Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 21 (23.5.1913)
- Date
- 1913-05-23
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Das jüdische Matt. Nr. 21. Universitäten die größte Zahl ausländischer Studierender, in 1612 über 45 Prozent aller. Davon sind zwei Drittel Inden. Während in früherer Zeit die philosophische Fakultät bevorzugt war, ist es heute die medizinische. Der Zudrang von Ausländern zu der medizinischen Fakultät in 1911 '12 betrug 1486. Davon waren 1111 Russen. Es fanden sich ausländische Medizinstudierende 1611/12: Berlin . . . überhaupt . . 1528 264 Russen 17.3 « .. Breslau . . . . 468 64 13.7 > .6alle . . . . 289 73 - 25.3 »'» Königsberg . . 407 148 36.4 «/., München . . 2010 259 12.9 1 > Leipzig . . . 761 184 — 24.2 Heidelberg . 594 73 12.3 « Straßburg . . - 366 46 12.6 °/o Ausländerinnen fanden sich auf deutschen Universitäten 1911,12 in der medizinischen Fakultät 104, in allen Fakultäten im ganzen 269. Von den 104 weiblichen Studierenden der Medizin stammen ebenfalls die ineisten, 76 von 104, aus Rußland. Den jüdischen Studierenden in Rußland sind bekanntlich die russischen Universitäten fast völlig verschlossen, ihnen ist das Studium nur auf ausländischen Hochschulen möglich. ' Oesterreich-Ungarn. Preßburg. Großes Brandunglück i m Iud e n - viertel von P r e ß b u r g. Die jüdische Bevölkerung unserer Stadt ist am Samstag, den 17. Mai, von einem entsetzlichen Brandunglück heimgesucht worden. Gegen 2'/> Uhr nachmittags brach in der dem Judenviertel benachbarten Petöfigasse aus unbekannter Ursache ein Brand aus, der sich infolge des orkanartigen Sturmes rapid ausdehnte und alsbald in die fast ausschließlich von Juden bewohnten Straßenzüge: Nikolaigasse, Schloßgrundgasse, Kapuzinerstraße, Schloßstraße und Klarissengasse Übergriff. Im Verlaufe einer Stunde stand ein Komplex von etwa neunzig Häusern in Flammen. Die Lokalisierung des Brandes bot die größten Schwierigkeiten, weil das Terrain des Judenviertels sehr hügelig und winkelig ist und die alten Häuser, teilweise mit Schindeln gedeckt, bis zum Dachboden mit altem Hausrat vollgepropft sind. Herzzerreißende Szenen spielten sich ab. Die armen jüdischen Trödler und Kleinkrämer suchten aus den brennenden Häusern und Geschäftsläden ihre arniselige Habe herauszuschleppen; außerhalb des Militärkordons standen jammernd die Angehörigen der im Brandteile Verbliebenen, weil sie nicht zu den Ihrigen gelangen konnten. Unter den obdachlos gewordenen 1500 Familien befinden sich etwa 1200 jüdische, gleich 6000 Seelen. Die armen Leute wurden in Schulen, im. Volksheim, in verschiedenen Stiftungshäusern, in den Kasernen, Spitälern und im Palais des Erzherzogs Friedrich untergebracht und durch Lieferung von Milch und Brot vor dem Hunger geschützt. Der berühmte Lehrsaal der Preßburger Jeschibah, die sogenannte „Schiurstube", ist samt allen Büchern der reichen Bibliothek zugrunde gegangen. Die orthodoxe Synagoge wurde schwer beschädigt; die Thorarollen und Synagogengeräte konnten gerettet werden. In vielen brennenden Häusern des Judenviertels lagen alte und kranke Leute hilflos. Militär und Feuerwehrleute drangen mit Todesverachtung in die brennenden Wohnungen ein und trugen auf Tragbahren die Hilflosen hinab in die Stadt. Bisher ist nur ein Todesfall bekannt geworden, der eines Feuerwehrmannes, der während der Löscharbeiten voin Schlage getroffen wurde. Ferner wird ein