Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 20 (16.5.1913)
- Date
- 1913-05-16
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20. Das jüdische Klatt. 11 der Geburt oder waren epileptisch oder blöde. Von 100 Trinker- Andern, die im Rausch erzeugt werden, kamen nach ärztlicher Untersuchnug nur 10 ohne Gebrechen zur Welt. Dr. B e z z o l a hat bei Anlaß der Volkszählung 1900 festgestellt, daß die 9000 gezählten Idioten hauptsächlich zur Zeit der Weinlese und der Fastnacht gezeugt wurden. Solche geistig und körperlich Belasteten verfallen leicht dem Verbrechertum oder der Prostitution. D u g - d a l e hat die Nachkommen eines argen Trinkers aus dem 18. Jahrhundert durch 8 Generationen verfolgt: unter den 709 Nachkommen waren 179 Dirnen, 18 Bordellbesitzer, 77 Verbrecher (darunter 12 Mörder), 202 Bettler — die meisten davon waren wieder Trinker. Von den weiblichen Mitgliedern dieser Familie bestand die Hälfte aus Dirnen. In der fünften Generation waren beinahe alle Frauen Prostituierte und die Männer Verbrecher. Bonhoeffer fand, daß unter 200 Breslauer Dirnen fast 100 durch Alkoholismus erblich belastet waren. K r o h n e , der verdienstvolle Dezernent der preußischen Strafanstalten meint, daß bei 70% aller Gefangenen der Alkohol direkt oder indirekt, vererbter oder erworbener Weise zu den wichtigsten Verbrechensursachen gehöre. (Fortsetzung folgt.) -^- Eine Welle. Novelle von Caroline Deutsch. (Fortsetzung.) Der fremde Mann blieb überrascht stehen; er warf wie ein Adler nur einen Blick auf die Menge, die ihn mit weitaufgerissenen Augen und Mund umstand; dann brach er in ein Gelächter aus, so laut und schallend, daß es einen guten Teil der Menge auseinandertrieb. Nach kurzer Ueberlegung wandte er sich an die zwei Neger und sagte ihnen etwas in fremder Sprache; die Neger lachten und zeigten ihre weißen Zähne, dann erhoben sie die Arme, schwangen sie in der Luft, fingen an zu tanzen und sangen dazu mit einer solch' heisern, mißtönenden Stimme, daß die Uebrigen die Flucht ergriffen. Der Offizier lachte, daß ihm die Tränen aus den Augen flössen. Währenddem war der Postmeister aus der Türe getreten. Der Offizier grüßte ihn und frug ihn in ziemlich gutem Ungarisch, ob diese Ovation ihm zu Ehren dargebracht war. Der Postmeister erwiderte, daß sie jeder Fremde genieße, und daß er den Anblick der Menge Abend für Abend vor seinem Hause habe. „Nach allem scheint mir das ein recht nettes Nest zu sein," spottete der Fremde. „Es wird sich nicht einmal ein komfortables Hotel vorfinden?" Der Postmeister nannte mehrere, riet ihm aber eines besonders an, und der Fremde begab sich mit seiner Begleitung dahin. Ganz N. war auf den Beinen. Wer war, woher war der Fremde? Was wollte, wohin wollte er? Wie aß, wie saß, wie schlief er? Solche und andere brennende Fragen bewegten alle Gemüter. Die Leutchen in N. waren sehr, sehr neugierig. Wenn ihnen ein Fremder begegnete, der das Unglück hatte, irgend welche Auskunft verlangen zu müssen, so ließen sie ihn nicht los, bis sie ihn in- und auswendig kannten, und nicht nur ihn, sondern seine Kinder und Kindeskinder, wenn er welche hatte. Der Volksmund erzählt ein höchst lustiges Geschichtchen in dieser Beziehung, das ich ebenfalls erzählen will, weil es mehr als alle Schilderungen diesen eigentümlichen Charakterzug der Leute aus N. hervorhebt. Ein Kaufmann fuhr einst zu Markte nach N., wurde aber früher