Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 14 (4.4.1913)
- Date
- 1913-04-04
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 14. Das jüdische Klatt. 5 * »%H2 [e,ts verschiede äppeUes Dorgeo 0)0 es irgeni Vorbilds nach 1 Unterricht igion die Mch rwllen. daß sie Ne-Gesellscheis den gerufene Mit ifdjaftlcr für janitäre 'Begriffe, ihre iifc es Institutes für ki jungen zu eröfüier beiten zur Zain« verschiedenen Ler nd hierbei die inär ero=fe )eutfti N0N1M 6r- «» dib-»'° südlichen Opfern eine jüdische Realschule gegründet. Das Werk ist zu unserer großen Freude gelungen. Dies beweist der soeben von Direktor Rabbiner Dr. E. Carlebach herausgegebene erste Jahresbericht. Bereits bei Eröffnung der Schule betrug die Frequenz 203 Knaben und 73 Mädchen, — wohl der beste Beweis für ihre Notwendigkeit. Am Schluß des Schuljahres zählte die Schule 216 Knaben und 74 Mädchen. Der Unterricht findet an fünf Tagen der Woche statt, da er laut Verfügung des Ministeriums auch am Sonntag ausfallen muß. Es mußte deshalb ein etwas ausgedehnterer Nachmittagsunterricht stattfinden, und es ließen sich dementsprechend erhöhte Ansprüche an die Leistungsfähigkeit der Kinder nicht vermeiden. Die zwei freien Tage — Samstag nnd Sonntag — glichen dies jedoch wieder aus. Ein Neubau für die Schule soll noch in diesem Jahre fertiggestellt werden, so daß diese dann ihr eigenes Heim besitzen wird. — Dem Jahresbericht folgt eine interessante wissenschaftliche Arbeit aus der Feder des jüngst Heimgegangenen hoffnungsvollen jungen Gelehrten Dr. David Carlebach: S e l b st t ä t i g k e i t der Schüler inr jüdischen Religionsunterricht. Gesterreich-Ulrgarn. Wiederaufnahme des Hilsner-Prozeffes. Der wegen angeblichen Ritualmords, begangen in Polna (Böhmen) an der Agnes Hruza, verurteilte Leopold Hilsner schmachtet nun schon bereits 14 Jahre im Gefängnis. Er wird nicht müde, in herzzerreißenden Briefen an seinen Bruder seine Unschuld zu beteuern und sein trauriges Geschick zu beklagen. Unter dem 17. Februar schrieb er unter anderm an seinen Bruder: „Unschuldig muß ich büßen, bereits 14 Jahre unschuldig im Kerker verbringen. Ist der allmächtige Gott nicht mehr da, daß er ein solch himmelschreiendes Unrecht duldet? Die Tränen fliehen mir von den Augen beim Schreiben, daß wir so unglücklich geworden sind. Ich bete jeden Tag zum lieben Gott, daß meine Unschuld ans Tageslicht kommt." Auf Grund einer Eingabe, welche, wie die „Oesterr. Woch." schreibt, die „Oesterreichisch-Jsraelitische Union" am 22. Februar d. I. dem Justizminister überreichte, hat das Kreisgericht Pisek neue Erhebungen über den Polnaer Mord eingeleitet. Der Kreis dieser Erhebungen ist weit gezogen. Eines der charakteristischsten Momente des Hilsnerprozesses war es bekanntlich, daß dem Zeugnisse solcher Personen, welche sich erst nach langen Monaten (Pesak), ja selbst nach Jahren (Lang) zur Aussage meldeten, das schwerste Gewicht beigemessen wurde. Dagegen wurde eine Anzahl von Personen, welche unter dem unrnittelbaren Eindruck der Mordtat sehr wichtige Wahrnehmungen und Beobachtungen gemacht hatten, nicht nur nicht beachtet, sondern als Zeugen geradezu abgelehnt. Zu diesen Personen gehören insbesondere der damalige Chef des Sicherheitsbureaus der Prager Polizeidirektion, Hofrat O l i c, der sich mit den beiden Prager Detektivs Spacek und Forst kurz nach der Ermordung der Agnes Hruza nach Polna begab und dort eine Reihe sehr bedeutsamer Feststellungen machte. Vom 3. bis 19. April, also volle 16 Tage, weilte insbesondere Spacek am Schauplatze der Tat, und die tatsächlichen Erhebungen