Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 15 (11.4.1913)
- Date
- 1913-04-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Das jüdische Statt. Nr. 15. (Eben hat der „Mitarbeiter" geschrieben: „Er muß den K a m p f mit der Orthodoxie oufnehme n," darauf drückt die löbliche Redaktion ihr Postskriptuni auf und spricht geschäftsklug und beschwichtigend: „Es versteht sich von selb st. daß wir ebensowenig wie irgend einer unserer Mitarbeiter einem Kampf gegen die Orthodoxie das Wort rede n." ') Wer's jetzt nicht glaubt, dem ist überhaupt nicht zu helfen. Ehre diesem Tupfern! ') Non uns gesperrt. Jüdische Wirtschaften und Antisemitismus. Von Jvri. Noch einige Wochen und der Strom der Erholungsbedürftigen und Leidenden wird sich in die Bäder- und Sommerfrischen ergießen. Schon lange zuvor werden in jüdischen Zeitschriften und Zeitungen Listen von Hotels und Pensionen veröffentlicht, in welchen Israeliten nicht gerne oder gar nicht zugelassen werden. Diese Listen und ihre Veröffentlichung sind für uns Juden äußerst beschämend und zwar in doppelter Hinsicht. Einmal der Umstand, daß man uns nicht überall gerne haben mag. Aber das ist meines Erachtens nicht so schlimm und darf nicht zu tragisch genommen werden. Jeder Mensch hat Freunde, aber auch Feinde, begegnet hier Kälte und gar Abweisung, dort aber warmer Aufnahme bewillkommender Gastfreundschaft. Wenn ich nur in der Heimat gerne gesehen bin. und im Kreise meiner Familie und Verwandtschaft wohl gelitten bin. dann bin ich für das, was mir bei fremden Leuten geschieht, reichlich entschädigt. Ich habe ja gar keinen weiteren Anspruch auf die Freundlichkeit Fernstehender. Sie brauchen mich bloß in Ruhe zu lassen und allenfalls mir mit jener Höflichkeit, die zu nichts verpflichtet, entgegenzukommen. Es würde also nicht notwendig sein, daß man sich selbst den Schimpf antut und sämtliche Hotels und Pensionen, welche Juden trotz ihres Geldes nicht aufnehmen wollen, mit großem Fleiße und genauer Sorgfalt aufzählt. Die empfangene Beschämung steckt man stillschweigend ein. man schreit sie aber nicht in die Welt hinaus. Aber dann werden doch die deutschen Staatsbürger jüdischer Konfession sich der Gefahr aussetzen, daß sie an der und jener Schwelle abgewiesen werden? Jawohl, soll ihnen auch so geschehen und mit Recht!! Ein Jude hat in nichtjüdischer Pension nichts zu suchen. Die Speisegesetze sind trotz Reform und Richtlinien immer noch nicht außer Gesetzeskraft gesetzt. Sie müssen befolgt werden und dürfen nicht übertreten werden. Wenn also ein Israelit nichtjüdisch speisen will, so ist das für ihn und seine Glaubensbrüderschaft beschämend, und das in der Veröffentlichung der judenrein bleiben wollenden Restaurationen und Pensionen liegende Verlangen, nichtjüdisch leben zn wollen, ist die zweite Beschämung des Judentums, um so schmerzlicher berührend, als sie von uns selbst ausgeht und von unseren eigenen Stammesbrüdern uns angetan wird. Es kommt aber noch ein Drittes hinzu, was nicht minder betrübend und beschämend ist. Es gibt doch heutzutage eine große Auswahl von jüdischen Restaurants und Speisegelegenheiten in den meisten Städten und in allen möglichen Bädern, Gebirgs- und Seeaufenthaltsorten. Diese werden aber links liegen gelassen, obgleich sie Gutes und Gediegenes leisten und gewähren. Zu Hause sind die Herren Badegäste Vorstände der jüdischen Gemeinden und Vereine; bei den Wahlen da fließen die Reden der Herren Kandidaten und ihrer Werber über von Frömmigkeit und Liebe und Begeisterung für das Judentum und die jüdischen Wähler, aber das hindert nicht, daß man keinen koscheren Bissen über die Lippen bringt oder, daß man keinen Dunst von der Verpflichtung in sich fühlt, einen hartringenden jüdischen Wirt oder ein um seine Existenz sich mit zäher Geduld mühendes Unternehinen für rituelle Speisung zu unterstützen! Ich weih wohl, was da geltend gemacht wird, aber dies ist in den meisten Fällen Vorurteil, und die jüdischen Wirtschaften haben unter derselben Gehässigkeit zu leiden, wie alles, was mit Frömmigkeit und Religion einen Zusammenhang hat. Auch in nichtjlldischen Unternehmungen ist nicht alles, wie es sein soll: Aber dort duckt man sich und wagt nichts zu sagen und ist mit allem zufrieden. Nur beim Juden und über den Juden, da kennt die Zunge kein Maß. Gewiß, im jüdischen Hotel oder Restaurant ist es eben etwas primitiv oder auch teuer. Daran ist aber das Unternehmen nicht schuld. Daran sind die 90—95% Reisenden und Kurgäste jüdischer Konfession schuld, welche ihre Glaubensbrüder jahraus, jahrein für boykottiert halten. Der jüdische Unternehmer arbeitet auch infolge der verminderten Auswahl seiner Waren und Bezugsquellen und infolge der Arbeit, Mühe und Sorgfalt, welche das Religionsgesetz bei der Zubereitung der Speisen zur Pflicht macht, etwas teurer, dafür hat man aber auch koscheres, das ist gesundes und frisches Fleisch und zwar von guter Qualität, mit gutem und wirklich reinem Fette sind die Speisen zubereitet usw. Wenn, wie gesagt, Wünsche noch unerfüllt bleiben, so ist dies auf die geringe Frequenz der jüdischen Wirtschaften zurückzuführen. Beweis, überall, wo große Nachfrage nach koscher ist, finden sich tadellose Restaurants. Würden alle Israeliten koscher essen, wäre auch mehr Anreiz, jüdische Speisegelegenheiten zu errichten, damit würde aber eine Konkurrenz entstehen, die außerordentlich wohltätig und erzieherisch wirken würde! Man veröffentliche also nicht Listen von judenfeindlichen Unternehmungen, sondern fördere die jüdischen Hotels und Restaurants durch entsprechende Bearbeitung der öffentlichen jüdischen Meinung. Das würde nicht beschämend, sondern erhebend und nutzbringend wirken. (Nachdruck erwünscht.) Deutschland. Aus aller Wett. Eine Judendebatte im preußischen Abgeordnetenhaus. In der 155. Sitzung des Abgeordnetenhauses am 2. April war der Sozialdemokrat H o f f m a n n gegen den Antrag Cassel, in das Budget eine Position einzustellen als finanzielle Beihilfe für nnterstützungsbedürftige Synagogengemeinden, aufgetreten und gegen den Abgeordneten Cassel selber ausfällig geworden. Viele fromme Inden, sagte der Sozialist, haben an mich geschrieben, daß sie mit dein Antrag Cassel nicht einverstanden seien, weil er keine Gleichberechtigung, sondern dasselbe abhängige Kostgängertum wie andere Gemeinschaften wolle. Die Debatte fand dann in der 156. Sitzung bei der zweiten Lesung des Kultusetats ihren Abschluß. Wir geben im folgenden die Reden wieder: Abg. Cassel (Fortschr. Vp.): Einzelne Redner haben Bedenken gegen meinen Antrag geäußert, leistungsschwachen Synagogenge-