Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 14 (4.4.1913)
- Date
- 1913-04-04
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Das jüdische Klatt. Nr 14. Nach den bisherigen Erfahrungen mit der Polizei läßt diese Bestimmung gar keine Hoffnung auf eine Milderung des harten bestehenden Austreibungsverfahrens zu. Aus dem Kiewer Gouvernement allein sollen demnächst nicht weniger als.15 000 Juden, die feit mehreren Jahren dort wohnen, vertrieben werden. Auch aus anderen Bezirken werden ähnliche Maßnahmen genreldet. Sogar in Polen dauern die infolge der Judenhetze einsetzenden Ausweisungen fort. Nun sind auch noch die bucharischen Juden aus Turkeftan an die Reihe gekommen. Allen Verträgen zum Trotz werden die bucharischen Juden aufgefordert, nachzuweisen, daß sie sich in dem Lande vor der Einverleibung mit Rußland niedergelassen haben. Jedoch werden alle gelieferten Beweise für ungültig erklärt. Der Deilisprozeß ist immer noch im gleichen Stadium. Die Staatsanwälte, die mit der Untersuchung betraut sind, reisen zwischen Peterburg und Kiew hin und her; trotzdem hat man es noch nicht einmal soweit gebracht, die Anklage genau festzustellen. Unterdessen schmachtet der Angeklagte Beilis schon 2 Jahre im Gefängnis. England. Große, glänzende Veranstaltungen werden für die am 14. April stattfindende offizielle Einführung des neugewählten Chief-Rabbi Dr. Hertz getroffen. Doch wurde dieser Tage die Freude durch den Tod des Vaters des Chief-Rabbi Simon Hertz in New-Pork getrübt. Der vorstorbene Simon Hertz war ein hervorragender Hebraist. Er hat nach Vorbildung auf anderen ungarischen Jeschiwaus die Talmudhochschule des berühmten Rabbiners Dr. I. Hildesheimer damals in Eisenstadt besucht und war dort ein Genosse des verstorbenen Frankfurter Rabbiners Dr. Horwitz, des Dr. Philipp Klein, früher Rabbiner in Libau (Rußland), jetzt Rabbiner irr New-Pork, und des Dr. Jos. S. Bloch in Wien. Die Einführungsfeierlichkeiten in London werden trotzdem am bestimmten Tage stattfinden, nur ohne Musik und Halleluja. R«manie«. An die Erklärung des rumänischen Gesandten in London, daß in den von Bulgarien an Rumänien abzutretenden Gebietsteilen den Juden von Rumänien die gleichen Rechte eingeräumt würden, die sie bisher als bulgarische Untertanen genossen, an diese Erklärung knüpften wir die Bemerkung, daß sich der Gesandte über die Besserstellung der Juden im eigentlichen Rumänien klugerweise nicht geäußert habe. Allen seinen im § 44 des Berliner Vertrags betreffs der Gleichstellung der Juden mit den übrigen Staatsbürgern übernommenen Pflichten zum Trotz, behandelt Rumänien seine Juden als Fremde. Es sind Fremde ohne fremden Schutz, die letzten Sklaven in Europa, rief kürzlich der frühere italienische Minister Luzatti aus. Wie wenig die Juden von der neuen Lage der Dinge zu erwarten haben, geht aus folgenden Aeußerungen des rumänischen Ministers Takejonesca hervor: Was nun die Art und Weife betrifft, in der Rumänien die Bestimmmung des Berliner Vertrages mit Bezug auf die Juden in Rumänien anwenden wird, so hat diese Frage an dem Tage aufgetzört, dem internationalen Recht anzugehören, an dem die Signaturmächte des Berliner Vertrages die Unabhängigkeit Rumäniens anerkannt haben, indem sie gleichzeitig zugaben, daß Rumänien die ihm auferlegten Verpflichtungen erfüllt habe. (???) Seither