Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 16/17 (18.4.1913)
- Date
- 1913-04-18
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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11) Das jüdische Matt Nr. der Libanon schien es zurückzuschicken „leschonoh liabooli binisoliolojiin"- lind Eliohu schlug seinen Mantel abermals um Mo und fort ging es wieder nach Westen hin, wieder über Meer und über Land, wieder über hohe Berge hin, iiber Flüsse und Länder, Städte und Dörfer.- -Mo war zu Hause. Da begann gerade der Morgen zu dämmern, als ihn Eliohu in dem Zimmer an den Tisch niedersetzte, wo der Kidduschwein für morgens bereit stand. Mo lächelte, denn er verstand, warum der Prophet ihn gerade da hinsetzte. „Nun Mo", sagte Eiliohu, „wirst Du wirklich nie so sein, wie die Menschen auf dem Balle?" „Nein," schüttelte Mo stark. „Immer so, wie d i e Menschen, die Kiddusch sagen mit meine m Wein?" „Ja," nickte Mo überzeugt. -Da Hub Eliohu den kleinen Jungen auf und trug ihn nach oben, legte ihn nieder auf sein Bett, küßte seine Stirne und sprach: „Lesclionoh liabooli- „binisoholojim" sagte Mo mit schon geschlossenen Augen. Und schlief wieder ein. I u st u s Tal, Amsterdam. Eine Welte. Novelle von Caroline Deutsch. 7. Es war ein Heller, klarer Winterabend. Sterne glitzerten am stahlgrauen Himmel und Sterne auf den schneebedeckten festgefrorenen Straßen von H., Sterne, deren Reflex zu einem magischen Lichte zusammenflossen. Trotzdem der Abend so wunderherrlich war, lockte er dennoch wenig Menschen auf die Straße; denn es war eisig kalt, und die, welche ihren Geschäften nachgehen mußten, beeilten sich, um in die warme Stube zu kommen; nur vor einem Hause standen viele Menschen und guckten neugierig in die hell erleuchteten Fenster. Dieses Haus gehörte Reb Moscheh Breitkopf, dem reichsten Mann in der Khille, und heute war eine große Gesellschaft darin versammelt: die christlichen und die jüdischen Honoratioren des Städtchens. Reb Moscheh gab oft Gesellschaft, und von den Eingeladenen blieb gewiß keiner aus; denn nirgends gab es bessere Weine, bessere Speisen, und nirgends sah man ein holdseligeres Frauenangesicht als bei Breitkopf: es war dies die Tochter des Hauses, Goldchen genannt. Goldchen, Goldchen! ... wer kann sie schildern? Das heißt, ihren äußeren Menschen. Denkt Euch das Morgenrot an einem Frühlingsmorgen, das sanft erglühend den Horizont umspannt, und die ganze duftende Welt in warme Lichtstrahlen hüllt, denkt Euch die scbwellend aufgeblühte Rose, die halb verborgen aus grünem Laubdach blickt, von tausend schimmernden Tautropfen umwoben, denkt noch warmes pulsierendes Leben hinzu, und ihr habt Goldchen. Musik und Gläserklirren scholl aus dem Hause, die Lichter flammten und erleuchteten es tageshell. Goldchen, wie eine Königin geputzt, verließ ungesehen den Gesellschaftssanl und schlich eine schmale Hintertreppe nach dem Dachstübchen hinauf, wo bei einer Lampe ein einsamer Mann studierte; es war nicht das erstemal, daß das Mädchen so die Gesellschaft im Stiche ließ und Onkel Leser aufsuchte. „Onkelchen, bei dir ist mir noch am wohlsten," sagte das schöne Mädchen, ihn zärtlich umfassend. „Da drinnen überhäufen sie mich mit Schmeicheleien, wie schön, wie klug, wie einzig ich bin; das Herz