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Das jüdische Blatt · 1913-05-16 · 20 (16.5.1913) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
20 (16.5.1913)
Date
1913-05-16
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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8 Nr. 20. Das jüdische Matt. liche und verdienstvolle Ausgabe, die besser und verläßlicher als irgend ein zweites Buch in das Wesen des Talmud einführen kann? Nein, nein, der Herr Verfasser kann niemanden in das Wesen des Talmuds einführen, kennt er ihn doch selber nicht. Abgesehen von der deutlich ruchbaren Tendenz, herabzusetzen, wo er nicht richtig verstanden hat, verdient er schon deshalb Tadel, weil er seine antisemitische „Wissenschaft" in so starker, irreführender „Aufmachung" anpreisen läßt. Er gibt gar keine Uebersetzung des Talmuds, dieses Riesenwerks, nur wenige systemlose Auszüge, deren Sinn er dann und wann ins Gegenteil verkehrt. Derart sinnentstellende „Jrrtümer", wie beispielsweise seine Uebersetzung von: nifsekah chomath barsol in lierachoth 32 b oder akkum onuu dort 25 b richten ihren Meister. Dabei gibt es Fehler ähnlichen Kalibers auf Schritt und Tritt. Hoffentlich rettet diese Aufklärung recht viele ehrlich Strebende vor einer Enttäuschung. Das ist ihr einziger Zweck. Dr. G. Die Weltanschauung des Judentums. Von Rabbiner Dr. L u d w i g Pick, Berlin. Verlag von C. Boas Nachfolger. Ein stolzer Titel. Wird ihm der Inhalt entsprechen? Wird uns der Verfasser vor allem darüber anfklären, was das Judentum ist, dessen Weltanschauung er uns schildern will? Wir meinen: Ganz klar und unzweideutig? Denn das ist sehr nötig in unserer Zeit, wo mehr als je der Satz gilt: Los pavolos sont pour caclier les pensees? Oder stellen wir etwa zu hohe Anforderungen an den Verfasser und beurteilen ihn dann zu Unrecht, wenn er den „unbescheidenen" Wünschen nicht entspricht? Wir glauben: Nein. Nun wenn der Leser mit uns der gleichen Ansicht ist, dann -wollen wir ihm verraten, daß uns die Lektüre dieses Buches enttäuscht hat. Klarheit über die Auffassung von Gott, von Offenbarung, Inspiration, Wunder und Wirkung des Gebetes setzt der Verfasser bei uns voraus, um uns über das zu belehren, was „Zeugnis ablegt von dem umfassenden humanen jüdischen Geiste, von den hohen Eigenschaften eines Moses und dessen gotterleuchteten Vorfahren". Hätte der Verfasser auf jene Frage geantwortet, deren Beantwortung oben als nötig bezeichnet, so wäre diese Klippe nicht so gefährlich gewesen. Man kommt natürlich bei solchen Themen, wie Weltanschauung, Wesen nsw., leicht dazu, die Bedeutung des jüdischen Volkes und seine Großen auf Kosten des klaren Hervortretens des rein göttlichen Ursprungs unserer Lehre zu sehr herauszustreichen. Was ist nun nach dem Verfasser die Weltanschauung des Judentums: Die Lehre der Abstammung des Menschen von einem Menschenpaar, ein Prinzip, aus dem die humanen Forderungen, „die einheitliche Moral" und auch die einheitliche Religion emporwachsen. Wieso auch „die einheitliche Religion", das blieb uns jedoch fraglich. Die „religiösen Zeremonien und Ritualien sind dem Verfasser nicht Selbstzweck, sondern nur Mittel zur Erinnerung an Gott oder zur Förderung unserer humanitären Gesinnung. Die meisten unserer großen Gesetzlehrer sind zwar der Ansicht: Mizwaus ön zorielm ns l<>vonob", während hier die Ansicht vertreten ist, daß man „die Zeremonien nicht, als mit magischer Kraft ansgestattet", betrachten darf, da sich diese Auffassung mit der heidnischen Theurgie berühre. Freilich wissen wir auch nicht, was sich der Verfasser unter der „Wirkung des Gebetes" vorstellt. Ob nicht ein Philosoph auf