Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 20 (16.5.1913)
- Date
- 1913-05-16
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/9052070-9096771-9052416--0359-9052426- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Tunis 1× ep/1048155
OCR text
10 Das jüdische Klatt. Nr. 20. den kann, dürfte dieser neue Teil des Kolonisationswerkes eine rasche Entwicklung nehmen; es liegen bereits Anmeldungen von Ackerbauern aus Rußland und solchen aus Argentinien vor, die auf ihre Kolonisierung dort nicht länger warten wollen. Sie werden den ersten Kern der neuen Ansiedlung bilden. Schon jetzt aber darf man sagen, daß die von der I. C. A. in Rio Grande do Sul angesiedelten Kolonisten an der ökonomischen Entwicklung dieser Gegenden schon bisher in beachtenswerter Weise mitgewirkt haben und berufen sind, in Zukunft noch in weit größerem Maße zu ihrem Aufschwung beizutragen. Die Atkoßokfrage der Juden?) Von Kreisrabbiner Dr. B e e r m a n n , Insterburg. Ich habe jüngst an ^anderem Orte gewünscht, man müsse in unseren Jugendvereinen für die Mäßigkeitsbewegung wirken und auch hier auf die Gefahren des Alkohols aufmerksam machen. Ist das nicht eine seltsame Forderung? Gilt es doch als einhellig zugestandene Tatsache, daß in unseren Reihen die Trunksucht zu den seltenen Ausnahmeerscheinungen gehört. Durfte doch Dr. Hoppe, der bekannte Königsberger Nervenarzt, einer der besten Kenner der Alkoholfrage, in einer statistischen Untersuchung darauf Hinweisen, daß die Beteiligung der Juden an den Roheits¬ und Sittlichkeitsverbrechen wesentlich geringer ist, als bei der *) Wir benutzen gern die Gelegenheit, auf den Deutschen Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke und auf den Mäßigkeits- Verlag dieses Vereins empfehlend hinzuweisen Die Geschäftsstelle des Vereins (Berlin W 15, Uhlandstr, 146) versendet auf Wunsch gern unberechnet Auskunftsblätter, Jahresberichte, Prospekte und Schriftenverzeichnisse. zu flüchten. Aber noch in anderer Beziehung ist Tarhuna interessant. Wie mir aus glaubwürdiger Quelle versichert wurde, soll der Ort vor etwa zweihundert Jahren von Juden aus Tunis gegründet worden sein und hat seither ständig Zuzug aus Tunesien, Tripolis und sogar Ägypten gehabt. Die Bewohner, d. h. die Männer, denn die Frauen hatten sich scheu zurückgezogen, machten meistens einen besseren, kräftigeren und gesünderen Eindruck, als die Leute aus den arabischen Dörfern. Sie haben eine gewisse Selbstverwaltung, kleinere Streitigkeiten erledigen sie unter sich durch Schiedsspruch des Rabbiners. Größere Delikte und Prozesse, die vor das Forum des Kaimakam von Garian gehören, kommen selten vor, wie mir dieser, ein würdiger, vornehmer Araber, versicherte. Er rühmte sie überhaupt als ordentlich und fleißig, und im Munde eines Mohammedaners ist das doppelt wert. Ihre Hauptbeschäftigung ist Schmiedearbeit, die Anfertigung von Sicheln, Messern, Pfügen und dergleichen, womit sie auch ihre arabischen Nachbarn versorgen. Ihre Frauen fertigen die in ganz Tripolitanien bekannten H o l i s an, die sie auf weißem Grund mit hübschen blauen, oder auf tiesrotem mit weiß und schwarzen Mustern verzieren. Der Holi ist ein etwa 1,20 Meter breites und ungefähr 5 Meter langes Stück Wollenstoff, das in bestimmter Weise um den Körper gewickelt wird, und das Hauptkleidungsstück des Tripolitaners bildet. Meistens sind sie ohne Verzierungen, und speziell die von Tarhuna zeichnen sich dadurch aus. Sonst wird von der Bevölkerung noch Viehzucht (Schafe) und Oivenbau betrieben. So ist denn Tarhuna das Beispiel einer rein praktischen, „unbewußten" zionistischen Bewegung. Es handelt sich hier um eine Kolonie, die aus rein praktischen Gründen angelegt wurde, wohl damit die