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Das jüdische Blatt · 1913-05-23 · 21 (23.5.1913) · p. Seite 2

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
21 (23.5.1913)
Date
1913-05-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 Das jüdische Statt. Nr. 21. schon einmal etwas gelesen von den Gegensätzen zwischen; Nord und Süd? Na also! Aber ganz unter uns gesagt, Sie verraten mich doch nicht, so ganz ohne ist die Sache nicht. Je mehr einer Tradition hat (auch auf religiösem Gebiet), desto reaktionärer ist er. Was sagen Sie zu diesem schönen Satz? Wenn Sie recht, recht reiflich darüber Nachdenken, und diesen Satz recht, recht gründlich verstehen, dann wird Ihnen ein ganz bedeutendes Licht aufgehen, und das wäre sehr, sehr wünschenswert. Dann würden Sie kapieren, warum wir Süddeutsche manches Mal so schwerfällig sind, so gar nicht mit beiden Füßlein ins Ungewisse springen. Nein, denken Sie mal darüber nach, und wenn Sie nochmals von einer süddeutschen Meute reden, dann haben Sie es mit mir verdorben. Und das wäre doch schade? Nicht wahr? Ueberlegen Sie diese väterlichen Worte Ihres Rosch Hak oho l. Köerravviner Dr. Wolf Ieilchenfeld „Der Gerechte, der einer Palme gleich geblüht, ist von uns gegangen — wo ersteht uns ein Ersatz für ihn?" Diese bange Frage bewegt alle Gemüter bei der Kunde vom Tode des Oberrabbiners WolfFeilchenfeld bewegt uns besonders tief in der Zeit, die so arm an Thorawissen, so arm an ganzen Männern. Ein Genosse und Freund von R. Esriel Hildesheimer von Dr. Nathan Adlervon M. Lehmann S hat er ebenfalls die Traditionen seiner großen Lehrer durch sein Lehren und sein Leben den nachfolgenden Geschlechtern übermittelt. Fast sechs Jahrzehnte hindurch war es ihm vergönnt, als Rabbiner segensreich zu wirken; in Düsseldorf, wo er die jüdische Lehrerbildungsanstalt ins Leben rief, die später nach Köln verlegt wurde, und in Posen, der altehrwürdigen Kehillo, als mittelbarer Nachfolger eines R. Akibcr Eger Was er hier in rastloser Arbeit geleistet hat, wo er zwar eine Fülle von Thoragelehrsamkeit antraf, aber auch eine große Zahl von Hemmnissen fand, das entzieht sich menschlicher Berechnung, um so mehr, als die Erfolge seines Wirkens über den Kreis seiner Gemeinde, über die Grenzen der Provinz und selbst über das Gebiet des Reiches hinausreichten. Von ihm gilt das in schwerer Stunde von ihm einst zitierte Wort der Weisen s. A.: Wer die Mizwo liebt, der wird nicht satt, bis er die Mizwo festgestellt hat für die Zukunft. In diesem Sinne beteiligte er sich mit weitem und weitsichtigem Blick an den Arbeiten der Gesamtheit in den zahlreichen Organisationen, die vertrauensvoll feine Weisheit und seine Arbeitskraft in ihren Dienst beriefen, in diesem Sinne suchte er die in seiner Gemeinde ihm — oder sich selbst — gestellten Aufgaben zu lösen. So war er unablässig bemüht, die Gemeindeinstitutionen zu erhalten und zu verbessern und seine Gemeinde, alt und jung, für der Thora ewig wahres Wort, ewig unverbrüchliches Gesetz zu gewinnen und zu begeistern. Fühlte er sich ja Gott verantwortlich für jede einzelne ihm anvertraute Seele. Mit gütigem Worte der Anerkennung suchte er zu fördern, zu ermuntern, anzuspornen; war und blieb den Schülern väterlicher Freund, über die räumliche Trennung hinaus. Seine Hingebung und seine Zuneigung erwiderten seine Schüler dankbaren Herzens und so schlossen sie sich, bewußt ihm zur Ehre und zur Freude, vor 22 Jahren zusammen in den Lernverein Leschaun Limmudim, wodurch