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Das jüdische Blatt · 1913-06-06 · 23 (6.6.1913) · p. Seite 2

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
23 (6.6.1913)
Date
1913-06-06
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 Das jüdische Klutt. Nr. 23. Einzige Israel berief, um ihm die Worte des ewigen Bundes zu verkünden. „Diese Worte sprach der Ewige zu Eurer ganzen Versammlung" (Deuter. 5). Nicht einer Priesterkaste, nicht einem Gelehrtenstande wurde das göttliche Gesetz zur Hut und Pflege überwiesen; jeder in Israel sollte befähigt sein, selbst aus den Quellen der Gotteserkenntnis die Weisung für sein Tun und Lassen zu schöpfen — das war das Ideal, das unserem ersten gottgesandten Führer, sowie allen folgenden Gottesmännern vorschwebte (Numeri 11, 29; Jesaias 11, 9), und der erste Spruch, den das jüdische Kind von seinem Vater erlernt, lautet, daß die Gotteslehre das Erbgut der ganzen Gemeinde Jakobs sein und bleiben soll. Und dies kam Jahrtausende hindurch in Israel zur vollen Geltung. Jeder, welchem Berufe er auch angehörte, beschäftigte sich, je nach seinen Fähigkeiten, täglich einige Zeit mit dem Worte Gottes. Jeder schätzte sich glücklich, seine Kinder mit einer möglichst großen Kenntnis in Thora ausrüsten zu können. Jede Gemeinde betrachtete es als ihre unerläßlichste, höchste Pflicht, Anstalten für die Wissenschaft der göttlichen Lehre zu errichten und zu unterhalten, und die Lehrhäuser der Thora waren in jüdischen Kreisen die heiligsten Räume. Und dieser Geist der jüdischen Lehre, der unsere Ahnen beseelte, hat sich in seiner Wunderkraft glänzend an ihnen bewährt in den dunklen Jahrhunderten des Druckes und der Verfolgung: die Worte des lebendigen Gottes und die Lehren der Weisen aus grauer Vorzeit wurden ihnen zur Kraftquelle, aus der sie Trost und Aufrichtung, Mut und Kraft schöpften, dem Sturme der Zeiten zu widerstehen. Wie weit ab von dieser wahren jüdischen Lebensanschauung wandelt unsere Zeit gedankenlos dahin! Die Gotteslehre ist nicht mehr der Mittelpunkt der jüdischen Gegenwart, aus den Wohnungen Israels wurde sie, der Lebenskern und der Lebensnerv des Gottesvolkes, in die Studierstube der „Geistlichen" verwiesen. Die Jugend strebt nach anderen Idealen und nährt den Geist an anderen Quellen. Und mit der Lehre ist auch die religiöse Pflichttreue und die religiöse Lebensführung den Zeitgenossen entschwunden. Sind es aber wirklich so heilverkündende Zustände, die wir dafür eingetauscht haben? Sind wir glücklicher und zufriedener, ist unsere Jugend besser und sittlicher, unser Familienleben inniger geworden, seitdem wir die Pfade der jüdischen Lehre und der jüdischen Pflicht verlassen haben? Können wir auf edlere und erhabenere Charaktere unter uns Hinweisen, als unsere im Lichte der Gotteslehre wandelnden Ahnen waren? Sollten wir uns nicht entschließen, unser heiliges Erbgut nach seinem unvergleichlich hohen Werte wieder zu schätzen, ihm wieder mit treuer, opferfreudiger Hingebung uns zuzuwenden und am Feste der Offenbarung den alten Bundesschwur mit dem Ewigen, unserem Gotte, zu erneuern-? Rabb. Schüler. -^- ßin ernster Hedenklag für die IudenHeil Bayerns. (1813—1913.) Am 10. Juni 1813 zeichnete der hochselige König Max Joseph das Edikt, die Verhältnisse der jüdischen Glaubensgenossen im Königreiche Bayern betreffend. Hundert Jahr sind seitdem über die Erde gezogen; in hundert Jahren welkt vieles, was