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Das jüdische Blatt · 1913-04-18 · 16/17 (18.4.1913) · p. Seite 14

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
16/17 (18.4.1913)
Date
1913-04-18
Page
Seite 14 (sequence 14)
Language
German
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14 Das jüdische Klatt. Nr. 16; 17 molken wie Federbüsche; hier sah er ein hoch in der Luft stehendes Licht, das weit über das Meer seinen Strahlenbündel nussandte — vorbei dort ein paar breite Stromarme wie Silberstreisen — vorbei —. Einen Augenblick später stand Mo neben Eiliohu am — Boden. Es war ein großes freiliegendes Feld auf dem die Beiden standen; der Boden bestand aus einer weichen Sandmasse und es war ganz weich darauf zu stehen. Hie und da waren Heine Grüppchen von Bäumen sichtbar. In der Ferne sah Mo aus dem Sand einen großen Menschenkopf hervorragen, groß, ganz groß, wohl so groß wie ein Kirchturm, und in der Nähe eine in einen viereckigen Spitz zulaufende Masse von Stein. Ueberall war der Boden ausgegraben lind tief im Sande waren Mauerbrocken sichtbar, lauter gleiche, längliche, viereckige, graue Stücke aufeinander; und in der Ferne ein Strom, ganz breit, mit ruhig fließendem Wasser, mit breitem Uferrand, dicht zusammengewachsenem Rohr und Binsen; auf dem Wasser allerlei Wasserpflanzen, Lilien und Lotussen. Der volle Mond goß über dieses alles sein silbernes Licht und badete die ganze Umgebung in einen mattweißen Schein, und alles, was Mo sah, bekam eine Lebensfarbe und machte einen starken Eindruck. Mo atmete tief, tief auf uud wartete. Er fühlte, es werde Großes kommen. „Weißt Du, wo wir jetzt sind?" fragte Eiliohu. Seine Stimme rolkte mächtig durch die ganze Ebene. Mo fand es wieder herrlich, sie hören zu können. „Wir sind in — Gosen. Wir sind auf dem Bodeu, wo Deine Vorfahren, mein Kind, als Sklaven haben arbeiten müssen. Hier wurden sie aufgepeitschte, aufgetriebene Sieche; dort stehen die Mauerstücke von Pisan, der Stadt, die sie ausgebaut haben." Eiliohu schritt mit Mo weiter zu einem Stück aufgegrabener Mauer und ließ ihn mit seinen Händchen über den graugebackenen Ton gleiteil. „Das ist rauh", sagte Mo, „wie borstiges Haar." „Richtig," antwortete Eiliohu, „das ist das Stroh, das unsere Voreltern verarbeiteil mußten, sonst blieb der Ton ilicht fest. Siehst Du, mein Junge, davoil hast Du nun hellte abend gesprochen und ehedem in der Schule gelernt. Von hier aus hat Gott sie befreit." „Bejori cliasoko uwisnuia netujo," sagte Eiliohu, der Mos Gedanken wohl kannte. „Uild dadurch hat Gott uns zu seinen Dienern gemacht. Sieh Dich noch einmal gut um." Mo erhob seinen Blick uild sah seine Umgebung nochmals an. Dann schlug Eiliohu seinen Mantel nochmals um ihn und fort ging es. — Unter ihnen blieb es still. Sie sahen lauter Feld, hier und da ein Dörfchen. Mo hörte abermals das Rauschen des Meeres und desseil silbernes Glitzern. Aber gleich darnach war wieder Land unter ihnen und Felseil, und dazwischen große Sandflächen; auch trafen sie einige Zelte mit Nachtfeuerchen. Die beiden standen wieder auf dem Bodeil. Mo sah eineil großen Berg mit zwei Berggipfeln vor sich. Das Feld, worauf sie standen, war endlos groß; in der Ferne tauchteil Bergspitzen auf. Mo sah Eiliohu fragend an. „Sinoi," sagte Eiliohu; ilichts lnehr. Uild Mo — er fühlte ein Zittern durch seinen Körper gleiteil. Er fühlte Tränen in feinen Augen aufsteigen, es war ihiil zunl Weinen, warum wußte er nicht. Nicht vor Schmerz oder Kummer oder gar Angst —, nein, das hatte er gar ilicht. Im Gegenteil! Er — er — er — könnte es ilicht sagen was, aber er fühlte etwas gailz, ganz Großes