bleibt kalt und stumm; wenn Du mir aber sagst: Goldchen, ich bin dir gut, Goldchen, ich Hab dich lieb, da wird mir ganz warm ums Herz, wie wenn es Frühling werden sollte, dabei ganz still und gottselig, als wär ich umgetauscht." „Du bist mein gutes Goldchen," sagte der Gelehrte gerührt und legte seine Hand auf ihren Scheitel, von dem das Haar goldig und glänzend niederfloß. Er konnte den Blick von der wunderherrlichen Gestalt nicht wenden; dann aber sah er doch weg und seufzte tief. „Tut dir die Pracht an mir weh?" frug Goldchen, die heute ihre gute Stunde hatte, „sag' ein Wort und ich lege alles ab." „Wozu Kind? Du ziehst es doch morgen wiederum an. Es ist, wie wenn jemand heute einem schädlichen Genüsse entsagen wollte, um morgen mit um so größerer Begier darüber herzufallen. Wenn Du selbst nicht Mißfallen an dem Flitter findest, so nützt mir Dein heutiges Opfer nicht und Dein morgiges auch nicht. Nur das Eine versteh' ich nicht, wie man an dem ewigen Putzen, an dem ewigen sich Zerstreuen Gefallen finden kann, das heißt, ein vernünftiger Mensch." „Das verstehst Du wirklich nicht, Onkel," sagte sie mit einem stolzen Zurückwerfen ihres schönen Kopfes. „Du hast Deine Riesenbücher, das ist Dein Vergnügen. Wir andere Menschenkinder haben was anderes. Mir macht es Vergnügen, wenn mein Kleid schöner ist, als das aller andern, wenn ich in eine Gesellschaft komme, sich aller Augen nach mir wenden, die Herren mich umdrängen und die Frauen mich mit Neid und Aerger betrachten." „Du bist auf einem gefährlichen Wege, Goldchen," sagte Onkel Leser unwillig, „und Du hattest eine edle Mutter. Ich Hab' Dir schon viel von dieser Mutter erzählt, aber wie ich merke, noch nicht genug. Sie war fromm und gut, und die Armen segneten ihr Angedenken; Freitags backte und kochte sie für die Armen und fuhr mit einem Handwägelchen nach der nahen Khille, wo sie von einem Hause nach dem andern ihre frommen Gaben trug, damit der heilige Sabbat nicht durch Dürftigkeit entweiht werde; sie nähte Kleider für die Dürftigen, sie wachte am Lager der Kranken, sie half mit Aufopferung Armen und nie sah der Beschenkte das Angesicht der Geberin, so war Deine Mutter; denk' an sie, Goldchen, denk' an sie!" Goldchen stand mit gerunzelter Stirn vor ihm; ihre dunkeln Brauen zuckten in tiefer verhaltener Erregung. Sie konnte keinen Tadel ertragen, nicht einmal vom Onkel. „Kann ich dafür, daß ich dieser Mutter nicht gleiche?" versetzte sie, „daß ich ein solch' wildes, heißes Herz habe, das nicht ruht, bis es das hat, was es will?" „Du kannst dafür. Jeder Mensch hat Wünsche; die ungerechten bezwingt die Religion und die Vernunft." „Onkelchen, bist Du mir böse?" frug Goldchen, plötzlich ganz umschlagend und blickte ihm voll Liebe ins Auge. „Sei es nicht, ich kann's nicht ertragen. Ich bin ein wildes, eigensinniges Ding! Aber nicht von heut' und gestern her; darum Hab' Du nur Geduld mit mir. An einem Tage wird man kein Zadik, siehst, dies Stück Lamdonuß Hab' ich Deiner Gelehrlenstube entwendet." „Du könntest auf ehrlichem Wege dazu kommen," versetzte er mit trübem Lächeln, „doch es ist schon von Alters her, ich Hab' kein Glück mit meinen Schülern." Wie leise auch der Seufzer war, der ihm dabei entschlüpfte, Goldchens feines Ohr hatte ihn nufgefangen.