den Gedanken kommen könnte, daß eine Beeinflussung Gottes „Theurgie" sei? Oder versteht der Verfasser unter „Wirkung des Gebetes" etwas anderes? Ja, wenn er uns überhaupt sagen wollte, welches die Anschauung des Judentums über Gott und unser Verhältnis zu ihm ist. Was er aber darüber sagt, erinnert an eine bekannte Anektode: (gilt Freund fragt den anderen: „Kannst du mir sagen, was Religion ist?" „Gern" erwiderte der. „Weiht du, was Moral ist?" „Ja." „Weißt dch was Philosophie ist?" „Ja." „Nun, Religion ist weder Moral noch Philosophie." So gibt uns Dr. Pick auf 2—3 Seiten die Gottesauffafstmg Spinozas, um schließlich zu sagen: Na, dies ist die Gottesauffassnng des Judentums nicht. Auch der Satz: „Zwar steht und fällt das Judentum nicht mit feiner anthropologischen Überzeugung des einheitlichen Menschengeschlechtes" (die Form des Satzes ist genau zitiert) ist nicht recht einleuchtend. Denn es gehört mit zu den Voraussetzungen unserer Weltanschauung, daß alles, was die Thora lehrt, fundamental ist; darum würde mit der „anthropologischen Überzeugung des einheitlichen Menschengeschlechts" auch eine Grundlehre unserer Weltanschauung angetastet werden. Der jüdische Leser sei hiermit auf die gerügten prinzipiellen Mängel des Werkes ausdrücklich aufmerksam gemacht; der nichtjüdische wird es mit vielem Nutzen lesen können. Dr. A. D. Die jüdischen Kolonien in Wralitien. In der Zeitschrift „Süd- und Mittelamerika" (1912 H. 16/17) findet sich unter obigem Titel eine kürzgedrängte Schilderung der von der „Jewisch Colonisation Association" (Jca) in Brasilien gegründeten Kolonien. Die wichtigsten Stellen dieses interessanten Artikes feien hier im Auszug wiedergegeben: In Argentinien bestehen gegenwärtig acht Kolonien, deren Bewohner 3800 jüdische Familien bilden. Von diesen sind 2800 Kolonisten, die übrigen andere Emigrantenfamilien, die sich als landwirtschaftliche Arbeiter ernähren und ihre spätere Zulassung als Kolonisten erwarten. Die mannigfachen Schwierigkeiten des Anfangs und die Krisen, die bei dem ganz neuen Eharakter des Werks unausbleiblich waren, scheinen heute überwunden, und Kolonisten sowohl als Arbeiter sind imstande, ihren Unterhalt in ihrer landwirtschaftlichen Tätigkeit zu gewinnen. Wichtige Faktoren für das Gedeihen der Kolonie bilden die allerorten errichteten Schulen und die kooperativen Genossenschaften. Diese letzteren sind aus dem Bedürfnis der Kolonisten, ihre Lebensbedingungen zu verbessern, entstanden. Alle diese Vereinigungen verfolgen den gleichen Zweck: das körperliche und geistige Wohlbefinden der Kolonisten zu fördern und andererseits die Erträgnisse der Landwirtschaft zu vermehren. Gemäß der in Argentinien üblichen Form sind die Vereinigungen als Aktien-Gesellschaften konstituiert. Sie gewähren ihren Mitgliedern Darlehen, besorgen ihnen landwirtschaftliche Geräte und Gebrauchsartikel zu günstigen Preisen und verkaufen die Produkte der Kolonie gemeinsam und dadurch auch viel vorteilhafter. Anderseits widmen sie sich der Pflege des Gemeinwohls durch Instandhaltung der Straßen, Errichtung und Verwaltung von Hospitäler und Friedhöfen. Zwei dieser kooperativen Vereinigungen geben ein landwirtschaftliches Wochenblatt mit literarischem Anhang heraus, das in allen jüdischen Kolonien Argentiniens und Brasiliens verbreitet ist. Die hauptsächlichsten Produkte der Kolonien sind Korn, Hafer, Luzerne, Lein und Mais. Daneben bildet die Viehzucht einen wesentlichen Ermerbszweig, besonders in der Provinz Entre Rios. Im Jahre 1902 hat die I. C. A. im Staate R i o G r a n de d o S u l, dessen Klima als vorzüglich gilt und

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