Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 16/17 (18.4.1913)
- Date
- 1913-04-18
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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0 Das jüdische Klatt. Nr 10|17. Rabbinates Braunsbach wäre nun Crailsheim als die größte und am günstigsten gelegene Gemeinde der natürliche Zentral- Punkt gewesen, lind in Wirklichkeit hatte auch die Behörde »mi vornherein Crailsheim den Rabbinatssitz zugedacht. Nun ergab sich aber eine große Schwierigkeit: Crailsheim ist die einzige Gemeinde im Bezirke, die sich rühmen darf, Reforminstitutionen zu besitzen; Harmoniumklänge und Damensang scheint den ausschließlich aus den Dörfern z u - gewanderten G e m e i n d e m i t g l i e d e r n notwendig zur Hebung ihrer Kewonoh. Alle anderen Bezirksgemeinden stehen mit ihren Institutionen auf streng gesetzestreuer Basis und werden in der Schaffung und Erhaltung der Gemeindebedürfnisse von einem streng gesetzestreuen Rabbiner beraten. Wäre nun die geplante Verlegung des Rabbinatssitzes nach Crailsheini durchgeführt worden, so wäre dadurch auf der einen Seite deni bisherigen Rabbiner das Verbleiben auf seinem Posten unniöglich gemacht worden, auf der anderen Seite hätte man die konservativen Bezirksgemeinden in eine Gewissensnot gebracht, denn sie hätten einen Rabbiner, der in der Orgel und im Damenchor nichts Schulchon-Oruch-Widriges erblickt, als ihren Raw anerkennen müssen. Diese Bedenken sind, Gott sei Dank, unserer Oberkirchenbehörde auch aufgestiegen; und wenn sie auch mehr mit Rücksicht auf den schon fast zwei Dezennien wirkenden Rabbiner Crailsheim als Rabbinatssitz ausgeschaltet hat, so hat sie sich doch gewiß zu gleicher Zeit der Gefahr nicht verschlossen, die dadurch hervorgerufen würde, daß einzelne Bezirksungehörige — und wahrlich nicht die Schlechtesten — es vorziehen würden, aus der israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs auszutreten, statt einem nichtorthodoxen Rabbiner sich zu unterordnen. Wir haben allen Grund, uns über die Entscheidung der Behörde von Herzen zu freuen; denn es gab Zeiten, wo man uns nicht so rücksichtsvoll entgegengekommen war. Wir wollen hoffen, daß dieser Einzelfall symptomatisch ist. Zu wünschen wäre nur, daß die Nichtverlegung nach Crailsheim nicht den Charakter eines Provisoriums haben möchte, d. h., daß sie nicht nur aus Rücksicht auf den gegenwärtigen Rabbiner beschlossen sein möchte, sondern daß sie, eben in Anbetracht der gesetzestreuen Gemeindemajorität im Bezirke, zum Definitivum erhoben sei. Frankreich. Paris. Grund st einlegung einer neuen Synagoge. Am Sonntag, 6. April, fand hier eine beachtenswerte Feierlichkeit statt, nämlich die Grundsteinlegung einer großen Synagoge für die eingewanderten Russen in Paris (auf einem Gelände Rue Pavse 10). Dieser Tag wird in der Geschichte der Kehilla der Russen und Rumänen in Paris einen Markstein bilden. Bis jetzt begnügten sie sich mit einer Menge von kleinen Betsälen in dem Quartier du Marais. Jetzt soll ein Gotteshaus errichtet werden, das 1000 Sitze und zwei Frauenemporen enthält, mit allen Einrichtungen der Neuzeit, Zentralheizung und elektrischem Licht. Mit der Synagoge soll ein Talmudthora verbunden werden, das für 400 Schulkinder Unterricht in den verschiedenen Zweigen jüdischen Wissens vermitteln soll. Die Kosten sind auf 3—400 000 Fr. veranschlagt. Das schreckt diese opferwilligen Juden nicht. Sie hoffen, das Geld zusammenzubringen und geben durch ihre Begeisterung für die höchsten Interessen des Judentums den