Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 15 (11.4.1913)
- Date
- 1913-04-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Dann ist gesagt worden, die Juden möchten sich doch zur Erlangung solcher Unterstützungen erst einmal in Verbänden organisieren. Nun, solche Verbände existieren schon seit langer Zeit. Es existieren Provinzialverbände und Regierungsbezirksverbände. Ich meine aber, daß, wenn den Katholiken und Protestanten staatliche Beihilfen gewährt werden, man sie den Juden nicht mit dem Hinweis auf das Fehlen solcher Verbände vorenthalten darf. Ich erkenne durchaus an, daß besonders die Freikonservativen und das Zentrum an sich das Bedürfnis für solche Beihilfen anerkannt haben. Aber dieses bloße Wohlwollen reicht nicht aus. Mit ihm wird dem vorhandenen Bedürfnis nicht Genüge geleistet. Es muß ein Weg gefunden werden, um dieses Bedürfnis im Augenblick zu befriedigen. Und da glaube ich, daß es keinen anderen Weg gibt, als den, den mein Antrag vorschreibt. Weit schärfer als die Herren von der Rechten und in der Mitte, hat der Abg. Hoffmann meinen Antrag bekämpft. Er hat es als unwürdig bezeichnet, sich an die Staatskrippe zu wenden. Nun, es gibt wohl in allen Konfessionen Leute, die die Dinge auf eigene Faust betreiben, und es gibt niemanden, der den Beifall aller Anhänger seiner Konfession erntet. Auch die Juden machen da keine Ausnahme. Wenn aber aus den Aeußerungen des Abg. Hoffmann hervorgehen sollte, daß ich mit dieser „unwürdigen Bettelei" allein dastände, so verweise ich darauf, daß dieser Antrag, von dem ganz Deutschland umfassenden Verbände deutscher Juden schon vor Jahren beim Kultusministerium gestellt ist. Auf das Betreiben dieses Verbandes hin hat sich vor einigen Jahren auch dieses Haus schon mit diesem Antrag beschäftigen müssen. Ich gehöre dem Verbände deutscher Juden und seinem Ausschuß an und stehe in ständiger Fühlung mit den Vertretern dieses Verbandes. Ich muß entschieden Verwahrung einlegen, daß die Bestrebungen einer großen Organisation deutscher Juden gerade vom Abgeordneten Hoffmann in einer verächtlichen Weise behandelt werden. Es handelt sich hier nicht um Bettelei oder Kriecherei, sondern um ausgleichende Gerechtigkeit. Aus den Steuern werden die vielen Millionen zu den Kultuszwecken der evangelischen und katholischen Kirche bestritten. Zu diesen Steuern tragen die Juden einen sehr erheblichen Teil bei. Aus diesem Grunde ist es nicht nur eine Forderung der Billigkeit, sondern auch der Gerechtigkeit, daß sie auch für ihre Kultusbedürfnisse einen Beitrag bekommen. Wer das nicht anerkennt, hat kein Verständnis für ausgleichende Gerechtigkeit. (Sehr richtig! links.) Ich denke über religiöse Dinge anders als Herr Hoffmann. Mir ist es ernst damit, daß die Kanzeln in jüdischen Gemeinden nicht verwaisen. Deshalb habe ich meinen Antrag gestellt. Auf die persönlichen Angriffe des Abg. Hoffmann zu antworten, ist mir unangenehm, weil die Zeit des Hauses zu schade ist für persönliche Streitigkeiten. Aber solche Angriffe müssen zurückgewiesen werden, mögen sie von rechts oder links kommen. Der Abg. Hoffmann hat sich wieder mit meiner Jahrhundertrede in der Berliner Stadtverordnetenversammlung beschäftigt. Er hat non byzantinischer Gesinnung, von Heuchelei und