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Das jüdische Blatt · 1913-05-09 · 19 (9.5.1913) · p. Seite 5

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
19 (9.5.1913)
Date
1913-05-09
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 19. Kas jüdische Matt. 5 erste Untersuchung wie die ergänzende Untersuchung Maschkewitschs keinerlei stichhaltiges Belastungsmaterial gegen Beilis zutage gefördert hat, wird der bedauernswerte Angeklagte, der nmx schon bald zwei Jahre unschuldig im Gefängnis schnmchtet, voraussichtlich freigesprochen werden müssen. Hingegen wird damit gerechnet, daß der Gerichtshof in irgendeiner Weise die Mordtat als ein „aus religiösen Motiven" begangenes Verbrechen kennzeichnen wird. Darum dürften in dem bevorstehenden Prozeß die Zeugenaussagen nur eine geringe Rolle spielen und das Hauptgewicht aus die „wissenschaftlichen" Gutachten gelegt werden. Die Anklageschrift beruht z. T. auf dem „theologischen" Gutachten des katholischen Mönchs Pranaitis, der das Vorhandensein eines „Blutritus" bei den Juden durch angebliche Zitate aus jüdischen Geheimschriften zu erweisen sucht. Seine phantastischen Ausfühnmgeu werden insbesondere durch das berüchtigte Gutachten des Psychiaters Sikorski ergänzt, das gewissermaßen das Rückgrat der Anklageschrift bildet. Es ist nun von Interesse zu erfahren, wie europäische Gelehrte von Weltruf dieses Gutachten burteilen. Eine ganze Reihe bekannter Professoren, wie Forel, Bleuler, Bonhöffer, Meyer und andere,- haben das Gutachten nachgeprüft und ausnahmslos über das Sikorskische Machwerk den Stab gebrochen. Die Professoren v. I a u - r e g g und Obersteiner wollen sich mit dem Sikorskischen Gutachten gar nicht befassen, da sie bezweifeln, ob es ein Psychiater geschrieben habe. Und wie die „psychiatrischen" Schlußfolgerungen als völlig tüiberfinnig gekennzeichnet werden, so erweisen sich auch die gerichtsärztlichen Auslassungen von Obolonsky und Tufanow als vollkommen falsch, und sämtliche Fachgenossen widerlegen deren Versicherung, daß der Mord an Justschinsky durch besonders reichliche Blutentleerung charakterisiert sei. Damit füllt das ganze Gebäude des „Ritualmordes" in sich zusammen. Uom Äattrarr. Die Juden von Salonik. Mit anderen französischen Zeitungen hatte der „Temps" jüngst die Juden von Salonik schändlicher Undankbarkeit gegen die Türken beschuldigt, unter deren Herrschaft sie seit Jahrhunderten in Frieden gelebt hatten und die sie jetzt im Unglück verleugneten, indem sie sich servil an die siegreichen Griechen herandrängten. Darauf gibt nun Pierre L o t i, der unermüdliche Verteidiger der Ottomanen, auf Grund eines ihm zugegangenen Schreibens, das von zahlreichen Juden von Salonik gezeichnet ist, eine scharf gehaltene Berichtigung. In dem an ihn gerichteten Briefe heißt es u. a.: Der Brief, auf den sich der „Temps" stützt, und in dem erklärt wird, die Juden seien außer sich vor Entzücken, unter die griechische Herrschaft zu kommen, ist das Werk eines Griechen, eines Beamten des Preßbureaus von Salonik, der sich für die Gelegenheit als Israelit ausgegeben hat. Das Schreiben wurde in einem kleinen griechischen Regierungsblatte in französischer Sprache wiedergegeben, das gegründet worden ist, um die Juden, die sämtlich französischer Kultur sind, an den Hellenismus anzulocken. Es ist ganz falsch, zu -behaupten, daß die Juden in Salonik die Türken verleugnet haben. Sie haben nicht vergessen, daß in der Zeit, da die ganze Christenheit in einem gemeinsamen Haßgedanken ihre Vorväter von allen Seiten verfolgte, während diese durch die