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Das jüdische Blatt · 1913-05-09 · 19 (9.5.1913) · p. Seite 4

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
19 (9.5.1913)
Date
1913-05-09
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 Das jüdische Matt. Nr. 19. den frische Labung brachte. Wie lange schan verlangten eine große Anzahl Leute nach diesem □"ipi und besonders seit der Gründung der hiesigen Agudas Jisroel-Gruppe im Sommer war es der sehnlichste Wunsch Vieler religiöle Vorträge zu hören. Endlich ist's wahr geworden! Nun, sei es, daß man unter den 60—70 000 Juden in Paris keinen Redner fand, oder, daß sich keiner dazu hergben wollte — zwei auswärtigen Herren war es Vorbehalten, inmitten eines vielhundertköpfigen Publikums eine Begeisterung hervorzurufen, wie man sie hier noch nie erlebte und die wohl verdient, öffentlich erwähnt zu werden. Die beiden Redner wurden zunächst von Herrn Altmann und Herrn Rabbiner Weiskopf warm begrüßt. „Die Einheit Israels" betitelte sich der erste Vortrag, in welchem Herr Rabbiner Dr. E. Weill aus Buchsweiler ein herrliches Bild von Israels Vergangenheit und Gegenwart gab, mit einem trostvollen Ausblick in die Zukunft, wenn Israel immer die Tauroh als Panier in Ehren hält! Ueber eine Stunde lang lauschte diesem berufenen Munde eine große Menge in namenloser Stille. Die einnehmende Art und Weise des Vortragens, die felsenfeste Ueberzeugung des geschätzten Redners, dabei der Wortreichtum in der französischen Sprache hinterließ bei den aufmerksamen Zuhörern einen mächtigen Eindruck. Mit Recht bemerkte Herr Rabbiner Weill, daß jede jüdische Bewegung, welche nicht die Tauroh als Leitstern auf ihre Fahne schreibt, keine wahrhaft jüdische Bewegung sei. In äußerst diskreter Weise polemisierte Herr Dr. Weill in diesem Sinne gegen den Zionismus vielmehr gegen die „Nationalisten", welche sich jedoch, obgleich zahlreich anwesend, nicht rührten. Mit großer Spannung sah man dem zweiten Redner des Abends entgegen, welcher über die „Aguda in Frankreich" sprechen sollte. Es war der aus jüdischen Blättern her bekannte französische Offizier, Kommandant Lipmann aus Versailles, der Zufall will's, ein Studiengenosse des Kapitän Dreyfuß, beide zu gleicher Zeit aus der Militärschule hervorgegangen. Wohl eine Seltenheit, ist Herr Kommandant Lipmann dem Thorajudentum treugeblieben und er, der Offizier, ein herrliches Beispiel, hat den Mut, den Pariser Juden zum ersten Male ein Sündenregister „Coram populo" an den Kopf zu schleudern, daß man seine Freude daran haben mußte. Herr Lipmann kennt wohl seine mehr patriotisch als jüdisch begeisterten Glaubensgenossen in Paris und suchte so zuerst durch patriotische Lobeserhebungen sein Auditorium für sich zu gewinnen. Er sprach von unfern großen Gelehrten, von dem Franzosen „Raschi" (Beifall), erzählt, wie Frankreich der Ausgangspunkt war zu der Emanzipation der Juden in allen anderen Ländern (Beifall), bewies wie aber auch „Liberte", „Egalitd", „Fraternit6" dem Judentum nichts Neues sind, sondern alte, in der Tauroh enthaltene Wahrheiten darstellen. Herr Kommandant Lipmann hielt keine von Pathos getragene Rede, nein, ungezwungene familiäre Causerie war seine Moralpredigt. Und mit Händeklatschen begleitete man seine Ausführungen, als er klagte, wie man in Frankreich den Schabbos mit Füßen tritt, wie verwaist überall die Synagogen aussehen, wie er selbst in Versailles — bei 60 Familien — mit Beamten zusammen höchstens nur 14 Personen in der Synagoge findet, wie in Orleans, Bordeaux usw. kein jüdisches