüdische Blatt · 1913-06-06 · 23 (6.6.1913) · p. Seite 3

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
23 (6.6.1913)
Date
1913-06-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 23. Das jüdische Klatt. 3 Gedenktag mit dem Prophetenwort des Offenbarungsfestes betet: Laß Dein Wirken leben im wirbelnden Strome der Jahre. I'. Iv. Die bayerische HlavViner-Konferenz. Dem Entrefilet zu diesem Gegenstand ist noch folgendes nachzutragen: Der Antrag der fünf Herren auf Absetzung von der Tagesordnung erstreckte sich auch auf alle anderen Punkte, welche ein religiöses Moment enthielten (Abwehr in Sachen Schechitah, Seelsorge für Irre und Gefangene). Die Antragsteller gingen dabei von der Anschauung aus, daß Gegenstände religiöser Artung von der Konferenz auszuschließen seien. -- „Jüdische Anmaßung." Unter dieser Ueberschrift beschäftigt sich der antisemitische Deutschnationale Handlungsgehilfen-Verband mit dem Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der allen jüdischen Arbeitgebern dringend empfiehlt, Mitglieder des D. H. V. nicht anzustellen. Der genannte Handlungsgehilfen-Verband bemerkt bei dieser Gelegenheit: „Wir werden in Zukunft jede Firma, die Mitglieder des D. H. V. grundsätzlich entläßt oder nicht anstellt, regelmäßig öffentlich bekannt geben und sowohl unsere gesamten Mitglieder zu ihrem Boykott auffordern als auch sie zu veranlassen wissen, in Bekanntenkreisen für einen weitgehenden Boykott zu wirken. Vielleicht werden sich dann die betroffenen Firmen beim Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens dafür bedanken, daß er sie in eine Gegnerschaft zu 135 000 im Handel zum Teil an hervorragender Stelle tätigen Personen gebracht hat." Der Deutschnationale Handlungsgehilfen-Verband überschätzt seine Kräfte wieder einmal, wenn er ernstlich annimmt, diese Kanonade könne irgend jemand einschüchtern. Auch sein Notruf an „diesen und jenen", der „dreinschlagen" soll, ändert nichts daran. Um den Teufel mit Erfolg zu zitieren, bedarf es noch anderer Künste. (Der Detaillist.) Wrief vom Lande. LXIX. Wohin gehen Sie diesen Sommer? Interessante Frage, nicht wahr? Und ein sehr würdiges Pendant zu den Gesprächen über das Wetter. Jedenfalls hört man die Frage sehr oft. Nun ja, es gibt verschiedene Sommerreisen, und der Weizen der Badeorte blüht. Soll ihnen redlich gegönnt sein. Um so mehr war ich baff, als mir jüngst der Kabron') wehmütig klagend den merkwürdigen Satz entgegenhielt: Es wird heutzutage gar so wenig mehr gereist. Nanu? sagte ich erstaunt. Ja, sehen Sie, antwortete er, es kommt ja fast kein Mensch mehr auf Xever ovaus.2) Ja früher, wenn nur das schöne Wetter kam, da gab es Besuch, auch die Enkel und Urenkel der da draußen Gebetteten erschienen. Aber, heutzutage bleiben selbst die Kinder aus. Freilich, wir liegen etwas abseits vom großen Verkehr und eine Vergnügungsreise ist es gerade nicht. Aber ich glaube, das hängt noch mit etwas anderem zusammen. Kommen Sie doch mal raus auf unfern guten Ort, da werden Sie Wunder sehen. Früher da gab man wenig Geld aus für den Grab- ') Friedhofsaufseher. 