von einem Freunde auf die Qual aufmerksam gemacht, die durch stete, ihn überflutende Fragen bei jeder zu verkaufenden Elle Stoff seiner wartete. Angekommen auf dem Markt, hatte er nichts Eiligeres zu tun, als die Leinendecke vom Wagen zurückzuschlagen, sich aus die höchste Warenkiste zu stellen, beide Arme in die Seiten zu stemmen und mit solch' überlauter Stimme in die Menge hineinzurufen, daß es weithinschallend alles übertönte und sich alles nach seinem Wagen drängte. Folgendermaßen lauteten seine Worte: „Ich bin aus Zopolzan, heiße Josef Schmul Chajemes, bin zu gesund, fünfunddreißig Jahre alt, verheiratet zu Masek mit Ester Gitel Malkes seit zehn Jahr. Unser Schadchen hat geheißen Jtzig Moscheh Pineles. Kinder Hab' ich fünf; drei Mädels und zwei Jungens, die in Cheder gehen zu Jeinkew Pereles. Mein Geschäft besteht in Schnittwaren, die ihr mir hoffentlich abkausen werdet; und wer mich heut' noch etwas fragt, in den wird das Donnerwetter hineinfahren." Der kluge Zopolzaner soll sein Ziel erreicht und außerdem noch brillante Geschäfte gemacht haben; denn kein Volk ist so zugänglich und empfänglich für gute Witze, als das jüdische. Der amerikanische Offizier war also Gegenstand der allgemeinen Neugier. Was tat sich aber erst in der Khille, als er am Freitig abend in Begleitung mehrerer Offiziere in der Synagoge erschien? Diesmal war die Andacht sicherlich gestört. Der Fremde behielt den Hut auf dem Kopfe und stimmte nicht in das leise geführte Geplauder seiner Gefährten. Er schien bewegt und betrachtete mit einem seltsamen Ausdrucke die Gegenstände und Menschen um sich herum. Nur eine Person ließ sich von all diesen Vorgängen nicht stören, Leser; er war in der vollen Weihe des Gebetes und kein Stäubchen irdischen Verlangens mischte sich darein. Als er aus der Schul ging, mußte er an den Offizieren vorbei, die in einer Gruppe am Ausgange beisammen standen. „Seht diese verkrümmte Gestalt mit dem uralten Gesichte! Sieht er nicht einem Schimpansen ähnlich?" So leise das einer der Offiziere sagte, des Gelehrten feines Ohr hatte es vernommen. Sein bleiches Gesicht rötete sich; er wandte sich unwillkürlich um und sah'den Spötter an; der junge Mann schlug vor diesem Blick die Augen zu Boden. Dann blieb Lesers Auge wie festgebannt an dem Gesichte des Fremden hasten. Er zuckte zusammen: dann aber schüttelte er traurig den Kopf und schlich langsam die dunkle Straße hinab. Auf den Fremden hatte das Anstarren des Juden Eindruck gemacht. Etwas wie eine ferne, bleiche Erinnerung wollte in ihm auftauchen; sie war zu schwach, sie versank so schnell wie sie gekommen. Leser schlief die ganze Nacht nicht; die Augen des Fremden verfolgten ihn und mischten sich selbst in seine Träume, wenn der Schlaf sich auf Momente auf seine müden Lider senkte. Das Fest beim Stuhlrichter war vorüber, der Obergespan bereits wieder abgereist und Moscheh Breitkopf zum Deputierten gewählt. „Ihr könnt keinen bessern Deputierten wählen," hatte der Obergespan zu beiden Parteien gesagt, „er ist nicht genug Orthodoxe, um die Neologen zu beeinträchtigen, und noch weniger Neologe, um den Orthodoxen zu schaden. Es war ein weises Wort, und da es noch der Obergespan sprach, so hatte es die beabsichtigte Wirkung. Goldchen hatte auf dem Feste geglänzt und nie gesehene Siege errungen. Die ganze Männerwelt drängte sich um die schöne kluge Jüdin, vor deren blitzenden Augen und jugend-