Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 19 (9.5.1913)
- Date
- 1913-05-09
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9052070-9096771-9052395--0331-9052398- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 19. Das jüdische Kiatt. 3 das protestantische und das israelitische Budget zu benachteiligen, und zwar soll das Budget für den israelitischen Kultus um bedeutend mehr als die Hälfte verkürzt werden. Ja, es ist sehr bedauerlich, daß eine gewisse Rivalität hier in Fluß gebracht werden soll zwischen den Budgets der einzelnen Kulte. In Elsaß-Lothringen hat, seit es mir gedenkt, zwischen den christlichen Religionsgemeinschaften und der israelitischen ein gutes Einvernehmen geherrscht und ich bin sicher, daß es der Wunsch der Mitglieder des israelitischen Kultus ist, daß dieses gute Einvernehmen auch in Zukunft so bleiben soll und ich glaube, daß auch die mehr als übergroße Mehrheit der christlichen Religionsgemeinschaften dieses friedliche Einvernehmen wünscht, und ich bedauere schon allein von diesem Standpunkt aus die Vorschläge, da sie die Möglichkeit in sich tragen können, daß dieses Band des schönen Einvernehmens gelockert oder gestört werden könnte. Aber nicht allein deshalb muß ich den gemachten Vorschlag als unannehmbar bezeichnen, sondern erst recht auch vom Standpunkt unseres Kultus aus an und für sich. Es ist der Versuch gemacht worden, die Tragweite des Vorschlags zahlenmäßig zu berechnen; hiernach kämen für den israelitischen Kultus statt wie heute rund 200 000 di, nur noch rund dl 75 000 als Beitragsleistung des Staates in Betracht, so daß wir einen Ausfall von ca. di 125 000 pro Jahr hätten. Daß wir den nicht überwinden können, liegt auf der Hand, denn dieser Betrag ist nach alljährlicher Kontrolle und Kritik des früheren Parlaments und der Regierung als notwendig erachtet worden. Da in Elsaß-Lothringen ca. 30 000 Bekenner der israelitischen Religion wohnen, so würde dieser Ausfall allein per Kopf etwa 4 di ausmachen und pro Familie 16—20 dl, also einen sehr erheblichen Teil des Staatssteuerdurchschnitts. Hierzu käme dann die Leistung für den nicht gestrichenen Teil, die als gewöhnliche Steuerleistung bliebe, und die Leistungen, die schon bisher neben dem Beitrag des Staats aufgebracht wurden und aufgebracht werden müssen, da wir ja viele Gemeinden haben, denen der Staat bisher nichts oder nur einen kleinen Teil beisteuerte (nur in Form einer kleinen Unterstützung) und ich kann Ihnen versichern und amtliche Erhebugnen werden es Ihnen bestätigen, daß fast in allen jüdischen Kultusgemeinden Elsaß-Lothringens noch ganz außerordentliche Anstrengungen gemacht werden für den Unterhalt der Synagogen, Bethäuser, rituelle Badhäuser, Friedhöfe, Erziehungsanstalten, Waisenhäuser, Kranken- und Wohltätigkeitsanstalten. Wenn noch ferner berücksichtigt wird, daß die einzelnen Rabbinate verschiedene Steuerkraft haben, stark verschieden wegen der Zahl und der Leistungsfähigkeit der Einzelnen, so werden einzelne Rabbinate bei Entziehung von 5/s der bisherigen Zuschüsse schlechterdings in die Unmöglichkeit versetzt werden, die Mittel aufzubringen zur Ausübung des Kultus; das wäre ein bedauerliches Resultat — denn seit dem 70 er Krieg ist die Zahl der Israeliten zurückgegangen und es käme nun dazu —, da die Zahl der Gemeinden ungefähr gleich geblieben ist, zu den Opfern, die dieser Wegzug den glaubenstreuen oder in der Heimat zurückgebliebenen Israeliten brachte, nun noch als besonderer Nachteil und Strafe die Wegnahme des gewohnten Staatszuschusses zu betrachten wäre. Dieses ist bedauerlich von jedem Standpunkte aus. Die moderne Zeit würde uns die altgewohnte Jahrtausende bestehende Ausübung unserer Religion schmälern unter dem geformten Titel der persönlichen Freiheit und Gleichmachung nach Köpfen. Man würde es auch bedauern müssen vom Standpunkt des Staates aus, dessen Grundprinzip nach richtiger Ansicht die Religion bildet, und es ist ferner bedauerlich vom Prinzip des Staatswesens aus, gemäß welchem nicht jeder auf sich allein angewiesen ist, sondern für dringende Bedürfnisse auch geistiger Natur sich der Hilfe der Vielen und Stärkeren erfreuen darf. Endlich ist die Kürzung auch etwas, das einend alten Grundsatz der Staatslehre widerspricht, daß der Staat und seine Einrichtung unvergänglich sind, und daß seine Einrichtungen und Beamten nicht von einem Tage auf den andern sich jahrzehntelanger Leistungen des Staates beraubt sehen dürfen. Dieser Vorschlag wäre also ungerecht und unbillig; gerade daß er unbillig ist, hört und liest man von verschiedenen Seiten und vielfach aus christlichem Mund und christlicher Feder. Als eine Minorität, als die zahlenmäßig Schwächeren bedürfen wir des Wohlwollens der Majorität, und ich möchte darauf Hinweisen, daß es schon für uns der Anspannung der äußersten Kräfte bedürfte bei dem bisherigen Zuschuß, die Ausübung des Kultus und den Religionsunterricht aufrecht zu erhalten. Eine Kürzung desselben, so wie sie beabsichtigt ist, ist daher durchaus unmöglich und würde für den israelitischen Kultus sowie für den protestantischen von sehr bedenklichen und unerwünschten Folgen begleitet sein. Ich bitte Sie daher dringend, meine Herren, sich mit dieser beabsichtigten Regelung nicht einverstanden zu erklären. Da wir heute darüber nicht abzustimmen haben, mögen Sie mit diesem Gedanken sogar nicht umgehen zu wollen. Die Möglichkeit der Erteilung des Steuerrechts mag vielleicht manches Gute haben, wenn es aber mit solchem Nachteil sowohl für Israeliten als auch für Protestanten begleitet sein soll, so ist es ein Danaergeschenk und ich muß es ablehnen und Sie bitten, dann noch lieber beim alten Prinzip zu bleiben, nach der Weisheitsregel: Magst du summen, o Biene, so viel du willst, ich fürchte deinen Stachel und muß leider verzichten auf deinen Honig. Frankreich. Paris. Der Berichterstatter ist diesmal in der glücklichen Lage ein großes Ereignis zu registrieren, das sich diese Woche innerhalb der Parijer Judenheit zugetragen hat. Ein Ereignis! jawohl. Wie? — ein wirkliches Evenement? — ein jüdischer Vortrag, nein, sogar zwei Vorträge! Freilich für Frankfurt und andere jüdischen Zentren in Deutschland will das nichts bedeuten, dort wo allsabbatlich, ja alltäglich gesprochen, gelernt, vorgetragen wird. Aber hier in der ^olit ude ist man bescheiden und empfindet Genugtuung, wenn nur einmal in Jahren ein Redner nuftritt. Man gewöhnt sich ja an alles und besonders an den religiösen Jndifferentismus! Und wahrlich der unparteiischste Korrespondent muß bei dem Gedanken an den gestrigen Vortragsabend an eine Oase in der Wüste denken, an ein nipp (pn^ET! P,’2) CTS1? nn eine Oase, welche den schon lange Dursten-