Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 19 (9.5.1913)
- Date
- 1913-05-09
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10. Das jüdische Statt. ll Kuritschkeß geschehen, denn nun ließen sämtliche jungen Leutnants der Krimdragoner bei dem kleinen Schneiderlein arbeiteil. Da sie aber das Bezahlen ihrer Schulden vergaßen oder jedenfalls sehr hinausschoben, geriet Khaim Kuritschkeß in Schulden, und sorgenvolle Zeiten kamen. Aber dem Meister der Nadel standen noch neue Aufregungen bevor. Denn er wußte nichts davon, daß der Oberst der Krimdragoner mehrfach nach Livadia zur Tafel des Zaren befohlen morden war, er wußte nichts davon, daß der Zar eines Tages dem Oberst die Mitteilung machte, daß die Zarin Chef der Krimdragoner werden würde. Der Zar versprach dem Oberst, bei der Vorstellung des Offizierskorps vor der Kaiserin die Uniform der Krimdragoner anzulegen und sagte dabei: „Ich glaube übrigens, ich habe gar keine Uniform Ihres Regimentes. Ich werde mir eine machen lassen müssen. Sie scheinen ja einen ausgezeichneten Schneider zu haben, Ihre Uniform fitzt tadellos, geben Sie mir doch die Adresse des Mannes." Von alledem wußte der arme Khaim Kuritschkeß natürlich nichts, und inan wird sich varstellen können, welcher Schrecken im Hause Kuritschkeß herrschte, als eines schönen Tages plötzlich ein elegantes Automobil vor der ärmlichen Wohnung des Schneidermeisters hielt und ein sehr streng dreinblickender Generalstabsoffizier mit rasselndem Säbel in die Werkstatt trat. „Sie werden mich sofort begleiten. Sie werden einige Tage nicht nach Hause zurückkehren." Das arme Schneiderlein war nicht wenig erschrocken, aber es wagte nicht, Fragen zu stellen; nach einem herzzerreißenden Abschied von seiner Frau und seinen neun Kindern folgte er dem fremden Manne, und die Familie blieb zurück, ohne zu wissen, welchem Schicksal der Vater entgegenging. Tage vergingen, teilnahmsvolle Nachbarn erzählten von Sibirien, und Frau Kuritschkeß wußte nicht, ob sie noch Frau oder schon Witwe sei, als plötzlich Khaim Kuritschkeß wieder erschien. Und er hatte vieles zu erzählen. Jene Fahrt mit dem säbelrasselnden Offizier hatte 2'/> Stunden gedauert: und nicht ein einziges Mal richtete der Herr Offizier auch nur eine Silbe an das ängstliche Schneiderlein. Dann kam er nach Palta, und hier führte man Kuritschkeß sofort in ein Zimmer, wo ein General und Gendarmerieoffizier ihn erwarteten. Dem wackeren Meisterlein wurde immer ängstlicher zu Mute, als es im Verlaufe des Verhörs merkte, daß der'Gendarmerieoffizier feine Verhältnisse sehr gut zu kennen schien. Die schlimmsten Befürchtungen schienen begründet, als man ihm freundlich sagte: „Sie brauchen keinen Fluchtversuch zu unternehmen, Sie werden überwacht." Langsam und traurig verstrichen die Stunden. Am nächsten Morgen führte man das Schneiderlein in ein anderes Automobil, das fuhr nach Livadia, und hier brachte man Kuritschkeß zu einem „so großen General, daß er gewiß ein General aller Generäle gewesen sein muß". Und nun erst erfuhr der Schneider von Simferopol, daß ihm „das große Glück" zugefallen sei, für den Zaren eine Uniform der Krimdragoner zu machen. Man gab ihm die Maße des Zaren, und dann führte man ihn in das Arbeitszimmer des Kaisers, damit er einen Eindruck von der Figur erhalte. Der Zar empfing ihn freundlich: „Ach, da sind Sie schon, Sie sind Khaim Kuritschkeß, der Schneider, ich möchte, daß Sie mir eine