nach seinem eigenen Wort der Lebensabend ihm verschönt wurde. Sein überragender Geist, der im Verein mit der aus Herzensgüte fließenden Liebenswürdigkeit, die mit ihm Verkehrenden in seinen Bannkreis zwang und seinem praktischen Wirken den Erfolg sicherte, zeigte sich auch in seiner wissenschaftlichen Tätigkeit, die er neben jenen umfassenden Arbeitsgebieten übte. Überraschend sind oft seine originelle Erklärungen zur hl. Schrift, in denen er mit auf Erfassen des Ganzen gerichteten Sinn zugleich den Feinheiten des Ausdrucks im einzelnen gerecht zu werden suchte. H Seine Systematik und sein pädagogisches Geschick bewundern wir in seinem in 4 Auflagen erschienenen Religionsbuch, das allerdings das wahre Leben erst durch seinen lebenswarmen Unterricht erhielt, überwältigend war die gewaltige, jeder Phrase abholde Kraft seiner Rede, ob er öffentlich mit flammender Begeisterung auftrat, oder an den einzelnen, mit tiefem psychologischen Verständnis eindringlich sich wandte. „Gar viele hielt er zurück und brachte er zurück von der Sünde." Innige Frömmigkeit und starkes Gottvertrauen hielten ihn aufrecht und trugen ihn hinweg über Zeiten schweren Leides und ließen ihn, auch wo religiöser Niedergang sich zeigte, hoffnungsvoll zustreben der Verwirklichung des gottgesetzten Zieles, dem unverlierbar die Zukunft gehört. Nun ist er von uns gegangen, der Aufrechte, Starke — der Zaddik kattomor — wo ersteht uns Ersatz für ihn? 3. Detegierlenlag des Wervands jüdischer Iugendvereine. Am 11. und 12. Mai hat in Frankfurt a. M. der 3. Delegiertentag des Verbands der jüdischen I ugendvereine stattgefunden. Die Begrüßungsfeier in dem Festsaal der Frankfurtloge, die eindrucksvoll verlief, bildete die Einleitung und fand ihren Höhepunkt in der gehaltvollen Rede des Rabbiners Dr. Werner-München, die auf den Ton der Versöhnung gestimmt war. Viele Vertreter anderer jüdischer Körperschaften überbrachten dem Delegiertentag die Grüße und Bewillkommnung, unter anderen auch Dr. Melamed-Paris im Namen der dortigen „Associations (las jeunes Juifs". Der eigentliche Verhandlungstag fand am Montag, 11. Mai statt und zog sich von 10 Uhr morgens bis zur neunten Abendstunde hin. An der Spitze der Tagesordnung stand der Antrag von Kiel, Berlin und K a t t o w i tz , auf Ausschluß des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens aus dem Verbandsvorstand. Der Antrag ging von der Ansicht aus, daß der „Zentralverein" durch seine Resolution gegen die Zionisten die Neutralität gebrochen habe, die für die Beteiligung an der Jugendbewegung als Voraussetzung zu gelten habe. Er habe durch seine Resolution Tausenden von Brüdern den wahren Patriotismus abgesprochen und so in die eigenen Reihen den Keil der Zwietracht getrieben. Der Antrag wurde von dem Kieler Vertreter, H. G o l d s ch m i d t verteidigt, während der Verbandsvorstand Dr. Apfel energisch für die Ablehnung eintrat. Die Versammlung lehnte denn auch den Antrag mit 132 gegen 36 Stimmen und 7 Stimmenthaltungen ab. Ebenso wurde der Anrng Berlin, wonach der Zentralverein nicht mehr als neutraler Verein im Sinne des Verbandsstatutes zu gelten habe, mit 125 gegen 41 Stimmen abgelehnt. Die übrigen Gegenstände der Tagesordnung — ein Vortrag des Herrn Dr. Holländer „Die Berufswahl der jüdischen ') Es wäre wohl verdienstvoll, wenn seine Schüler in gemeinsamer Arbeit seine zahlreichen Erklärungen zu einzelnen Stellen sammeln und veröffentlichen wollten.

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