dieses geübten Kriminalisten wären wohl geeignet gewesen, aus die Spur des richtigen Täters zu leiten, wenn — ja wenn nicht die traurige Suggestion des Ritualnrordes alle Geister verwirrt hätte. Das Pifeker Gericht hat nun — nach vierzehn Jahren — die Einvernahme der letzteren angeordnet. In Hofrat Olic und den Detektivs Spacek und Forst stand von allem Anfang an die Ueberzeugung fest, daß nicht Hilsner, sondern jener Mann mit den hervorquellenden Augen, den der Kooperator Vlcek am Tage vorher und die Gemeindevorsteherin Vomela eine Viertelstunde vor der Tat am Schauplatz des Verbrechens gesehen hatten, der Mörder war. Dieser Mann hatte einen weißen, geschälten Fichtenstock geschwungen und ein solcher, blutbefleckter Stock war bei der Leiche gefunden worden. Die Prager Kriminalisten sind dem einfachsten und geradesten Gedankengange gefolgt und haben sich an die vorhandenen Tatsachen gehalten, während sich die Untersuchung in die kompliziertesten Irrwege verlor. Hofrat Olic hat nun vor der Oeffentlichkeit selbst das Wort genommen. Durch jahrelange, mühevolle Nachforschungen hat die „Oesterreichisch-Ungarische Union" in der Hilsner- Affäre Spuren nachgewiesen, welche mit den unmittelbar nach der Tat gemachten Feststellungen der Prager Kriminalisten merkwürdig Zusammentreffen. Ob es gelingen wird, den wahren Mörder zu überführen, mag noch zweifelhaft sein. Aber immer unzweifelhafter ringt sich die Wahrheit durch, daß Leopold Hilsner nicht der Mörder ist! Rußland. Der neue Minister des Innern Maklakow (dessen Bruder Führer der „Kadetten" ist) hat in einer Unterredung mit einem Berichterstatter des Pariser „Temps" sein Programm in bezug auf die Judenfrage entwickelt. Danach sind wir in Rußland weit von der erhofften Milderung der gegen die Juden geübten Strenge entfernt. „In der Gesetzgebung bezüglich der Juden erklärte Maklakow, ist irgend eine Aenderung durchaus unzulässig. In der Frage der ausländischen Juden wird die Regierung eine Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten nicht dulden und ihre Maßnahmen nicht ändern." Der Minister des Innern meint also, daß der Forderung Amerikas in der Paßfrage nicht entsprochen werde. Damit setzt er sich in einen merkwürdigen Gegensatz zum Handelsminister Timaschew, der sich geneigt erklärte, der Forderung des neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten Zugeständnisse zu machen. Wilson hat nämlich die russische Regierung wissen lassen, daß er den Handelsvertrag mit Rußland nicht erneuern werde, wenn den Juden Amerikas nicht derselbe freie Zutritt in Rußland gewährleistet werde wie den anderen Bürgern Amerikas. Sollte etwa Maklakow die Versicherung des Präsidenten Wilson nicht ernst nehmen? Noch eine nette antisemitische Bemerkung in bezug auf die Paßfrage hat sich Maklakow gestattet. Er sagte nämlich, der Handel mit gefälschten Pässen, der einen Erwerbszweig der Juden in den Grenzgebieten bilde, müsse aufhören. Man kann sich vorstellen, mit welchem Jubel derartige ministerielle Erklärungen in der antisemitischen Presse Rußlands begrüßt werden. Unterdessen dauern die Ausweisungsbefehle fort. Der Erlaß, den der Premierminister Kokowzess in seiner Unterredung mit dem Advokaten Schloßberg von Petersburg erwarten ließ, ist ausgeblieben. Man durfte hoffen, daß allen gegenwärtig außerhalb des Ansiedlungsrayons ansässigen Juden das Wohnrecht erteilt würde. Statt dessen ist eine Bekanntmachung erschienen, die es der Polizei überläßt, zu entscheiden, welche Juden außerhalb des Rayons zu vertreiben und welche an ihren Wohnsitzen zu belassen sind. 6055