Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 12 (21.3.1913)
- Date
- 1913-03-21
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12. Puriinbeilage des „Das jüdische Klatt".?m Interesse der Wahrheit. Ein überzeugungstreuer liberaler Jude, der eifrig an dem Bau der „Richtlinien" mitgearbeitet hat, schreibt uns: Es ist fast unmöglich, allen ungerechten Angriffen, die von seiten der Orthodoxen gegen uns erhoben werden, ausführlich entgegen zu treten. Einige unwahre Behauptungen über die „Richtlinien" aber müssen wiederholt öffentlich und klar zurückgewiesen werden: 1. Man hat gesagt, die Richtlinien-Rabbiner seien gegen, die Sabbatruhe. Das Gegenteil ist wahr. Sie verlegen eigens ihre Predigt auf Sonntag, um am Sabbat Ruhe zu haben. 2. Man sagt, sie seien Gegner der Beschneidung. Das Gegenteil ist wahr. Sie beschneiden aus heiliger Ueberzeugung ihr Judentum, wo sie nur können. 3. Man sagt, sie seien Gegner der Offenbarungsidee. Das Gegenteil ist wahr; da ihnen die erste Offenbarung nicht mehr ausreichend erscheint, geben sie aus freien Stücken dem Judentum eine neue. 4. Man sagt, sie seien gegen jüdische Eheschließung. Diese Behauptung ist direkt unsinnig. Sind doch Trau-Reden ihre zweitwichtigste Beschäftigung. Es wäre doch sehr zu wünschen, daß die Orthodoxen etwas mehr Schulchan aruch „lernen" würden (ich meine natürlich, unsre neue Auflage), damit sie über diese jüdischen Grundfragen sich klar werden. Dementi. Gewisse Kreise hatten die Nachricht verbreitet, daß ich meine Zeitung an zwei bekannte Frankfurter Brüder verkauft hätte, von denen der eine die wissenschaftlichen und politischen, der andere aber die „Mode"-Artikel schreiben würde. Die Nachricht ist frei erfunden und schon deshalb nicht ernst zu nehmen, weil der Eine der gemeinten Herren als Rabbiner sich nicht mit der Mode abgibt. Dr. M. E y e r, Donaustadt. London. Auf das Angebot der Regierung von Honduras, ihre Insel den Juden als Einwanderungsland zur Verfügung zu stellen, hat das Zionistische Zentralkomitee noch nicht endgültig geantwortet. Einesteils will man das Angebot nicht ganz von der Hand weisen, andererseits ist bei der Lage der Insel in der Tropenzone zu befürchten, daß dort alle jüdischen Einwanderer mit der Zeit „schwarz" würden. Man beabsichtigt daher, den Misrachisten nahezulegen, sich dort anzusiedeln. Petersburg. Zur besseren Beaufsichtigung seines gesundheitlichen Zustandes soll sich der Zarewitsch auf etwa ein Jahr in das Sanatorium einer ausländischen medizinischen Autorität begeben. Wie man hört, sollen Verhandlungen mit Professor Israel im Gange sein, ihn in sein Haus aufzunehmen. Der Verband echtrussischer Leute intrigiert mit aller Kraft gegen diesen Plan. Ein Chillul Haschen, abgewendel. Ein allzu eifriger Historiker wollte eine Dissertation schreiben über die Entstehung des Schweinfurter Cherem, seine Durchführung und geplante Beilegung. Den Anstrengungen des „Vereins für die Interessen des orthodoxen Judentums in Bayern" ist es gelungen, das Unheil noch rechtzeitig abzuwenden. Diskretion. Welche Zeitung nimmt, event. unter Pseudonym, die geistreichen Artikel eines verkannten Genies auf, das sich berufen fühlt, Führer seiner Zeit zu werden. Zuschuß zu den Verlagskosten und Steigerung der Abonnentenzahl nicht ausgeschlossen. Offerten unter I. B. U. Frankfurt a. M. Frankfurt a. 2N. Gestern fand eine vollzählig besuchte, wichtige Versammlung des Provisorischen Komitees der „Agudas Jisroel" statt. Nach mehrstündigen ernsten Beratungen wurde einstimmig beschlossen, für die Mitgliedsbeiträge Marken in verschiedenem Wert, kenntlich durch verschiedenartige Kolorierung herauszugeben. Die Versammlung ging mit dem Gefühl stolzer Befriedigung auseinander. Sie soll an dem Tag wieder zusammenberufen werden, an dem die ersten Markenentwürfe vorliegen. München. (Revision des Judenedikts.) Der Kampf um den Austritt in Bayern hat große Aussicht auf Erfolg. Die Staatsbehörden sollen sich geneigt gezeigt haben, jedem Juden mit gewissen Bedenken zu gestatten, — auszutreten, so bald und so oft er sich innerlich dazu gezwungen sieht. Rom, 5. Adar II. Wie hier verlautet, ist der hl. Stuhl das Opfer einer groben Mystifikation geworden. Ein italienischer Mönch Frater Paolo aus Sefsano hatte das Buch eines deutschen Gelehrten, Dr. B. Neuer, „Lied der Lieder" ins Lateinische übersetzt, und unter Verschweigung des Autors der Bibliothek seines Klosters als Geschenk angeboten. Die Index- Kommission des hl. Stuhls jedoch hat das Buch wegen seines unsittlichen Inhalts als Lektüre verboten, und der Mönch wäre zweifellos der Exkommunikation verfallen, wenn er nicht noch rechtzeitig hätte glaubhaft Nachweisen können, daß er das Buch nicht verfaßt, sondern nur übersetzt habe. Er kam mit drei Monaten strenger Klosterhaft davon, sein Werk wurde vernichtet. Aus den bayrischen Richtlinienkämpfen. Die Einheit der bayrischen Judenheit, die durch den Kampf um die Richtlinien aufs schwerste gefährdet war, ist dank der geschickten Politik der Gemeindeführer auf unabsehbare Zeit hinaus gesichert worden: Es gelang, dem Drängen der öffentlichen Meinung, eine Konferenz der Rabbiner der drei stärksten religiösen Parteien herbeizuführen, die sich nach langen, ernsten Beratungen auf nachstehende Resolution einigte. 1. Die Richtlinien bedeuten den Bruch mit der Tradition und machen das Schisma nötig zur Rettung der thoratreuen Judenheit. 2. Die Richtlinien sind z. Zt. ebenso unnötig wie gefährlich, doch sollen die Parteien in gleichruhiger und freundschaftlicher Weise wie bisher sich gegenseitig achten und jede Spaltung vermeiden. 3. Die Richtlinien sind das einzige Heil zur Rettung des veralteten Judentums; ihre Anerkennung ist überall energisch zu verlangen. Ansbach, München, Nürnberg, den 14. Weadnr 5673. gez.: Dr. K o h n, Dr. C. W e r n e r, Dr. F r e u d e n t h a I Die gemeinsame Erklärung ist ein historisches Dokumeill