jüdischer junger Mann vermißt der im dritten Stockwerk eines Hauses der Judengasse (Schloßgrundgasse) krank zu Bette lag. Die Zahl der Verwundeten ist sehr groß; darunter foUen sich 38 Schwerverletzte befinden, von denen manche ihren Wunden erliegen dürften. Ein junges jüdisches Mädchen wurde irrsinnig. Der materielle Schaden wird auf mehrere Millionen Kronen geschätzt. An den Lösch- und Rettungsarbeiten beteiligten sich auch die telephonisch herbeigerufene Wiener Feuerwehr lind die Wiener Rettungsgesellschnft. Erst gegen 8 Uhr abends konnte der ungeheure Brand lokalisiert werden lind erst in den frühen Morgeilstlinden tonnten die Feuerwehren ihre Aktion beenden. Das Eleild unter der jüdischen Bevölkerung ist uilbeschreiblich. Hunderte voll Fanlilien siild obdachlos geworden und völlig all den Bettelstab gerateil. Es wurde sogleich eine Hilfsaktioil eiilgeleitet, uild bisher ist ein Betrag von etwa 200 000 Kr. zur Linderliilg der grenzenlosen Not aufgebracht wordeil. England. Bemerkenswerte Worte hat Lord Blilner der allsgezeichnete englische Staatsmann, der lange Zeit der höchste Vertreter Englands in Südafrika und Egypten gewesen ist, bei einem Bankett der Anglo-Jewisch-Association gesprochen. „Ich muß sagen, sagte er, daß das Streben der Anglo-Jewisch-Association für die Juden in allen zivilisierten Läilderil Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und staatsbürgerliche Freiheit zu erlangen, meine tiefste Sympathie hervorruft. Ich fühle, daß ich, wenn ich selbst ein englischer Jude wäre, von meiner Sicherheit, Unabhängigkeil und Würde als britischer Bürger dazu gedrängt wäre, alle meine Kräfte daran zu setzeil, uin diejcnigell Allgehörigen meiner Rasse und meiner Religion, die unter Bedrückung und Herabsetzung leideil, zu befreieil. Ich kann ilicht umhin, meiile große Sylnpathie für meine britischen Mitbürger, die als Juden für die soziale liild politische Besserstellung der Juden in anderen Ländern einstehen, auszudrücken. Ich glaube auch, daß Ihre britischen Mitbürger, die feine Juden sind, in diesem Streben Jhileil beizustehen verpflichtel sind. Unhiarid. Eine Emigrankentragödie. Die Petersburger „Rjetsch" meldet den folgenden schrecklichen Fall einer Emigrantentragödie: Aus Belzi, im befsarabischeil Gouvernement, beschloß eine Gruppe von Juden, die in ihrem Heimatstädtchen, in deni sie geboren und erzogen - wurdeil, ilicht mehr geduldet wurden, nach Amerika auszuwaildern. Man duldete sie wohl nicht in ihrer Heiinatstadt, aber inail folgte ihnen auch feine Auslandspässe aus, um legal dieses Land jüdischen Jammers verlassen zu können. So vertrauteil sie sich denil einem der bekannten Emigrantenschwärzer an, der sie auf einein Boot über den Grenzfluß hinüber bringen sollte. Sie besailden sich mitten im Flusse, als der Grenzsoldat sie erblickte unb ihnen zurief, umzukehren, weil er sonst schießeil lnüsse. Auf dem Boote, das ohnedies mit der Last von 50 Emigranteil schwer vorwärts kam, brach infolge der Drohung der Grenzwache furchtbare Panik aus, die damit endete, daß das Boot unlkippte und sämtliche Emigranten, bis auf zwei, die mit schwerer Mühe gerettet merdeil konnten, ertranken. Charakteristisch ist, daß der Greilzsoldat selbst auf die mit dein Tode riilgenden Körper im Wasser schoß, weil er annahm, daß die Jnsasseil des Bootes sich schmilnineild ans andere Ufer retteil wollten. ■griffe ^yrow« . «iw * --- tx r ü welch« I