hier am Berge — Sinoi, wo Gott zli unfern Väteril gesprocheil hatte —. Uild dann sah er, wie Eiliohu zu dem Gipfel des Berges aufsah, während ihm ein paar große Tränen über seine Wangen rollten. Eiliohu nahm deil kleinen Mo auf seinen Arm, drückte ihn an sich und legte seine Wange an seine Wange; so standen die beiden lange unbeweglich; Mo fühlte fein Herz klopfen und seine Augen sich mit Tränen füllen, ohile daß er eigentlich wußte, warum —. Eiliohu schlug seinen Mantel wieder um sich und fort ging es wieder. Wieder an Leuchttürmen vorbei, über das Meer, eine ganze Menge kleiner Inseln; hohe Wälder wechselten mit Flachland ab, bis sie über einer Stadt, in elektrischevl Lichte gebadet, stille hielten. Sie standen auf dem Boden eines schönen, großen Gartens. Vor sich sah Mo eine große Villa, deren Fenster hell erleuchtet waren; auf den Gardinen zeichneten sich die Schatten allerlei Gestalten ab. Ein Gesumme von Stimmen drang durch ein paar offenstehende Fenster nach außen. Eiliohu schlug seinen Arm um Mos Schulter und sie gingen zusammen durch die offenstehende Tür hinein; sie liefen durch eineu Gang und traten in einen großen Saal ein. Da war ein lebhaftes Hin- und Hergehen von allerlei Menschen. Man sah schöne Uniformen und einfache, schwarze Kleidung, helle Damentoilette, und im Hintergründe stand eine große Tafel, besetzt mit — Gebäck und — Brötchen und Fleisch und Wein und allen möglichen anderen Leckerbissen. Die Anwesenden taten sich lachend und plaudernd an allem gütlich, was da herrliches vor ihnen war. Und als die Musik einsetzte, fingen sie alle zu tanzeu ein hochrot vor Wärme. Und Mo sah ganz erschreckt hin. Er sah an vielen Gesichtern wohl, daß es Juden waren. Und nun gar am Sederabend oder besser, in der Sedernacht bis früh in den Morgen zu tanzen, und all das Brot zu essen — das ist doch Chomez. „Ja, Mo, Du siehst gut, das sind Juden. Diese wissen am Sederabend nichts anderes zu tun, als die ganze Nacht mit Christen durchzutanzen. Das finden die herrlich! Und gerade am Sederabend! Damit wollen sie zeigen, daß sie nicht mehr auf die Tauro gehen und geben — und gehen dann hin und essen treifo, am Sederabend essen sie Brot und am Sederabend, da sie Wein trinken sollten, um Gott zu danken, gehen sie Bin und trinken Wein, der ossur ist, sich anzuheitern. Ja, so gibt es eine Menge Juden hier — in Berlin." Mo sah erschreckt auf all die Menschen und es graute ihm vor ihnen; er sah nach Eiliohu Hauovi, dessen Antlitz zornig war, sehr zornig. Seine Augen leuchteten noch stärker wie sonst und die Feuerglut, die aus seinen Augen kam, war so stechend, daß Mo glaubte, alles müßte dadurch verbrennen. „Siehst Du, Mo, die schenken keinen Becher für mich ein und sagen keinen Kiddusch nachher." Und Eiliohu hob zornig seine Hand auf und ballte eine Faust: „Weg mit ihnen aus dem jüdischen Volke." Er drehte sich und verschwand mit Mo durch den Gang, während sie noch einen Bedienten sagen hörten: „Die Juden da drinnen essen ordentlich drauf los" ... da waren sie draußen und weiter ging es wieder über Städte und Dörfer, über Flüsse und Berge, bis sie auf einem einsamen Felde still hielten. Hier — nichts als einige Pflanzen und Steine. Nahe dabei ein auf einem Hügel erbautes Landstädtchen, au einem Fluß gelegen und von Waldeseinsamkeit umgeben: und der Mond begoß alles mit seinem ruhigen, matten Scheine. Mo sah Eiliohu fragend an. Er erschrak. Eiliohu weinte, weinte immer heftiger und der Tränenguß ward immer größer und strömte über das ganze Feld. „Blois," klang die Stimme des Propheten. Mo verstand es nicht.

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