Uniform der Krimdragoner machen. Und sie soll so schön sitzen, wie die des Oberst." Das Glück war dem Meister gnädig, das schwierige Werk gelang, und der Zar war zu frieden. Als die Frage der Bezahlung aufgeworfen wurde, wollte Khaim Kuritschkeß nichts annehmen: aber er erhielt schließlich doch 100 Mark und vom Hofmarschallamt noch weitere 600 Mark, um daheim seine Schulden zu bezahlen. Im Automobil fuhr man das Schneiderlein wieder nach Hause. Und einige Tage später erschien bei ihm ein Leibkurier des Zaren und überreichte ihm ein Etui mit einer goldenen Uhr und Kette. Auf der Uhr sieht man den russischen Doppeladler und darunter die gravierte Inschrift: „Khaim Kuritschkeß für Fleiß." . . . Eine Welle. Novelle von CarolineDeutsch. (Fortsetzung.) Der Segen Gottes hatte nicht auf dieser Ehe geruht. Seit den ersten Tagen der Verheiratung waren Not und Armut die schaurigen Gäste im Haushalte des jungen Paares. Wenn Leser ein unedler Mensch gewesen wäre, er hätte das Gefühl der Rache haben können, so aber fühlte er sich tief erschüttert. Er erwies der Geliebten den letzten, traurigen Liebesdienst; er drückte ihr die Augen zu. Ruhig und getröstet schied sie von dannen; er hatte versprochen, ihrem Kinde, dem der fürchterliche Tod fast alle nahen Verwandten entrissen hatte, ein Vater zu sein. Nach dem Tode der Eltern blieb Leser mit dem Knaben im Hause des verheirateten Bruders und ließ den Teil seines Vermögens im Geschäfte desselben. Nach dem Unglücke, welches ihm den Schützling raubte, wir haben es schon angedeutet, später werden wir es ausführlicher berichten, hatte der arme Leser wenig Freude auf dieser Welt, außer bei seinen Büchern. Erst als vor achtzehn Jahren Goldchen geboren wurde, fand wieder sein einsames Herz einen Anhaltspunkt, an dem es sich anklammerte. Er hatte aber auch hier viel zu kämpfen. Goldchen verlor bald ihre Mutter; es kam eine Stiefmutter ins Haus; diese war nicht bös, aber auch nicht gut. Sie gehörte zu jenen kalten Naturen, die ruhig bleiben, wenn das Dach über die nächsten Nachbarn zusammenstürzt, und außer sich werden, wenn eine Naht an ihrem Kleide falsch genäht ist. Sie hatte kein Seelenverständnis für Goldchen, und es war so, als ob diese gar keine Mutter hätte. Moscheh verzog sie wieder auf jede Weise, gab allen ihren Wünschen nach, und rief selbst die unsinnigsten hervor. Es war ein Glück, daß Goldchen den Onkel so liebte, das ließ sie nicht ganz verwildern; denn Onkel Leser bebaute, wie wir sahen, im Sonnenscheine dieser Liebe, das Stückchen gesunder Erde, das ihr^ blieb. Seitdem Goldchen aufgewachsen war, das heißt, seit drei Jahren, löste sich immer mehr und mehr das friedliche Verhältnis zwischen den Brüdern. Leser hatte zwar immer der Erziehung des Bruders entgegengearbeitet, aber feit den letzten Jahren konnte er die Wirtschaft im Hause nicht mehr ertragen. Diese ewige Gastereien, der stete Verkehr Goldchen's mit Offizieren und Beamten, das gänzliche Heraustreten aus der ehrbaren, jüdischen Sitte und der häuslichen Eingezogenheit. brachten ihn außer sich und raubten ihm seine Ruhe. Er warnte und wehrte ab, seine Bitten, Drohungen und Mahnungen waren in den Wind geredet. Moscheh war wie von einein Wirbel ersaßt. Man lobte ihn, man schmeichelte ihm, die Beamten lächelten ihm zu und sagten, er wäre der intelligenteste Kopf im ganzen Komitate, was brauchte es mehr. Wußte er denn, daß man sich hinterrücks über ihn lustig machte?