ist die Judenfrage in Rumänien eine interne Rechtsfrage geblieben, sowie sie jetzt auch in Rußland (!!!) und in jedem anderen Lande ist, das eine unabhängige Gesetzgebung hat. Die Frage kann nicht den Gegenstand einer auswärtigen Rechtsdiskussion bilden, und jedweder Versuch, sich in die inneren Angelegenheiten Rumäniens einzumengen, wäre aussichtslos. (!!!) Ich muß aber gestehen, daß keine Macht, weder direkt noch indirekt, einen solchen Versuch gemacht hat und wohl auch nicht machen wird. Dom KaUrarr. f: Hilfe für die Juden Adrianopels. Wie bereits berichtet wurde, zählt Adrianopel 18 000 Juden, etwa ein Viertel der ganzen Bevölkerung der Stadt. Diese 18 000 Juden sind durch die fünfmonatliche Belagerung, durch die Bombardierung und die infolge der Einschließung entstandenen Epidemien sehr hart mitgenommen, fast gänzlich ruiniert worden. Glücklicherweise haben die Vertreter der „Union des Associations Jsraelites" beizeiten Vorsorge getroffen, um bei der Oeffnung Adrianopels sofort den bedrängten Juden zu Hilfe zu eilen. In den letzten Tagen, wo die Uebergabe der Festung erwartet wurde, wurden für 65 000 Frcs. Lebensmittel, Heizmaterialien, Kleidungsstücke gekauft, die am zweiten Tage nach dem Fall der Festung nach Adrianopel geschafft und dort unter die jüdische Bevölkerung verteilt wurden. Eine elfgliedrige Kommission reiste in einem Sonderzuge, der einen Waggon Geflügel und zehn Waggons Lebensmittel enthielt, zur Hilfeleistung ab und ist bereits in Adrianopel eingetroffen. Außerdem hat der Hilfsverein der Deutschen Juden in Sofia zwei jüdische Krankenschwestern aus Berlin und einen Arzt bereit gehalten. Sofort bei Bekanntwerden des Falles der Festung fuhren diese mit den nötigen Arzneimitteln nach Adrianopel ab, um den dortigen kranken Juden Hilfe zu bringen. Hebr Groß-Rabbiner Dr. Ehrenpreis hat sich acht Tage später ebenfalls nach Adrianopel begeben. Unterdessen ist der erste Bericht aus Adrianopel eingetroffen. Danach ist die dortige sanitäre Lage relativ gut. Epidemien herrschen nicht, nur ist die materielle Lage der armen Bevölkerung beklagenswert. Privathäuser haben fast gar nicht gelitten, weder durch die Beschießung noch durch die Brände. Die Einfuhr der Lebensmittel und Vorräte gestaltet sich infolge der Beschädigung der Ardabrücke schwierig und vollzieht sich langsam. iP Korrespondenzen. lg -- GNaß-Lotlrrirraen. - Ktraßburg. Das Israelitische Altersversorgung s h e i m „E l i z a" veröffentlicht soeben seinen Bericht über 1911 und 1912. Die Anstalt hat ein Vermögen im Nominalwert von 17 010 dl, dessen wirklicher Wert 14 550 dl beträgt. „Die Ausgaben wurden bis zum Jahre 1910 aus eigenen Mitteln bestritten, wozu eine Jahresrente von 6000 Fr. vom Begründer vorgesehen war; aber die Einnahmen genügten nicht mehr, um den gesteigerten Ansprüchen gerecht zu werden." .... Den Bemühungen der Verwaltung ist es gelungen, Unterschriften zu sammeln, welche dem Altersversorgungshaus „Eliza" jährliche Beiträge in Höhe von ca. 3 700c.1l sichern. Die Spenden vor der Thora betragen 1822,96 dl. Diese Summen sind aber noch nicht genügend. Der Umbau hat ca. 35 000 dl gekostet, wozu die Regierung 4000 c K bewilligte. Im Betriebsjahre 1911 sind 14 461,93 oll darauf vom Kapital bezahlt worden, so daß noch über 20 000 dl aufzubringen sind. Die Verwaltung wendet sich daher mit