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Das jüdische Blatt · 1913-04-18 · 16/17 (18.4.1913) · p. Seite 12

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
16/17 (18.4.1913)
Date
1913-04-18
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Das M-isch- Matt. Nr. I (> 1 7- 12 Haltbarkeit der Blutlüge öffentlich nachzuweisen. Vor einem zahlreichen Publikum behandelte er in öffentlichem Vortrage die geschichtliche Entwicklung der Blutbeschuldigung und zeigte besonders an Hand der bekannten früheren Ritualmordprozeffe in Rußland, wie sich diese furchtbare Verleumdung in allen Fällen als grundlos erwiesen habe. Es fei daher nur erklärlich, daß sowohl die bedeutendsten Kirchenfürsten als auch Monarchen und nicht zuletzt die berühinteften Orientalisten sich durch Publikationen gegen die Blutlüge gewendet haben. Es erscheint vollständlich unbegreiflich, daß jetzt in Rußland abermals eine Blutbeschuldigung die Gemüter in! Erregung bringen könne. Er als Jurist und als praktischer! Richter könne es kaum begreifen, wie heutzutage eine Blutbeschuldigung die Grundlage eines regelrechten Prozesses bilden könne. Richter Martinow schließt mit dem Hinweis darauf, daß laut der landläufigen Beschuldigung die Juden das Blut angeblich für rituelle Zwecke oder für Zwecke der Zauberei brauchten, aber gerade diese Beschuldigung birgt gleichzeitig ihre Haltlosigkeit in sich, denn das Blut ist nach mosaischem Gesetze ungenießbar und die Zauberei auf das strengste verboten. Man kann die Unerschrockenheit dieses russischen Richters bewundern, aber diese Stimme der Vernunft ist zu vereinzelt inmitten des mittelalterlichen finsteren Aberglaubens, der große russische Kreise beherrscht. Wenigstens wurde dieser Tage berichtet, daß der Beilisprozeß, bei dem die Anklage! auf der Ritualmordlegende fußt, bald ausgenommen wird. I Nachdem nämlich der Justizminister schon dreimal den Be-! schuldigungsakt der Staatsanwaltschaft in Kiew als unzui reichend verworfen hat, ist jetzt, wie aus Petersburg gemeldet wird, die neue Untersuchung über den sogenannten Ritualmord in Kiew abgeschlossen worden und der Unter¬ ErzäA'et Eueren /rindern. Pesach, das Fest unserer Befreiung! So steht im Religionsbuch, uud der Herr Lehrer erklärt, an diesem Feste wurden unsere Ahnen herausgeführt aus ägyptischer Sklaverei. Weit wichtiger aber, als die Befreiung von harter Fronarbeit war die Lostrennung Israels von der ägyptischen Kultur oder Unkultur, von Götzendienst und Unglauben. Und diese alte, ewig neue Geschichte einer Volkserlösung, unserer eigenen Erhebung sollen wir unfern Kindern erzählen. Ein dankbarer Stoff für jüdische Eltern, die ihr Kind sich und ihrem Glauben erhalten wollen, eine ausgezeichnete Gelegenheit, den Geist des Kindes mit jüdischen Vorstellungen zu sättigen! Vielleicht die dankbarste Gelegenheit im Jahre. Bieten doch die Tatsachen der Geschichte Stoff in Hülle und Fülle in den ägyptischen Heimsuchungen, in den Heldengestalten der Amrams-Familie, in der Wundernacht des Auszugs, und nicht zuletzt in all dem, was der Midrasch an Poesie um jene Zeit gewoben hat. Und jüdische Eltern sollten nicht erzählen ihren Kindern ...? Das Selbstverständliche, es ist außerdem heiliges Gebot; jedem jüdischen Vater legt das Gesetz die Pflicht auf, dem Sohn zu erzählen, „wie mit starker Hand und nusgestrecktem Arm Gott uns herausgeführt aus Mizraiin mit Wundern", und unsere Weisen fügen hinzu, „wer eiugehend erzählt, ist