Kriecherei gesprochen. (Sehr richtig! b. d. Soz.) Ich habe mir nie eingebildet, daß Sie die Jnvektiven des Herrn Hoffmann zurückweisen würden. (Sehr gut! b. d. Liberalen.) Ich habe in meiner Rede damals nur von dem großartigen Aufschwung des bedrückten preußischen Volkes, von der freiheitliebenden Jugend und davon gesprochen, daß es damals nicht nur um die äußerliche Unabhängigkeit, sondern auch um die Freiheit und Einheit des deutschen Vaterlandes zu tun war. Ich habe ausdrücklich hinzugefügt, daß in vielen Stücken die Hoffnungen jener Tage sich bis auf den heutigen Tag nicht erfüllt haben. Das soll byzantinisches Hurrageschrei sein! So gut die Anhänger der Sozialdemokratie Hochs auf ihre Partei ausbriugen, so gut muß es erlaubt sein, auch dem deutschen Vaterlande, dem deutschen Einheits- und Freiheitsgedanken ein Hurrah zu widmen. (Zustimmung.) Das Byzantinismus zu nennen, ist weiter nichts als eine Verleumdung. (Sehr richtig!) Die Beteiligung an dem kirchlichen Bittgang hatte für mich nicht die Bedeutung eines konfessionellen Aktes, sondern ich fühlte mich eines Herzens mit meinen christlichen Kollegen in dieser weihevollen Stunde. So gut bei feierlichen Gelegenheiten christliche Kollegen und Vertreter von Staat und Stadt in die Synagoge kommen, so gut kann ich bei einer solchen gemeinsamen Feier eine evangelische Kirche aufsuchen. In der langen Zeit meiner Tätigkeit als Abgeordneter ist inir nur vor vielen Jahren zweimal passiert, daß Spässe über meinen Glauben gemacht wurden. Diesen Glauben aber unermüdlich in die Debatte zu werfen, daran sich zu weiden und darüber Spässe und Witze zu machen, ist dem Vertreter einer Partei Vorbehalten geblieben, in deren Programm es heißt: Religion ist Privatsache! (Sehr gut! b. d. Liberalen.) Das Ghetto existierte 1813 längst nicht mehr. Ich weiß auch, daß die Juden unter Friedrich dem Großen noch viel zu leiden hatten. Aber wenn auch 1813 noch Unterdrückungen vorhanden waren, was hat das mit der ganzen Sache zu tun? Die Juden von 1813 dachten anders, als Herr Hoffmann es jetzt glauben zu machen versucht. Sie haben große Opfer für das bedrängte Vaterland gebracht. Was ist das überhaupt für ein verkehrter Gedanke? Wenn das Vaterland in Not ist, muh man ihm helfen, auch wenn das Vaterland noch nicht alle Beschränkungen aufgehoben hat. Ich weiß, daß die Verheißung des Emanzipationsedikts von 1812 später nicht in Erfüllung gegangen ist. Gerade deshalb aber kämpfe ich feit dreißig Jahren mit Standhaftigkeit für die volle Gleichberechtigung meiner jüdischen Glaubensgenossen. (Zustimmung links.) Erst vor zwei Jahren habe ich in einer großen Versammlung mich mit großer Schärfe gegen die unwürdige Behandlung der Juden im Heeresdienst gewendet und Behauptungen aufgestellt, die mir eine strafrechtliche Verfolgung eingetragen hätten, hätte man sie nicht an der betreffenden Stelle für wahr gehalten. Ich verbitte es mir, daß man mir nachsagt, daß ich für die Leiden meiner Glaubensgenossen keinen Sinn und kein Herz hätte. Der Abg. Hoffmann hat dann gesagt, es wäre 1813 zwar kein räumliches, wohl aber noch ein geistiges Ghetto vorhanden gewesen. Ich weiß nicht, was er damit meint. Auch im geistigen Ghetto waren die Juden von 1813 nicht mehr. Sie waren geistig längst