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Das jüdische Blatt · 1913-05-16 · 20 (16.5.1913) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
20 (16.5.1913)
Date
1913-05-16
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Nr. 20. Das jüdische Klatt. dessen Boden sehr ergiebig ist, dnrch Ankauf eines in der Nähe voll Scuua Maria gelegeneil Grundstückes im Ausmaße voil ca. 31J Meilen ein zweites Kolonisationswerk auf den Nennen „Philippson" gegriilldet. Dort wurde im Jahre 1904 eine erste Gruppe von 40 Kolonistenfamilien installiert. Diese gegenwärtig in günstiger Entwicklung begriffene Kolonie umfaßt etwa 650 Hektar uild ist der ganzeil Länge »lach von der über Santa Maria ilach Passo Fundo—Uruguay führenden Eisenbahnlinie durchzogen, welche einen Teil der wichtigell Eisenbahnverbindung Rio de Janeiro—Montevideo bildet. Auf dem Terrain der Kolonie selbst befinden sich zwei Stationen, Pinhal und Philippson, in einstündiger Bahnfahrt ist Santa Maria zu erreicheil, eine Stadt von etwa 15 000 Einwohneril, eines der wichtigsten Zentren von Rio Grande und Hauptort des Bezirkes. Die Kolonie „Philippson" ist gegenwärtig von etwa 60 Kolonisteilfamilien bewohilt, die 360 Personen umfassell. Jeder Kolonist bewirtschaftet ein Grundstück von ca. 60Hektar. Die Häuser der Kolonisteil sind nleist aus Ziegeln gebaut und haben ein nettes Aussehen. Sie sind reingehalteil; die weiß getünchten sreuildlichen Zimmer sind einfach möbliert, zlim Teil mit Stücken, die aus der alten russischen Heimat initgenommen wurden. Fast überall weisen Bücher und sogar Musikinstrumente darauf hin, daß die Bewohner Sinn für Lektüre und Musik habeil. Reben Öen Häusern befinden sich Schuppen für die Trocknung und Aufbewahruilg von Mais, auch für die Unterbringung landwirtschaftlicher Maschinen, die aber jetzt iloch ziemlich selten sind. Die Kolonisten verwendeil den Ueberschuß ihrer Einkiinfte zunächst zur Vermehrung ihres Viehstaildes und dailn zur Vervollftändigung ihrer Wohnungseinrichtung. 9 Auch in „Philippson" besteht schon eine Kooperativgenossenschaft, der „Foildo Cooperativo", der vor etwa drei Jahren ilach argentinischem Muster errichtet wurde. Das Kapital von fünf Contos zerfällt in 500 Aktien n 10 Milreis. Jedes Mitglied mliß mindestens drei Aktien erwerben. Die I. C. A. hat der Genossenschaft ein Darlehen von drei Contos bewilligt. Die hauptfächlifte Tätigkeit der Genossenschaft besteht bis jetzt in der Erteilung von Darlehen zu 150 bis 200 Milreis an die Mitglieder zu einem Zinssätze von 8 Prozent, der statutarisch festgesetzt ist. Auch wurde hier wie bei den Kooperativen in den argentinischen Kolonien im Rahmen des „Fondo" ein Schiedsgericht geschaffen, das Streitigkeiten zwischeil Kolonisten zu regeln hat. Von seiten der Genossenschaft wurde ferner eine Metzgerei eröffnet. In der Kolonie befindet sich eine Apotheke; den ärztlichen Dienst versieht ein voll den Kolonisten angestellter Feldscher. Die Gesundheitsverhältnisse der Kolonie sind sehr günstig. Die in der Kolonie bestehende Schule, an der ein Lehrer und ein Hilfslehrer wirken, wird von etwa 50 Kindern besucht. Dieser ersten jüdischen Allsiedlung in Brasilien wird demnächst eine weit umfangreichere folgen. Im Jahre 1909 hat die I. C. A. das im Distrikte Passo Fuildo gelegene Terrain „Quatro Jrmaos" erworben. Dieses hat eine Ausdehnung von 92 000 Hektar, von deneil ungefähr 40 000 bewaldet sind. Die Vorbereituilgen zur Kolonisierung einer ersten Gruppe sind in vollem Gange und schon recht weit vorgeschritten. Die Häuser werden gegenwärtig gebaut. Trinkwasser findet sich iil geringer Entfernung. Die Arbeiten für eine zu diesem Komplexe führende Eisenbahlllinie, die für den Transport in beiden Richtungen von großer Bedeutung sein wird, werden