besonderen Lohnes wert." Und jüdische Eltern sollten nicht mit Freuden diesen und jeden Anlaß dazu benützen, ihr Kind geistig zu befreien von all dem ägyptischen Beiwerk, mit dem unsere Zeit sie behaftet, ihnen nicht statt Herakles und Odin das Gebiet der jüdischen Geisteswelt ersuchungsrichter hat dem Angeklagten B e i l i s, der bereits 2 Jahre sich in Untersuchungshaft befindet, die Uebergabe der Akten an den Staatsanwalt angezeigt. Das Hauptverfahren soll im Mai beginnen. Man darf wenigstens die eine Genugtuung haben, daß die Verhandlungen in aller Oeffentlichkeit geführt werden. Angenehm berührt, daß der neugewählte griechische P a - triarch Germanos V. bei einem Besuch, den er dem Chacham-Baschi der Türkei, dem Grand- Rabbin Nahum, in Begleitung einer großen Anzahl von Prälaten machte, diesem den Metropolit von Tschesme vorstellte, der beauftragt war, in Gegenwart des Patriarchen und der Mitglieder des heiligen Synods das Bedauern darüber auszusprechen, daß in Tschesme vor kurzem die dortigen Juden wegen eines falschen Ritualmordgerüchtes in Unruhe versetzt wurden. Mit Zustimmung des Patriarchen gab der Metropolit die Erklärung ab, in Zukunft solche lügenhaften Ausstreuungen, an die kein vernünftiger Mensch glauben könne, im Keime zu ersticken. Die Kirchenfürsten vor allen andern wären berufen, und befähigt, diese schreckliche Lüge zu unterdrücken, die alles religiöse Empfinden vergiftet. Km Uesach-Würchen. Mo war ein Riese von 8 Jahren. Daß er also am Seder- Abend ganz bis zum Eude aufbleiben durfte, ist selbstredend. Und daß er nicht nur ma-mselitano, sondern sogar noch mehr aus der ITagodo zu übersetzen wußte, ist auch ganz selbstverständlich. Das Stück Avodiin hojinn und Borueli hamokauin und Rabbi (iamlieil aumeir und bechol daiif Avodanr das konnte er alles ganz gut. Dafür war er auch ein großer Kerl, der alles wußte, wie es sein mußte. So hatte er denn den öffnen, ihnen nicht statt Spartanertugend und Germanentreue jüdische sittliche Ideale eines Moses und Aron zeigen? Und sie sollten nicht erzählen ....? Wer es nicht oder noch nicht getan hat, der wird in letzter Stunde nicht mehr umhin können, Rede und Antwort zu stehen, wenn das Kind "selbst kommt und fragt: „Warum dies alles, Pesach, Mazzoh und Moraur?" Ihr Säumigen habt nicht erzählt; nun denn, die Kinder kennen keine Rücksicht auf andere Gedanken Eures vielbeschäftigten Geistes. Sie würden auch fragen: „Mal, nischtanoh", wenn es nicht gedruckt vor ihnen läge. Und jüdische Eltern sollten nicht erzählen.? Wie aber, wenn sie selbst nicht mehr wüßten, wie man seine Pesachgeschichte erzählt? Wenn sie die Ereignisse der großen Völkerwanderung besser im Kopf hätten, als die Zeiten, da die bevorzugteste Generation unseres Volkes die Wunder am roten Meer und am Sinai gesehen? Wenn Mazzoh und Moraur aufgehört hätten, ihnen Schlüssel zu sein für große, große Stücke ihrer eigenen Volksgeschichte? Nun! So tritt mahnend der große Sabbat vor sie hin, legt ihnen in ruhiger Vesperstunde den Hagodoh in die Hand und flüstert leise: „Leset schon heute die Erzählung des Auszugs aus Aegypten von der Stelle an, wo es heißt: „Unsere Ahnen waren einst Knechte einer fremden Kultur", bis dahin, wo wir lesen von „u n s e r e m Heiligtum, das Gott uns erbaut, um darin Reinigung und Reinheit zu finden von allen unseren Verfehlungen". Und sie werden erzählen können ihren Kindern.! A. li.

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