Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 12 (21.3.1913)
- Date
- 1913-03-21
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 7 Das füdische Statt. übergangen. Viele von ihnen haben keinen geringeren als einen Salomo ibn Gabriol (1013—1103), einen Jehuda b. Salomo Alcharizi (1170—1230) u. a. m. als Dichter gehabt. — Wir begegnen also all den Purimbräuchen und Belustigungen in Zeiten, bevor uns noch die christliche Welt mit dem ersten Sizilianischen Ghetto (1312) beglückt hatte, sie sind also keinesfalls Ghetto-Früchte, deren wir uns Moderne zu schämen brauchten, weil wir uns daran auch in der Judengasse gelabt haben. Unser Purim ist auch älter als der christliche Karneval, und warum sollen so viele von uns den ersteren gegen den letzteren eintauschen? — Worin aber wäre der Grund zu suchen, daß im Westen all die althergebrachten Purimbräuche in Vergessenheit geraten sind und nur noch da und dort durch einen recht artigen Purimball außerhalb des Hauses ersetzt werden? Dürfte nicht der Grund hierin zu suchen sein, daß wir beinahe unser ganzes Judentum aus dem häuslichen und öffentlichen Leben in die Synagoge verbannt haben? Dort noch, in der Synagoge nämlich, haben wir alles treu bewahrt, während wir gleichgültig zusehen, wie die Wellen des uns umgebenden Lebens fortwährend an unser Heim schlagen und alles Jüdische untergraben. Ja, wagen wir es einmal ehrlich und offen auszusprechen. Unsere Vorfahren wußten von keiner Grenze zwischen Religion und Leben. Die Religion war lebendig und das Leben religiös; auch bei den meisten unsrer östlichen Brüder ist auch heute noch keine scharfe Grenze zwischen den beiden gezogen. Wer die □"'£'pn unsrer unsterblichen spanisch-jüdischen Dichter nur aus Machsor, Slichot und Kinot kennt, und keine Gelegenheit hatte, auch deren weltliche Lieder über Wein und Liebe zu studieren, wird es kaum für möglich halten, daß diese Gottesfürchtigen es sehr wohl verstanden hatten, ein schönes Augenpaar und funkelnden Wein eben so gut wie unsre modernen Lyriker zu besingen. Man lese nur die „Tachkemoni" von Alcharizi und man wird sich dessen bald überzeugen. — Daß aber auch diesen weltlichen Dichtungen religiöse Tendenzen zugrunde lagen, leuchtet jedem nur etwas eingehend Studierenden bald ein. Alle Weinlieder sind für Purim gedichtet, die einzige Zeit, wo dem Juden ein Räuschchen erlaubt, ja vorgeschrieben ist. Die Liebeslieder wurden auf Vermählungsfeiern zur Belustigung der Hochzeiter rezitiert; denn es ist eine talmudische Vorschrift, Neuvermählte zu erheitern . Um zu wissen, wie weit unsre Weisen selbst in Ausführung dieses Gebotes gingen, wolle man Ketubot 17 i> Nachlesen. Ist es nicht eigentümlich, daß unsere Vorfahren Liebes- und Weinlieder sangen um Religionswillen? Ja, eigentümlich aber jüdisch. Leben und Religion, das eine floß in das andere und ergänzten sich gegenseitig, und sogar das Alltäglichste hatte religiöse Färbung. Vieles noch von dem echt jüdischen Leben, der echt jüdischen Freude unsrer Alten ist bei den Ostjuden geblieben. Man möge nur einer jüdischen Hochzeitsfeier in Rußland beiwohnen und die berufsmäßigen (Hanswürste), die oft große fnin (Torah-Gelehrte) sind, anhören, man habe einmal das Vergnügen, ein Purimfest mit unfern östlichen Brüdern mitznfeiern, und man wird eine wirklich jüdische