Meere irrten, um einen Ort zu finden, wo sie ihr Haupt niederlegen könnten, der Türke ihnen gastfreundlich die Tore öffnete. Rein, der kleine griechische Beainte hat gelogen. Die Haltnng der Juden von Salonik beim Einzuge der griechischen Armee in die Stadt war heroisch. Obgleich sie die schlimmsten Repressalien seitens der siegestrunkenen Soldaten erwarten konnten, weigerten sich die Juden trotz direkter Aufforderungen energisch, mit den griechischen Fahnen zu flaggen. Sie wahrten eine so würdige und so aufrichtig traurige Zurückhaltung, daß sie sich mehrere Tage hindurch den Haß und den Zorn des Mobs und der Soldateska zuzogen. Man schändete ihre Frauen, man plünderte ihre Häuser, man mißhandelte sie, man sperrte sie ein und ließ auf ihnen eine ganze Woche hindurch die Drohung einer Massenmetzelei lasten. Und auch heute nach drei Monaten der Besetzung haben es die Griechen trotz aller Proteste, ihrer Sympathie, trotz allen dringenden Entgegenkommens noch nicht durchzusetzen vermocht, daß die Juden die Türken verleugneten. Pauistina. Seuchen und Seuchenbekämpfung in Jerusalem. Zur Bekämpfung der Malaria in Jerusalem hat sich ein deutsches Komitee mit dem Sitz in Berlin gebildet. Den Vorsitz der Frankfurter Sektion hat Geheimrat Ehrlich übernommen. In einer Versannnlung im Frankfurter Hof berichtete in längeren interessanten Ausführungen Professor M ü h l e n s über die Ergebnisse einer vorläufigen Expedition nach Jerusalem, die zum Zweck der Vorarbeiten und zur Erforschung der sanitären Verhältnisse dieser Stadt und ihrer Umgebung ausgeschickt worden war. Der Redner betonte, daß, wenn irgendwo Vorbeugen besser sei als heilen, dies besonders bei der Malaria der Fall ist. Er schilderte die geographischen, ethnographischen, religiösen und sozialen Verhältnisse der heiligen Stadt, die eine Fülle von Schulen, Waisenanstalten, Hospitälern und sonstigen Wohltätigkeitsinstituten besitzt: es existieren allein 15 Hospitäler der verschiedenen Nationen und Konfessionen. Außerordentlich verbreitet ist die Malaria in Jerusalem, wie aus den Untersuchungen der Expedition hervorgeht. In den vier Monaten der Tätigkeit wurden nahezu 8000 Personen untersucht und in einem außerordentlich hohen Prozentsatz, je nach der Oertlichkeit und den sozialen Verhältnissen schwankend, Malariaparasiten im Blut gefunden. Bei 2400 untersuchten Juden wurden sie in 40 Prozent, bei den Mohammedanern in 31 Prozent, unter den christlichen Europäern in 7 Prozent konstatiert. Professor Mühlens schätzt die Zahl der Malariakranken unter den Patienten, welche die Hospitäler und Polikliniken aufsuchen, auf 60 bis 80 Prozent. Nach einer eingehenden Schilderung des Wesens der Malaria und ihrer Uebertragung durch die Mücken wandte sich der Vortragende zu den Maßnahmen ihrer Bekämpfung, unter denen er an erster Stelle die systematische Chininbehandlung für die aussichtsreichste hält. Die Vernichtung der Mückenlarven in den Zisternen ist eine weitere, aber sehr schwierige und kostspielige Ausgabe. An eine zentrale Wasserversorgung und Schließung der Zisternen ist vorläufig nicht zu denken. Die Chininbehandlung, bisher in den Schulen durchgeführt, hat bereits gute Erfolge gezeitigt. Ilm die Assanierung Jerusalems zu erreichen, ist eine Zentralstelle, ein Gesundheitsamt notwendig, das frei von nationalen oder konfessionellen Sonderinteressen ans Werk gehen muß. Der Grundstein ist bereits durch das deutsche Komitee gelegt; an dein weiteren Ausbau mitzuhelfen, ist Aufgabe größerer Kreise der Kulturwelt.

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