befreit durch die deutsche Kultur, durch die unsterblichen Leistungen unserer großen Denker, Dichter und Philosophen. Trotzdem verlangt Herr Hoffmann heute noch, daß sie in vaterländischen Dingen eine Sonderstellung einnehmen sollten. Ich weise das mit Entrüstung zurück. Ich lasse mich weder von Antisemiten noch von Sozialdemokraten in ein geistiges Ghetto versetzen. Diese Entrüstung wird einen Widerhall finden bei meinen Glaubensgenossen. Dem Vaterland darf man nicht schmollen. Das ist stets 'mein Grundsatz gewesen. Wäre er das nicht, dann wäre ich der Gleichberechtigung nicht wert. Der Abg. Hoffmann verkümmert aber diese Gleichberechtigung dadurch, daß er den Glauben eines Mannes bei der Behandlung öffentlicher Angelegenheiten immer wieder hinzuzieht. Das steht auf dem gleichen Niveau, wie die Kampfesweise der Antisemiten. (Sehr richtig! b. d. Liberalen.) Blag Herr Hoffmann mit seinem Hohn und Spott fortfahren. Er wird mich von meinem Weg nicht abbringen. Mut zeigt sich auch darin, daß man sich durch derartige Schmähungen und Verleumdungen von der linken Seite nicht abbringen läßt von dem, was man nach wohlerwogener Prüfung für feine beste Ueberzeugung hält. Ich bin bis zum letzten Atemzuge trotz aller Anfeindungen des Abg. Hoffmann ein seinem Glauben treu anhängender Jude und ein sein Vaterland liebender und Recht und Freiheit mit vollem Herzen erstrebender deutscher Mann. (Lebhafter Beifall.) Abg. hoffmann (Soz.): Nach dem, was Herr Cassel gesagt hat, hätte ich auch alles zur persönlichen Bemerkung Vorbringen können, wenn Sie mir das Wort abgeschnitten hätten. Ich spreche, wie das Volk spricht. Es ist mir gar nicht eingefallen, gegen eine ausgleichende Gerechtigkeit zu sprechen, sondern gegen eine ausgleichende Ungerechtigkeit. Wir sind gegen Zuwendungen an die Kirchen, und wir können es als keinen Fortschrit bezeichnen, wenn nun auch für eine dritte Kultusgesellschaft Gelder verlangt werden. Die Juden bringen Steuern auf, sogar sehr viel. Aber auch die Freidenker bringen Steuern auf: wo bleibt da Ihre ausgleichende Gerechtigkeit, Herr Cassel? Es ist mir nicht im Traum eingefallen, das Judentum zu verletzen oder ihm die Gleichberechtigung abzustreiten. Erstreiten Sie sich die Gleichberechtigung, aber erkriechen Sie sich nicht! Ich habe in früherer Zeit schon die Art, wie man die Juden bekämpft, als eine Schande bezeichnet. An Herrn Cassel sehe ich die Folgen dieser Unterdrückung! Wir bestreiten nicht die Wirkung des Befreiungskampfes von 1813, aber wir behaupten, daß das eine Fürsten- und Junkerbefreiung war. Das Volk wurde betrogen. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten. — Lärm, Pfuirufe bei den bürgerlichen Parteien. Rufe rechts: Raus!) Präsident Dr. Graf v. Schwerin-Löwih: Sie haben durch diese Worte die nationalen Empfindungen des Hauses auf das schwerste verletzt. Ich rufe Sie zur Ordnung! (Bravo!) Abg. hoffmann (Soz.): Als der 50. Jahrestag da war, 1863, da haben sogar die Fortschrittler gegen die Feier protestiert. Seitdem sind 50 Jahre vergangen: welcher Wandel hat sich da vollzogen! Heute ist die Religion Staatssache, Machtssache, Gewaltssache, und weil wir nicht wollen, daß sie noch mehr werde, deshalb widersprechen wir dem Antrag Cassel. Ich achte jede Ueberzeugung.