2) Besuch der Ahnengräber. stein und machte dafür irgend eine Stiftung zum ehrenden Angedenken, und ich sage Ihnen, diese alten Stiftungen mit fünfundzwanzig Gulden von den Groschen der Armen, die waren ein sehr dauerhafter Grabstein. Aber jetzt, du mein lieber Himmel, jetzt hat man prachtvolle Monumente und keine Stiftungen. Früher ein paar schlichte Worte in der Sprache unserer Gebete, jetzt ganze Gedichte. Damit ist's aber dann Schluß der triefenden Pietät. Und wissen Sie, so schloß seufzend der biedere Kabron, wenn schon einer zu Besuch kommt, dann kommt er am ersten Selichestag, wo es nichts kostet. Ja, ja, schlechte Zeiten-Ich suchte zwar den guten Mann zu beruhigen, aber es wollte mir nicht gelingen. Schließlich fragte ich ihn: Da Sie doch nichts zu tun haben, wohin reisen Sie denn diesen Sommer? — Ei da wurde er wild. Nichts für ungut, sagte ich, ich bleibe nach wie vor Ihr wohlgeneigter Rosch Hakohol. Das Ureßßurger chhello. Im „Pester Lloyd" veröffentlicht Dr. Straffer einen „In memoriam" betitelten Artikel, dem wir folgendes entnehmen. Die Redaktion. Sie hieß eigentlich nicht Schloßgrundgasse, sie hieß auch nicht Judengasse, sie hieß schlechthin „die Gasse", denn nie nannte sie der Ehettobewohner anders. Von dem zierlichen Bifflischen Häuschen, einem wundersamen Gemisch deutscher Renaissance und späten Rokokos, schauen heute die zwei mit Blumenreliefs zart umwobenen Giebelfenster wie trauernd auf die Sandflächen des Fischplatzes hinunter. „Die Gast'" ist überhaupt keine Gasse mehr. Die Gäßchen und Gassen, die an ihrer Seite den Berg hinanlaufen, streuen, wie Hände des Verzweifelten, Asche auf ihr betrübtes Haupt und ihre Bewohner, ärmste, ringende Juden, rufen es, jeder ein Jeremias, klagend: „Siehe, die Stadt!". „Sagen Sie meinem Bruder, alles ist verbrannt," hallte es aus einem Fenster. Ein junges,, abgehärmtes Mädchen ist die Ruferin. „Ich kann bei die Berger bleiben", ruft, mühevoll das Weinen erstickend, ein anderes Mädchen. „Geben Sie acht auf den Diwan. Ihr zerreißt mir den Diwan," kreischt eine Greisin, die wandelnde Verzweiflung, den Trainsoldaten entgegen, die die Habe der Unglücklichen in Sicherheit bringen. In der Einfahrt einer Mietskaserne ist ein Massenquartier aufgeschlagen. Slovakische Infanteristen verhindern, zum Schutze der aufgestapelten Habe, den Ein- und Ausgang. Ein blonder Junge mit den obligaten Löckchen lugt furchtsam spähend hinter den Bajonetten hervor. Plötzlich dringt er flüchtend auf die Straße. Er wird von den Soldaten mit Strenge zurückgebracht und er erklärt ihnen vergebens, daß er die schweren Lederbände, heilige Folianten, die er unter den Armen hält, an einen sicheren Ort bringen müsse. Eine neue Diaspora der Familien und des armseligen Gutes, ein „bitterer Sabbat" ist über diese Unglücklichen gekommen. Die Frauen in der „Gasse" tragen immer die Züge der Traurigkeit, einer ängstlichen, zagenden Leidhaftigkeit, die ohne besonderen Anlaß stets kommenden Uebeln entgegenbebt. Diese Aengstlichkeit der Vielgeprüften offenbart auch das Bausystem des Ghettos, in dem sich wie Lämmer im Sturm Haus an Haus drängt, Gäßchen über und durch Gäßchen windet. Dabei darf man nicht an das Einfamilienhaus der alten deutschen Stadt denken. Dem Ghetto war die schwierige Aufgabe gestellt, eine stets wachsende Bevölkerung auf einem Gebiete zu beherbergen, dessen Grenzen nur um hohen Preis oder auch überhaupt nicht ausgedehnt werden konnten. Hochragende, vier, fünf Stock hohe Bauten, die, in drei, vier Höfe zerfallend, beträchtlich in die Tiefe greifen und mit zahllosen, regellosen Anbauten und Erkern, mit Arkaden und Terrassen auch den Luftraum und die Straße okkupierten, mußten ersetzen, was die mangelnde Möglichkeit einer Gebietsausdehnung versagte. Mit der Oeffnung der inneren Stadt für das Judentum verlassen

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