Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Blatt · 1913-04-18 · 16/17 (18.4.1913) · p. Seite 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
16/17 (18.4.1913)
Date
1913-04-18
Page
Seite 15 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9052070-9096771-9052353--0301-9052368
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 16(17. Das jüdische Kiatt. 15 „Hier hat im Jahre 4931 (1171) unter Ludwig dem siebten von Frankreich zum ersten Male die Blutbeschuldigung jüdische Leben gekostet. Weiht Du, was das ist?" Mo schüttelte verneinend den Kopf. „Es gab ganz schlechte Menschen, die behaupteten, daß die Juden Blut nötig hätten für die Mazzaus." „Aber wie ist das möglich" staunte Mo. Mutter salzt das Fleisch, damit das Blut herausgehe, und als ich mich neulich beim Essen geschnitten hatte, sagte Vater, daß ich ein Läppchen ganz fest um meinen Finger wickeln sollte, weil Blut auf mein Brot käme und ich es nicht essen dürste, und das war doch mein eigenes Blut." Blut — brrr —. ,'Ja, Mo, und doch sind die Menschen so schlecht, solchen Unsinn zu erzählen, und dann gibt es noch eine ganze Menge Menschen — die so dumm sind, es zu glauben. Und dann wird da erzählt, daß die Juden ein Christenkind töten, um sein Blut zu bekommen. Und hier, Mo, ist das zum erstenmal gesagt worden. Infolgedessen wurden auf diesem Felde hier 34 Männer und 17 Frauen lebend verbrannt, und weißt Du, was sie zuletzt gesagt haben auf diesem Scheiterhaufen: „„Oloinu Loschh beacli Laadaun liakatil." Du kannst es doch übersetzen?" Mo nickte, Tränen füllten sein Auge. „Und die Juden in jener Villa in Berlin — dachten die gar nicht daran, was die alten Juden am Pesach und mit den Mazzos gelitten hatten?" „Die denken nicht daran, die wissen nichts davon und! wollen nicht wissen und folglich auch nicht denken. Und es I ist doch so schrecklich, daß heutzutage die Leute so dumm sind zu glauben und es weiter zu erzählen —. Mo, ich will Dich zu was anderem bringen — weiter — fort von hier." Denselben Weg von vorhin zurück und noch ein Stiick weiter über Berge und Sümpfe. Sie gingen der Sonne entgegen; je weiter sie kamen, desto heller war es, und da z wo sie stille hielten, war es schon spät am Morgen, und das tätige Leben war schon lange im Gang. Die Stadt, in der sie Rast machten, hatte lauter schmale Straßen und hohe Häuser, wenig Licht, wenig Luft. Ein schmaler Streifen himmelblau war zwischen den hohen Häuserreihen sichtbar — mehr sahen die Bewohner nicht von dem Firmament. Es waren einige Menschen aus der Straße; die einzelnen liefen, lebhaft sprechend, eilig weiter; sie trugen reinliche Festkleider. Eiliohu und Mo betraten ein Haus, da fanden sie in einem der Zimmer eine ganze Gesellschaft, Vater, Mutter und acht Kinder. Der Tisch war gedeckt, aber nur ganz karg. Auf jedermanns Platz waren Mazzaus und weiter war nur etwas Käse da. Und der Vater nahm das zugedeckte Glas Wein, das vor seinem Platze stand und goß es in einen Becher und begann — Kiddusch. Und Mo sab, wie das ganze Gesicht des Mannes, so ernst es auch war. doch heiter glänzte: „Kilo Mauadoi" usw. und „waijodabhcicr Mousrheh." — Das war die Simcho von Jomtof. „Sieh, Mo, die Menschen haben nur wenig, um zu leben, und müssen ganz hart arbeiten, um ihr Brot zu verdienen, und sie haben wochenlang in Angst, in Todesangst hier gesessen, daß eben diese Blutbeschuldigung kommen würde und sie totgeschlagen werden. Sie wohnen in engen Vierteln, dicht aufeinander, denn hier in