einheimischen französischen Juden ein nachahmenswertes Beispiel jüdischer Gesinnungstreue und Tatenfreudigkeit. Die Gemeinde, die sich unter dem Regime der Trennung von Staat und Kirche selbständig organisieren! konnte, steht unter der geistigen Leitung des Rabbiners I. L.! Herzog (früher in Leeds) und unter der Verwaltung des bewährten Vorstehers M. Landau. Ungesähr 3—400 Personen wohnten der Feier bei. Reden wurden gehalten von Rabbiner Herzog und Rabbiner Weißkopf, dem ehrwürdigen Rabbiner der ' orthodoxen Gemeinde c\y»-p in Paris. England. Der Bericht des Board of guardians. Der große Wohltätigkeitsverband in London (Board of guardians) hielt dieser Tage seine Jahresversammlung ab, um wie gewöhnlich über seine Tätigkeit Bericht zu erstatten. Und der Bericht ist immer interessant. Geht doch im Verlauf eines Jahres fast die ganze mittellose oder ärmere jüdische Bevölkerung durch seine Bureaus, nicht nur diejenigen, die infolge von Armut der Wohltätigkeit anheimfallen, sondern die kleinen Krämer, die Kredit beanspruchen, und die Heruntergekommenen, die bessere Tage kannten. Im Jahre 1912 haben sich 3746 Menschen an den Board um Hilfe gewandt gegen 4039 in 1911, das macht auf die 125 000 Juden Londons etwa vier auf Hundert. Immerhin ist eine Abnahme zu verzeichnen gegenüber dem Vorjahr. Um Gewährung von Darlehen kamen 3809 Personen ein, denen im ganzen etwa eine halbe Million Mark geliehen wurde. Die Darlehen bewegen sich durchschnittlich zwischen 50 und 1200 Jl, einmal wurde eines im Betrage von 2400,11 gewährt. Die großen Darlehenssummen sind natürlich seltener, weil sie nur auf Grund zuverlässiger Empfehlungen gegeben werden. Kleinere werden hauptsächlich von Hausierern beansprucht, die in den Straßen Obst und ähnliche Kleinwaren feilbieten, und denen zum Betrieb manchmal schon 50 di genügen. Kranke wurden unterstützt. 1912 neue Fälle von Schwindsucht waren zu verzeichnen. Diese Krankheit ist in London sehr verbreitet, namentlich unter der Arbeiterbevölkerung; von 50 000 Schwindsüchtigen gehören 20 000 dem Arbeiterstande an. Jedoch verzeichnet der Board, daß die Zahl seit dem Inkrafttreten der englischen Arbeitergesetzgebung im Jahre 1890 beständig abgenommen hat. Jede Werkstätte wird von Kontrollbeamen besichtigt und muß genügend Luft und Licht haben, Kinderarbeit wurde eingeschränkt und die Uebertretung der hygienischen Verordnung mit strengen Strafen belegt. Dies hat auf die Bevölkerung des Londoner Ghetto nur günstig wirken können. Im kommenden Jahr will der Board einen Versuch mit 30 Kindern machen, indem er sie in einer englischen Kolonie ansiedeln und an Landwirtschaft gewöhnen wird, auch ist er bemüht, die englischen Wohltätigkeitsbestrebungen zu zentralisieren. Spanien. Die spanische Regierung hat für die spanischen Besitzungen in Marokko ein Dekret, betreffend die Organisation des öffentlichen Unterrichts, herausgegeben, das als historische Merkwürdigkeit bezeichnet werden kann, denn zum erstenmal wieder seit Jahrhunderten erscheint da in einem amtlichen spanischen Dokument die staatliche Sorgfalt den Angelegenheiten der jüdischen Glaubensgemeinschaft zugewandt. Neben den Vorkehrungen im Interesse des staatlichen Unterrichtswesens für Spanier und Mauren wird nämlich verfügt, daß „zur Gründung von Lehranstalten für die Hebräer geschritten werden soll, die sich hauptsächlich der Pflege des spanisch-jüdischen Ritus und der spanischen Sprache zu widmen haben". Als vorbereitende Maßregel wird im Mutterland selber die Abhaltung eines akademischen Kurses über