und echt brüderliche mitgenießen. — Wir sind seit lange her ein Volk des Weinens; aber wir haben das Lachen noch lange nicht verlernt und können sogar manchmal recht kräftig lachen; und wenn ein Volk noch herzlich lachen kann, braucht es keines besseren Beweises, daß es noch kerngesund ist. Manche Kritiker greifen unfern schönen Purim an, indem sie uns weismachen wollen, daß die Esther-Geschichte einer orientalichen Götter-Mythe entnommen wäre, daß Esther die Babylonisch-Elamitische Göttin „Jstar", Mordechai der Abgott „Marduk" und Haman der Hauptgott „Humman" der Elamiter sei (Jensen gefolgt von Prof. Röldeke). Diese und ähnliche Kritiker brauchen uns nicht viel zu beängstigen; wohl aber ängstigt es uns, wenn wir sehen, daß unseren Festen die echt jüdische Freude schwindet. — Sprechsaat. (Für die in dieser Rubrik erscheinenden Artikel übernimmt die Redaktion keine Verantwortung.) H a t t st a d t, den 18. März 1913. Ein zweites Mal gewähren Sie mir gefl. ein Plätzchen in Ihrer gesch. Zeitung, sehr geehrter Herr Redakteur. Obgleich das Konsistorium ihm so sehr entgegengekommen ist in der Rabbinerfrage, hat unser Präsident, Herr Bernheim, abermals seine Demission gegeben. Das ist wohl das dritte oder gar vierte Mal, daß Herr Bernheim seine Demission gibt. Ebenso oft hat das Konsistorium diese Demission nicht angenommen. Nun, vielleicht kommt es diesmal noch so weit, daß mir wieder eine regelmäßige Verwaltung erlangen. Zeit wäre es dazu. Hochachtend L. Kaß und Liebe. Eine Erzählung aus der Zeit der ungarischen Freiheitsbewegung. Von Caroline Deutsch. (Fortsetzung.) Als der Feuerschein den Himmel rötete, schrie Len verzweifelt auf: „Unser Haus brennt, ich erkenne es an der Richtung." „Gebe Gott, daß es das Einzige ist, was wir verlieren", antwortete die bleiche Tochter, die beim Feuer stand. Als sie sich nach einigen Augenblicken umwendete, war Mirjam aus dem Zimmer verschwunden, Rahel sah sie den Hügel herabstürmen; aus der Stube stürzen und ihr nachrennen, war das Werk eines Augenblicks. Doch Mirjam flog dahin als hätte sie Flügel. Trotzdem besann sich das junge Mädchen keinen Moment, ihre Schritte zu verdoppeln, und sie wäre ihr sicherlich bis nach dem Dorfe gefolgt, wenn sie nicht das Kreischen und verzweifelte Schreien Leas plötzlich ftillstehen geheißen hätte; auch fühlte sie, wie ihre Füße zu wanken begannen, der Boden sich mit ihr im Kreise drehte, es blutigrot vor ihren Augen flimmerte, sie sank mehr nieder, als sie sich niederließ, eine Art schwerer, dumpfer Betäubung ergriff sie, sie fühlte nichts als einen stechenden Schmerz in der Seite und der Herzgegend, und die dumpfe Empfindung, daß die Sinne schwinden. Mirjam war vor das Dorf gekommen, sie wußte selbst nicht wie. Das entsetzliche Geschrei und das Knattern des Kleingewehrfeuers brachte sie endlich zu sich. Einige Augenblicke blieb sie von Angst und Entsetzen gebannt stehen, doch was besiegt Mutterliebe nicht? Nur wenige Minuten zauderte ihr Fuß, dann trat sie rasch und entschlossen in das Dorf. Ein gnädiger Gott wachte über sie und leitete ihre Schritte. Sie drängte sich durch das Getümmel und hatte kaum sechzig Schritte gemacht, so sah sie schon den, den sie suchte. Er stand über einen Verwundeten gebeugt und suchte ihn aufzurichten. Es war zu spät, der mutige Richter hatte ausgelebt.