Leute im abgelegenen Gebirge ungestört ihren Sitten und ihrer Religion leben konnten, und den Kolonisten geht es recht gut. übrigen Bevölkerung, und zwar deshalb, weil in jüdischen Kreisen die Alkoholseuche fast keine Opfer fordert. Die wirkungsvolle Erziehungsarbeit zur Mäßigkeit und Selbstbeherrschung — eine Aufgabe, die das Judentum unter andern Mitteln auch durch seine Speisevorschristen löst — hat uns gegenüber des Alkoholteufels schier unbesieglich gemacht. In der üppigen Weinkultur Kanaans haben einst Rekabiter und Nasiräer, Propheten und Weisheitslehrer strenge Enthaltsamkeit vom Rauschtrank gepredigt. Die alte Erzählung von Noah, den der Wein überwältigt hatte, war den Späteren eine bleibende Warnungstafel für die schlimmen Wirkungen des vergorenen Traubensaftes, und es blieb bei der Überzeugung, daß der Satan dem Noah beim Weinbau geholfen habe. Maßlosigkeit beim Trünke galt als sicheres Zeichen sittlicher Entartung; und allmählich vollbrachten religiöse Einwirkungen, die dauernd und ununterbrochen an der Bildung unserer Volksseele arbeiteten, das Riesenwerk: mitten in einer Welt Trunkener und Zügelloser einen Stamm mäßiger und nüchterner Gottbekenner herauszubilden. Je mehr sich nun die Juden in Lebensgewohnheiten und Lebenssitten den anderen Bevölkerungsgruppen anpassen, droht dies anders zu werden. Der Wall der Mäßigkeit und Enthaltsamkeit, von religiösen Einrichtungen aufgeführt, wird immer mehr geschleift, und die modernen, allen Einflüssen der Umgebung preisgegebenen Juden der Gegenwart laufen Gefahr, auch von der Alkoholseuche angefressen zu werden. Das zeigen mir seelsorgerische Erfahrungen mancherlei Ars in Gemeindearbeit und Gefängnisdienst, auf die ich an dieser Stelle nicht eingehen kann; das erweist Dr. Hoppe aus folgender auffallenden Erscheinung: mit der wachsenden Vernachlässigung der religiösen Vorschriften nehmen in der Kriminalstatistik der Juden die Körperverletzungen und Sittlichkeitsverbrechen zu, augenscheinlich deshalb, weil die Juden sich in fortschreitendem Maße den verhängnisvollen Trinksitten der anderen Bevölkerungskreise erschließen, und im Zustande der Anheiterung derartige Delikte verübt zu werden pflegen. Zudem sollen, wie mir von Ärzten glaubhaft versichert wird, und was auch Dr. Hoppe betont, Juden zunächst in solchen Trinkerheilstätten, wo Leidende aus „besseren Ständen" untergebracht werden, keineswegs mehr zu den seltenen Erscheinungen gehören. 4- * * Das alles scheint mir Grund genug, neben anderen großen Zielen der Jugendarbeit auch dieses ins Auge zu fassen. Zunächst ist dazu ausreichende Aufklärung über die Verderblichkeit des unmäßigen Alkoholgenusses erforderlich. Neben der Tuberkulose und der Syphilis ist wohl der Alkohol die schlimmste Quelle menschlichen Elends. Auch der starke Körper erliegt allmählich den zerstörenden Wirkungen dieses Giftes. Magen und Darm erkranken und entarten, Leber und Nieren schwellen und schrumpfen, Gefäße werden rissig und brüchig, das Herz erlahmt und verfettet, der geschwächte Leib wird viel leichter als der alkoholfreie von ansteckenden Krankheiten befallen, und diese verlaufen auch in der Regel bösartiger in dem giftdurchseuchten Organismus des Trinkers. Mit der Entnervung des Körpers schreitet die Zerstörung des Geistes fort. Von den gräßlichen Verheerungen, die hier der Alkohol anrichtet, reden Irrenhäuser und Jdiotenanstalten eine deutliche Sprache. Besonders bedeutungsvoll aber ist der ungünstige erbliche Einfluß des Rauschgiftes. Die Eizelle und die Samenfäden erfahren unter seiner Einwirkung eine Vergiftung, welche die Entartung des Keimes zur Folge hat. Prof. Dr. H o d g e gewöhnte Hunde und Hündinnen an Alkoholgenuß. Ihre Jungen starben gleich nach