den Keim des Todes in sich trägt, doch was 100 Jahre stolz überdauert, ist die Frucht einer Tat des Lebens. So bröckelte in diesen 100 Jahren alles ab, was in bezug auf die bürgerliche Stellung der Juden Einengendes im Judenedikt war. Doch dasjenige, was es an religiösen Werten in sich birgt, das lebte und lebt. Ob es leben wird? Dieses Fragezeichen gibt den Grundton der Jubiläumsstimmung. Wie Menschen, welche der Runzeln ihrer Mutter lachen, möchten sehr, sehr viele aus der Geburtstagsfeier eine Leichenrede machen. Vor 12 Jahren noch waren alle bayerischen Juden stolz auf den sittlichen Ernst der durch das Judenedikt von 1813 geborenen religiösen Verhältnisse. Die hatten Rabbinergeschlechter gezeitigt, welche die Welt nicht durch die Brille persönlich streberischen Ehrgeizes betrachteten, Lehrergeschlechter, welche treue Wächter und Hüter waren, Laiengeschlechter, welche sich die keusche Achtung vor dem Ueberlieferten in den Sturm schwerer Zeiten hinübergerettet hatten. Unter dem Schutze dieses Ediktes erstanden unsere pädagogischen Pflanzstätten, in deren Wartung und Erhaltung sich die ganze bayerische Judenheit zusammengefunden hatte. Aber Du arme, alte Ahnin! Was hast Du im jüngsten Jahrzehnt erlebt. Da stürmte es gegen Dich heran! Und, verzeihe mir das grausame Wort, das häßliche, kein gutes Haar mehr wurde an Dir gelassen. Und Volkstribunen mit tönendem, billigem Pathos wollten Dir gnädig einen Platz in der Rumpelkammer anweisen. Wer weiß, vielleicht sind wir die Einzigen, die Dir an Deinem Geburtstage mit einem sehr, sehr wehmutsvollen Glückwunsch nahen. Uns bangt nicht um die Fetzen des im gachen Kampf zerrissenen Gewandes, uns bangt um Dein Herz. Und mit Dir jammert uns Deine um 50 Jahre jüngere Tochter (Ministerialentschließung vom 29. Juni 1863).- Wahrlich, es ist ein erschütterndes Bild der Undankbarkeit, Wer wird an einem solchen Gedenktag sich trockenen Raisonnements über den staatskirchenrechtlichen Wert hingeben? Wer weiß, wie und wann zum Todesstreich ausgeholt wird? Aber eines glauben wir und eines fürchten wir. Es kann nichts geschaffen werden, das besser und schöner dem religiösen Leben dient und dem Frieden, dem Frieden in den Gemeinden und dem Frieden zwischen den Ständen. Das möchten wir insbesondere an diesem Geburtstage der Orthodoxie ans Herz legen. Der 10. Juni 1913 ist der Rüsttag zum Offenbarungsfeste. Da wollen wir einmal alle ins stille Kämmerlein gehen und uns folgendes ganz geruhsam überlegen. Wie hatte doch noch vor fünf Jahren die bayerische Orthodoxie so stolz verkündet, das Judenedikt könne nur von einem Gesetz abgelöst werden, das einzig und allein den Interessen der Orthodoxie dienen würde. Und nun ist der letzte Eurer Hoffnungsanker die Rabbinerkonferenz. Wir sind offen genug, am Rüsttage des Offenbarungsfestes von denen, welchen das Offenbarungsfest nicht das Fest eines göttlichen Wunders ist, von den Richtlinienbekennern zu sagen, daß wir sie für ehrliche Männer halten. Und nun Du stolze Orthodoxie Dein Banner wehte über der Wiege des Ediktes und seiner Tochter und jetzt erwartest Du Dein Heil von der inneren Unehrlichkeit ernster Menschen?? Ja wahrlich, das sind seltsame Gedanken an einer Geburtstagsfeier. Das ist der Hauch des Todes. Wir aber geloben jene aus Dank gewobene Treue, die, stets verkannt, unter Tränen Liebe säet und auch an diesem

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