Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 20 (16.5.1913)
- Date
- 1913-05-16
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20. Das jüdische Statt 3 Nach dieser Abschweifung kehren wir zum Thema zurück. Es ergibt sich, daß vorläufig ein dem Art. 4 analoger Paragraph für jüdische Verhältnisse sich nicht konstruieren läßt. Adliiic siib iudice lis est. (Forts, folgt.) Mief vom Lande. LXVI. Ich habe etwas gelernt, das ist doch schön, nicht wahr? Wissen Sie was? Das Pfeifen, jawohl das Pfeifen auf verschiedene Dinge. War da an Chol-hamoed eine große Versammlung bei uns wegen der Heiligung des Sabbat, kam da ein sehr tüchtiger Herr aus dem großen Mokem, hielt eine sehr schöne Rede. Sehr schön, wirklich schön. Nachher waren wir noch ein bißchen gemütlich beieinander. Na, da redet man von allem, auch vom Geschäft. Fragte ich ihn, wieviel junge Leute er beschäftigte. Sagte er, so ein halbes Dutzend, auch eine Dame darunter. Fragte ich ihn, wieviel Juden darunter wären? Sagte er schon ein bißchen verlegen, zwei. Fragte ich und halten die Schabbos? Sagte er, ich glaube nicht. Fragte ich, haben sie Schabbos gehalten, bevor sie zu Ihnen kamen. Sagte er nein. Sehen Sie, in diesem Augenblick habe ich das Pfeifen gelernt, das Pfeifen auf Phrasen. Und wütend wurde ich. Wissen Sie nicht, schrie ich, wieviele Väter und Mütter warten und warten und warten, bis ihr Kind eine Stelle bekommt, wo es den Schabbos halten kann. Und Ihr Großprotzen, die Ihr das beste Material an religiöser Treue vom Land beziehen könnt, Ihr stellt solche Leute nicht an? Dann greint Ihr über zunehmende religiöse Untreue, Ihr Phrasendrescher? Und warum tut Ihr das? Fürchtet Ihr die spätere Konkurrenz? Ja, warum ist denn Ihre Comptoirdame nicht eine schabboshaltende Jüdin? Glaubt Ihr, die schabboshaltenden jungen Leute wären nicht so tüchtig, ja, dann ist es doch Eure verdammte Pflicht und Schuldigkeit, auf die Ausbildung Eurer Lehrlinge größeres Gewicht.zu legen. Ja, ja, das ist leicht, alles dem Religionsunterricht in die Schuhe zu schieben und große Reden zu halten. Ich sage Ihnen, Sie und dreimal Sie und Ihresgleichen sind schuld. Merken Sie sich das. Dann pfiff ich, ich pfiff und er verduftete.-Jft's bei Ihnen besser? Beruhigen Sie bitte Ihren Rosch Hakohol. Amerika. Eine große Pesachfeier. Unter dieser Ueberschrift sendet uns die bekannte in New- Pork segensreich wirkende „Hebrew Sheltering and Immigrant Aid Society" („Jüd. Gesellschaft zum Schutz und zur Hilfe für die Einwanderer") den folgenden herzerfreuenden Bericht über die Sederfeier ein, die sie in ihrem Heim für die Einwanderer in Nerv-Port und auf der Einwanderungsinsel Ellis-Jsland veranstaltet hat. Im Home für jüdische Einwanderer in New- York. Der ideale Geist der Bruderliebe und die humanen Gedanken des Pesachfestes traten ganz besonders hervor bei der Pesachfeier der „Jüd. Gesellschaft zum Schutze und zur Hilfe für die Einwanderer". Osten und Westen, Norden und Süden, Juden vom Kaukasus, vom Reiche des türkischen Sultans, von Dahomey, von Nordafrika (durch einen kohlschwarzen Juden vertreten) von Johannesburg in Südafrika und Perth in Westaustralien, vom Zarenreich, vom Lande Kaiser Franz Josefs, vom nebligen London, und von allen Teilen des großen New-Pork versammelten sich unter dem gastlichen Dache des Einwandererheims und feierten Pesach. Tausend Männer, Frauen und Kinder waren am ersten Sederabend versammelt und 750 am zweiten Abend. Da die Räume des „Home" so überfüllt waren, daß auch ein Baby keinen Platz mehr hätte finden können, wurden die Räume des benachbarten Hauses der „Machsikei Talmud Thora" der Gesellschaft zur Verfügung gestellt. Der große Saal war mit Farnpflanzen und Blumen schön geschmückt. Jeder der männlichen Gäste wurde mit weihseidenem Käppchen und Hagadah versehen. Der die Feier leitende Rabbiner, Herr Benj. Siegel, war in den weißen Kittel gehüllt und wie er da auf dem „Hessibe-Bett" saß in seiner ehrwürdigen Gestalt, gab es dem Gesamtbilde einen zauberhaften Reiz, der seinen Eindruck auf keinen Teilnehmer verfehlte. Die Türen waren weit offen und jeder war willkommen. Es wurden an niemand Fragen gestellt, und nichts wurde gesagt oder getan, das in irgend jemanden das Gefühl aufkommen ließ, als empfange er eine Wohltat. Der Geist der Brüderlichkeit herrschte hier. Die Aufwärter wurden für ihren Dienst nicht bezahlt. Voriges Jahr, gerade am Erew Pesach, wurde ungefähr ein halbes Dutzend Einwanderer in Ellis Island von der Gesellschaft ausgenommen und wurden dann für den Dienst als Aufwärter beim Seder in Anspruch genommen. Diesen Erew Pesach nun erschienen alle diese ohne Ausnahme im Home und übernahmen für die neuen Einwanderer dieses Jahrs die gleichen Dienste. Einer dieser Auswärter stammt aus Beyruth und wird im September in das Hebrew Union College in Cincinatti eintreten; ein anderer ist Schüler des Agricultural College in Michigan, und ein dritter bereitet sich für die wissenschaftlichen Vorträge in Cooper Union vor. Einige treffende Begrüßungsworte von Rabbiner Siegel und der Seder beginnt. Wozu den Seder beschreiben? Jeder Leser kann sich das Bild selbst ausmalen: Fremde von fernen, fremden Ländern, und doch Brüder und Schwestern alle. Unter den Anwesenden am Sederabend im Home waren: Mary A n t i n, Verfasserin von „the promised Land" und ihr Gatte, Professor C r o l a u von der Columbia University, Herr und Frau Hermann B e r n st e i n, Professor Mark von der Cornwall University, Richter Leon Sanders, Herr B. E. M a r r i a m, New-Jersey, Frl. Lillian D. Wald, Vorsteherin der Nurses Settlement, und Frl. W a - t e r s, Herr Paul M. Marburg, Dr. Walter E. W e y l, der Verfasser von „the New Democracy" und Frau W e y l. Auf viele von den Besuchern wirkte die Schönheit des Seder wie eine Offenbarung, und einer der Gäste rief aus: „Gott lebt noch." Von Montag abend bis Mittwoch abend wurden 4000 Gedecke aufgetragen und jeden Tag, ganz Pesach hindurch, waren zwischen 300 und 400 Personen dreimal täglich im Home zu Tisch. Seder in Ellis-Jsland. In der Einwanderungsstation in Ellis-Jsland wurde für 350 zurückgehaltene jüdische Einwanderer der Seder abge-