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Das jüdische Blatt · 1913-05-16 · 20 (16.5.1913) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
20 (16.5.1913)
Date
1913-05-16
Page
[Seite] (sequence 12)
Language
German
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Das jüdische Kiatl. Nr. 20. , 2 licher Schönheit die Lichter und Lampen iin herrschaftlichen Saale erbleichten. „Bei Gott!" hatte der Obergespan gesagt, „bei Gott, war ich jünger, und sie keine Jüdin, dieser Juwel müßte mein sein." Troß all dieser Huldigungen kehrte das Mädchen diesmal nicht siegesstolz zurück, ja sie war bleich, still und traurig. Oft traten ihr unbewußt Tränen in die Angen, die sie aber dann mit einer Gebärde des Zornes zuriickdrängte. Auch der Fremde war auf dem Feste gewesen; auch er war der Mittelpunkt des allgemeinen Interesses. Goldchen hatte sich seit seiner Ankunft vielfach mit ihm beschäftigt, obgleich sie ihn noch nicht gesehen. Jeder sprach so viel von dem schönen, fremden Manne, daß er auch in ihrem Köpfchen sein Spiel trieb. Sie brannte vor Neugierde, ihn zu sehen, und schmückte sich mehr seinetwegen als aller Uebrigen. Er wurde ihr vorgestellt; eine kalte Verbeugung und einige gleichgültige Worte waren alles, was er für die schöne Erscheinung hatte, und während sie alles umdrängte, blieb er ihr nur fern und beschäftigte sich mit den andern Damen. Sie war eine solche Behandlung nicht gewohnt und ließ das ganze gefährliche Feuer ihrer Augen spielen, umsonst; ein kalter, spöttischer Blick war alles, was sie erreichte. Als sie zum erstenmal dies kalte, ironische Lächeln aus den dunkeln Augen traf, war es ihr, als ob ihr Herz erstarrte; dann zog es glühend, wie ein Feuerstrom, durch ihre Seele. — Sie wurde still und in sich gekehrt, dann, als ob sie sich über sich selbst ärgerte, schlug sie ins Gegenteil über, wurde übermütig, ja ausgelassen lustig. Rebb Moscheh war Deputierter geworden und gab als solcher ebenfalls ein großes Fest, wobei halb N. zu Gast geladen war. Alle erschienen, nur der fremde Offizier nicht, der auch eine Einladung erhalten hatte. Goldchen hatte mit Zittern und einer verzehrenden Unruhe diesen Tag erwartet; der Fremde kam nicht, und hatte nicht einmal abgeschrieben; er hielt es dem Judenhause gegenüber nicht der Mühe wert, Höflichkeit mit Höflichkeit zu erwidern. Während die vielen Lichter im Hause Breitkopfs brannten und Lärm, Gesang und Musik daraus erscholl, wachte Leser einsam am Bett eines Fieberkranken, lauschte auf seine wilden Träume und übte mit rührender Geduld das schwere Amt eines Wärters und Pflegers bis der graue Morgen dämmerte, dann ging er nach Schul, feine Morgenandacht zu verrichten und sich wieder seinem geliebten Studium zuzuwenden, als wäre nichts geschehen, und er hätte nicht eine ganze Nacht gewacht. Etwa sechs Wochen waren vergangen; im gewöhnlichen Leben eine kurze Spanne Zeit, für manchen ereignisreicher als ein Jahrhundert. Gleich die nächste Woche war Goldchen mit dem amerikanischen Offizier in einer Gesellschaft außer dem Hause zusammengetroffen. Das eisige Benehmen des schönen Mannes änderte sich nicht, nur manchmal, wenn er sich unbeachtet glaubte, fiel ein eigentünllich glühender Blick auf sie. Einmal yatte sie einen solchen aufgefangen; es durchzuckte sie siedendheiß und drohte ihr schwindelig zu werden, bald aber brachte sie der alte höhnische, spöttische Ausdruck dieses ernsten Antlitzes zu sich und warf sie in einen Strudel entgegengesetzter Empfindungen. Sie litt furchtbar. Tag und Nacht kam ihr der Fremde nicht aus dem Sinne. Vergebens rief sie sich zu: sie habe nichts mit ihm gemein, dürfe nichts gemein haben; er war ein Christ, sie eine Jüdin; eine wilde Leidenschaft saß ihr im Herzen, die weiter und weiter um sich griff, je weniger Nahrung ihr von außen kam; sie sättigte sich mit dem innersten Mark und Blute. Goldchens heiße und unbändige Natur zeigte sich in ihrer ganzen schrecklichen Tiefe. — Die Worte, die sie jüngst zum Onkel sagte: „Mein Herz hat keine Ruhe, bis es das hat, was es einmal will", gewannen jetzt ihre ganze gefährliche Bedeutung. Oft sprang sie des Nachts aus dem Bette und brachte die Stunde»; am Fenster zu, von innerer, furchtbarer Qual verzehrt, die glühende Stirne im Nachtwind badend. Eines hatte noch auf Momente Macht über sie, der Gedanke an den Onkel. Wenn sie des Nachts aufschaute, so blickte drüben aus der Gelehrtenstube die einsame Lampe, wie ein reiner, keuscher Stern in ihr Fenster. Sie wich aber diesem Onkel aus, wo und wie sie konnte. Sie besuchte ihn nicht mehr auf seiner Stube; sah sie ihn auf einer Seite kommen, wich sie schlau auf die andere, hastig mit kurzem Gruß vorübereilend. (Fortsetzung folgt.) Letzte Nachrichten. Posen, 14. Mai. 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