jetzt in Angriff genommen. Soweit vorausgesehen wer- Eine jüdische Köhtmstadt. Im Hinterlande von Tripolis, speziell auf dem Gebirge von G a r i a n, befinden sich eine Anzahl von Höhlenstädten, die der Archäologe Dr. E. Brandenburg im Jahre 1910 als erster Europäer allfgesucht hat, und nun in einer anregenden Schilderung in der „Frankfurter Zeitung" beschreibt. Unter diesen Städten befindet sich auch eine rein von Juden bewohnte. Rach einer Beschreibung der Stadt G a r i a n selbst, mit ihren 4000 Einwohnern, beschreibt Brandenburg die Behausnngeil, die in folgender Weise hergestellt werden: Aus dem festeil zähen Lehm, wie inan ihn in Deutschland zum Verputzen der Öfen braucht, wird ein etwa 10 Meter langes, ebenso breites und etwa fünf bis sechs Meter tiefes Loch gegraben. Die ausgehobene Erde wird als Wall um den Rand allfgeschüttet, um das Hineinströmen des Winterregens zu verhindern. Auf der Sohle des Hofes werden dann Kammern in die Seitenwände des Hofes getrieben. Sie sind in der Regel vier bis fünf Meter lang, drei bis vier Meter breit und zwei bis zweieinhalb Meter hoch. Um einen Hof gruppiereil sich ungefähr acht bis zwölf Kammern. Diese „Bauart" hat folgende Vorteile: einmal benötigt sie kein Holz — in dieser vegetationsarmen Gegend bedeutet das eine große Ersparnis — und dann sind die Räume dem Klima sehr gut angepaht, im Sommer kühl, im Winter warm. Denn die Witterung des Hochplateaus ist recht wechselnd; wir sahen zlim Beispiel im März des Morgens, kurz nach Sonnenaufgang noch Reif und eine dünne Eiskruste auf den Regenpfützen; über Mittag aber war es sehr warm. Man gelangt zn den unterirdischen Wohnungen, besonders zum Hof durch einen langen, von der Erdoberfläche schräg herabführendeil Gang, der des Nachts verrammelt wird. Esel, Ziegen unb Schafe Hansen im Hof und in den Kammern, neben denen der Leute, manchmal, besonders bei Ärmeren, auch mit diesen einträchtig zusammen. Regenwasser, Unrat der Tiere und Menschen, Küchenabfälle nnb aller sonstiger Schmutz vereinigt sich in der Mitte des Hofes, der etwas vertieft ist, und sickert dort langsam ein. Wenn nun die Sonne auf diesen Tümpel, der rings von den hohen Wänden des Hofes lnnschlossen ist, hinabbrennt, so entwickelil sich Gerüche, die mit den Wohlgerüchen Arabiens wenig Ähnlichkeit haben. Auch sonst ist die armselige Bevölkerung ziemlich schmutzig und macht keinen sehr sympathischerl Eindruck. Die Inneneinrichtung der Wohnungen ist mehr als primitiv, das einzige „Möbel" ist ein aus dem natürlichen Boden gearbeitetes Podium im Hintergrund der Kammer. Auf ihm liegt eine schlechte Schilfmatte Das ist bei Nacht das Bett der ganzen Familie, und bei Tage die Sitzgelegenheit. In der Mitte des Raumes ist aus ein paar Steinen ein Raum errichtet; der Qualm, den das offene Feuer entwickelt, findet durch die niedrige Tür nur schlechten Abzug und verbessert nicht gerade die Lust. Südlich von Garian fand B. dann noch drei andere Ortschaften, ganz ähnlich angelegt, nur kleiner. Zwei davon sind von Arabern bewohnt, eine von Jude n, namens T e g r i n a (auch T a r h u n a genannt). Dort sind die Höfe etwas schmäler und tiefer als die von Garian, die Seitenwände sind durch in den Lehm eingeklopfte Steine gegen Wind und Wetter widerstandsfähiger gemacht. Auch findet man dort oft mehrere Kammern (zwei bis drei) hintereinander liegen; in der letzten herrscht natürlich fast völlige Dunkelheit. Diese fteljen dann noch öfter mit den entsprechenden anderer Höfe in Verbindung, so daß der Ort einem riesigen Maulwurfshausen vergleichbar ist. Auch geheime Ausgänge ins Freie sollen vorhanden sein, wohl für unruhige Zeiten berechnet, um sich und die beste Habe bei räuberischen Überfällen

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