Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Blatt · 1913-03-21 · 12 (21.3.1913) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
12 (21.3.1913)
Date
1913-03-21
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/9052070-9096771-9052285--0224-9052291
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

6 Da» jüdische Matt. Nr 12. Briefkasten der Rätsel-Erke. I. «. Paris: Für Tatsachen, die in der Schrift ausdrücklich stehen (vgl. Esth. 1,1), braucht man doch kein „Gematriah"-Beweis! — N. L. Danendorf: Das Purimgedicht ist zwar anerkennenswert, aber nicht druckreif. — M. M. n. L. W. Roshcim: Es heißt „Parschas I'oroh!" m M Wochenkalender. H: 1913 5673 Sabbat Sonntag Montag Dienstag Mittwoch Donnerst. Freitag 22. März 23. „ 24. „ 25. „ 26. „ 27. ,. 28. „ 13. AdarH 14. „ 15. „ ' 16. „ 17. „ 18. „ 19. „ ■»mpD 'tDDS -"IDT D -12 □niD DniD Gebelszeilen. (Freitagabend) (Sabbatausgang) Ansbach. 7 U. io Bafel . -. 7 U. 22 Fürth . . 6 11. 15 7 11. io Metz. . 6 U. so 7 U. 35 Mülhaufen. . —11.— —11.— München: Synagoge Herzog-Maxstr. . . . 6 U. oo 7 u. 05 „ Herzog-Rudolfstr. . . 6 U. 15 7 U. 08 „ Müllerstraße. . . . 6 U. 15 7 u. 08 Nürnberg: Synagoge Essenweinstraße . . 6 U. 15 7 U. ii Stratzburg: Synagoge Kleberstaden . . . . 6 U. 30 7 U. 25 „ Kageneckerstraße . . 6 U. 30 7 u. 25 Stuttgart. 7 U. n (Amtswoche: Bezirksrabb. Dr. Stößel.) 'Furimfreuden, in verschiedenen Zeiten und Ländern. Von O. Großvogel. Dem Ostjuden, den die Verhältnisse nach dem Westen verschlagen haben, muß es sicherlich auffallend sein, daß all die mannigfachen Purimbräuche und -belustigungen den westeuropäischen Juden fast ganz verloren gegangen sind, und unwillkürlich wird er sich die Frage stellen: „Wie kam es denn, daß die deutschen Juden, die orthodoxen nicht ausgeschlossen, all dies abgelegt haben." Falsch wäre die Annahme, daß die bei den Ostjuden noch so lebendig erhaltenen charakteristischen Purimgebräuche Ghetto- Auswüchse sind, die ihr Grab unter dem Schutthaufen der abgerissenen Mauern der Judengasse gefunden hätten, da wir doch sehr viele, wenn nicht die meisten derselben teils lange vor der Ghetto-Aera, teils in Ländern, wo das Ghetto unbekannt blieb, vielfach finden. Noch bis auf den heutigen Tag hat sich in Rußland und in Polen der Brauch erhalten, daß junge Leute am Purim auf den Synagogenhöfen fratzenhafte Figuren, die den Haman darstellen, auf die Erde zeichnen und unter Gejodel und allerlei Schabernack darauf herumtrampeln. Nicht selten kann man auch bejahrte Männer mit jugendlichem Herzen an derartigen Streichen beteiligt sehen. Daß dieser 3U welchem im Orach-Chajim 690,17 der die Bemerkung macht, man möge ja nur nicht diese oder ähnliche Bräuche abschaffen oder bespötteln, keine Ghetto-Schöpfung ist, liegt auf der Hand; denn wir finden einen ähnlichen Brauch schon in einem aus der Gaonimzeit (800 bis 1050) stammenden Responsum ausführlich beschrieben: „Es ist Sitte in Babylonien und Elam, daß die jungen ' Leute Figuren (aus alten Kleidern) formen, die den Haman darstellen, diese lassen sie 4—5 Tage vor Purim auf den Dächern hängen; Purim werden diese Haman-Puppen herabgeholt und unter Gepolter und Rundtänzen in einem zu diesem Zweck angelegten Feuer verbrannt." (The Hook of Delight and otiwr^ papvrs by I. Abrahams M. A. p. 266—67, Philadelphia 1912.) Auch der „Aruch" (talmudisches Lexikon von Nathan b. Jehiel, Rom 1101) beschreibt unter dem Artikel diesen Purimscherz. Daß auch der Talmud (Sanhedrin 64 b) unter NTHllK^D" auf diesen Purimbrauch hindeutet, ist ganz klar (siehe Raschi-Erklärung ebendort). Natürlich wird kein Mensch diese Belustigungen, wo sie abgeschafft, wieder herbeiwünschen; mancher unserer modernen Hamans, denen der Mund wässert, wenn sie von den alten guten Zeiten des „Judenverbrennens" hören, könnte uns noch „rachsüchtig" schimpfen, wenn wir auch nur einen Tag im Jahr uns erlaubten, harmlose Scherze mit toten Haman-Puppen oder Haman-Bildern zu treiben. Aber warum denn den ganzen Purim-Carneval, die so schönen altjüdischen Volksbelustigungen, abschaffen! — Purim war von jeher, und ist es heute noch im Osten, ein wahrer Volksbelustigungstag, ein Narrentag mit Maskenfesten und allerlei Lustbarkeiten. Der erste allerdings, der Pnrim- Maskeraden erwähnt (in einem seiner Responsa Nr. 17), ist Rabbi Jehuda Minz (gest. 1508 in Venedig); aber er spricht darüber als von einem alt hergebrachten Minhag. Er gestattet sogar, daß Männer sich als Frauen, und umgekehrt verkleiden, daß man auch Schatnis (Kleider aus einem Mischgewebe von Wolle und Leinen) anziehe, trotzdem dies Verstöße gegen biblische Verbote sind (III. B. M. 19?» bzw. V. Bd. 22.°). Auch der Purimnarr, ohne den eine wirkliche Purimbelustigung bei unseren östlichen Brüdern undenkbar ist, scheint als unbegehrter Bürger seinen Ausweis aus Deutschland bekommen zu haben. Dort im Osten steht er in hohen Ehren. Der Reiche leistet sich einen oder zwei teuerbezahlte Narren, und der Ärmere muß sich mit den am Purim von Haus zu Haus herumziehenden Hanswürsten begnügen, die gegen gute Preise und fette Leckerbissen ihren Schnack ausgramen. Aber auch der Ärmste möchte nicht den Narren am Purimtisch vermissen, und wenn es sein muß, so spielt ihn der Hausvater selbst, um die Seinigen zu belustigen. Wer nicht Gelegenheit hatte, einen Purim-Kiddusch eines geschickten Narren zu hören, d.er kennt noch keine echt jüdische Komik; auch der Schwermütigste muß sich halb tot lachen. Den anderen Purimbelustigungen geht es auch nicht besser. Die possierlichen Weinlieder, die man vielfach bei den Ostjuden am Purimtisch hört, scheinen kein Heim mehr in Deutschland zu haben, trotzdem eine ganze Anzahl derselben voll deutschen Rabbinern und Gelehrten gedichtet sind. Die meisten dieser Weingesänge sind älteren Datums und auf uns von den Spaniern

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.