Rußland dürfen die Juden nur in einigen Gegenden wohnen. Und sieh nun mal: Das ist Kiddusch sagen. Weißt Du, woran der Mann jetzt denkt? Er denkt an mich. „Ls Mauadoi Ilaselioiin" — an Gottes Feiertage —, was bedeutet eigentlich Mauadui?" „Bestimmte Zeiten", sagte Mo. „Richtig, mein Junge. An den bestimmten Zeiten, den Festen, spricht er Kiddusch und sagt, daß er nicht allein nur leben will, um die Mizwaus zu tun, die Gott ihm geboten hat. Und daß er an diesem Feiertag dafür lernen will; und daß der Feiertag, als ein heiliger Tag, ein Heiligtum ist. Darum bedeutet Kiddusch auch?" — „Heiligtum," sagte Mo. „Richtig, mein Kind. Und dabei denkt er auch an die Heiligung von sich selbst für die Zeiten, die Gott bestimmt hat, wenn Moschiach kommt und wir alle nach Palästina gehen. Das sind auch „iMauadoi Haschcim", Zeiten, durch Gott bestimmt. Und wenn er Kiddusch sagt, dann heiligt er sich, um der Erlösung würdig zu werden. Sieh nur, wie der Vater und die Mutter und alle die Kinder am Jomtof heiter sind. Verstehst Du nun, warum der Becher von Eiliohu für Kiddusch morgens gebraucht wird?" Und Mo nickte „ja" und verstand es. Es war wohl etwas schwer; aber wenn man bei Eiliohu Hanovi ist, versteht man inehr als sonst. „Und nun werd ich Dich noch dahin bringen, wo wir dann sein werden" sagte Eiliohu und schlug seinen Mantel wieder um Mo und fort ging es — fort. Wieder über Berge und Hochebenen, Meere und Flüsse, ein ganz weites Stück. Dann wieder über ein Stück Land, wieder Meer; dann wieder auf Land. Hoch und nieder, in der Ferne hohe, weiße Berggipfel. Und endlich standen sie still. Auf eiuem Berg standen sie. Zu ihren Füßen breitete sich eine Stadt aus mit weißen Häusern und Kuppeln, flachen Dächern und schmalen Türmchen. „Jerusalem!" sagte Eiliohu. Die Soune goß ihr goldenes Licht über das Ganze. Ueberall waren große Stücke kahlen Feldes; hie und da ein wenig grüner Wald und über das Ganze zerstreut Ruinen und Stücke von Mauern. Und in der Umgebung Hügel und Berge. „Jerusalem!" rief Eiliohu noch einmal. Und seine Stimme hallte mit metallenem Klange von den Bergen wieder und verklang endlich in der Ferne. Mo fühlte sein Herz wieder klopfen. Er hatte am Seder so laut mitgesungen „lcschonoh liabooh biruscholojini". Und siehe, ein paar Stunden später stand er in Jerusalem. Wie ist es hier schön, wie ist die Luft warm und doch so frisch. Was duftet es hier so herrlich. Und die Sonne war noch heller wie zu Hause. — Jerusalem.-. „Hier waren sie einst, sagte Eliohu in unserem eigenen Lande. Aber sie waren keine guten Juden; Gott hat sie gestraft.-Deshalb muhten sie hinaus. Uud sie müssen in der Verbannung leiden, und leiden noch da, bis sie wieder zur Tauroh zurückkehren. Sieh, Mo, wie gut, wie schön es hier ist. Gott segnet sein Land." „Wenn alle Juden wieder sind, wie sie sein sollten, dann komme ich zurück, und dann kommt Moschiach, und dann gehen wir alle wieder hier hin, alle zusammen nach Jeruscholojim.-Und Eiliohu starrte träumerisch in die Ferne und stand sinnend und sah durch die klare Luft nach dem Berggipfel des Karmels hin.- „Jeruscholojim", sagte Mo, ohne daß er selbst es wußte. „Ja Mo, Jeruscholojim, mein Jeruscholojim." Der Prophet richtete sich auf, hoch auf, und laut klang es hinaus in die Ferne: „Lcsrhomdi 'liabooh biruscholojini", rief er noch einmal mächtig und stark, daß der Widerhall von den Bergen antwortete „loschonoh liabooh biruscholojini" und auch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.