Geschäft am Schabbos geschlossen ist, wie überall die Speisegesetze übertreten werden, wie erschreckend die Unsumme der Taufen und Mischehen wirkt, wie empörend das kecke Auftreten der gesetzeslosen Liberalen und Assimilanten, wie verletzend das j einseitige jüdische Selbstbewußtsein thorafremder Nationai listen und Zionisten ist. Wenn inan von einer jüdischen Rasse sprechen will, so kann man von einer solchen nur als Produkt des thoratreuen Judentums reden. Dies alles sagte Herr Lipmann mit einer Simplizität, die ihresgleichen sucht und kam dann auf die Reform in Deutschland zu sprechen und meint schließlich, daß Deutschland vermöge seiner geographischen Lage als Mittelpunkt der „Agudas Jisroel" auserkoren wurde. Aeußerst sympathisch berührte es, daß der Redner so oft er einen p^r. aus den Propheten oder der Tauroh zitierte, „saus gerne" seinen „chapeau haute forme" aussetzte, was man hierzulande nicht immer trifft, höchstens daß man schüchtern seine Hand auflegt. Aber eingedenk der jüdischen Lehre des erst dann erst kraftvolle Tat, dann theoretische Erörterung, nicht die Theorie, sondern die Praxis ist die Hauptsache, schließt der Herr Kommandant mit einem Appell an seine Zuhörer zur großzügigen Förderung des Thorastudiums und der jüdischen Erziehung überhaupt, sowie eine von echtem jüdischen Geiste erfüllte Presse zu fördern. Nicht endenwollender Beifall setzte ein, man bestürmte das Podium, dem tapferen Manne die Hand zu drücken und hundertfach erschollen in dem großen Saale die Rufe „vive Je Cominandant Lipmann". Ein □£*n! An den maßgebenden Faktoren liegt es nun, sofern sie wissen, was heißt, und da muß hier in Paris zuerst der Hebel angesetzt werden, die Schlafenden zu wecken, die seit langem aber bereits Wachenden zu unterstützen und mit ihnen gemeinsam durch ein Judentum der „T a t" das Gefallene und die Gefallenen auszurichten, das Bestehende und die Stehenden vor Untergang zu bewahren. F. W. England. London. Am 29. April fand im Bezirke Whitechapel die Ersatzwahl fürs Parlament statt, da das Mandat des früheren Abgeordneten Sir Stuart Samuel für ungültig erklärt worden war. Sir Samuel war früher Mitglied einer Firma, die in Geschäftsverbindung mit dem Staatssekretär für Indien stand, was von judenfeindlicher Seite weidlich ausgebeutet wurde, obwohl die persönliche Integrität Samuels klar zutage lag. In der Ersatzwahl wurde nun Sir Stuart Samuel, der der liberalen Partei angehört, gegen den Unionisten Kapitän Browne mit 166 Stimmen Majorität wiedergewählt. Rußland. Neue Judenausweisungen in Rußland. Petersburg. In R i g a erhielten vor kurzem 200 jüdische Familien den Befehl, die Stadt zu verlassen. Ueber 100 Familien dürfen nur noch zwei Monate zur Ordnung ihrer geschäftlichen Angelegenheiten in der Stadt verweilen, während den restlichen Familien eine Frist von sechs Monaten zugebilligt wurde. — Im Kreise Dubno stehen 1500 Juden vor der Ausweisung. — Da die zweimonatige Frist für die Hunderte von ausgewiesenen jüdischen Familien in Kursk dieser Tage abgelaufen ist, hat der dortige Gouverneur Muratow der Polizei strengen Auftrag erteilt, die Ausweisungen unnachsichtlich durchzuführen. Die Beschwerden der betroffenen Familien an den Senat sind erfolglos geblieben. Zur Veilis-Affäre. Kiew. Die Entscheidung in der Veilis-Affäre dürfte nun bald fallen. In gut unterrichteten Gerichtskreisen wird mit Bestimmtheit versichert, daß die Verhandlung gegen Beilis noch im Laufe des Monats Mai stattfinden wird. Da die

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