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Das jüdische Blatt · 1913-03-21 · 12 (21.3.1913) · p. Seite 2

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
12 (21.3.1913)
Date
1913-03-21
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 Das jüdische Statt Nr. 12. Hoinon lioroscho! Wem die Weisen diesen Beinamen geben, der hat ihn von der Geschichte verdient. Der Sinn der Reschoim steht ans das Vernichten, ihr Wirken ist ein Zerstören, ihr Leben der Tod. So auch Haman. Darum trifft solche Naturen der Fluch der Weisen. Fluch Haman, der mich zu vernichten strebte, spricht Israel mit historischem Sinn am Purimfeste. Das Wesen der Zadikim ist: dauresch tauv, das Streben nach dem wahrhaft Guten. Darum werden sie ein Segen allen Völkerfamilien der Erde. A. -^- Louis Keift. >21 Wie ein grausiges Memento tritt vor unsere Augen der alte Satz -]y-|n D-DfC p'HS Denn Louis Feist war eine markante Persönlichkeit mit großem Herzen, mit weitem Blick, ein Heros der Treue, ein Bote der Liebe. Was arm war, ob es einzelne Persönlichkeiten oder Vereinigungen zu guten Zwecken waren, bei Louis Feist waren sie geborgen. Wer der Hilfe bedurfte, ob gefährdete Existenzen, oder die Not der Seele, ob der gekränkte Glaube oder die verschmähte Thora, ob der kranke Westen oder der gequälte Osten, suchte und fand Louis Feist. Und er gab nicht nur, er heilte. Und dabei die Vollendung der Fähigkeit zur bescheidenen Selbstentäußerung. Das ist vielleicht die Blüte seines Lebens gewesen. Er ließ sich nicht blenden in seinem Werturteil über Persönlichkeiten, er wußte und erkannte, was Phrase und was ernstes Wollen war. Es bleibt ihm unvergessen, was er bei der Rekonstruktion der Freien Vereinigung und bei der Schöpfung der Agudah geleistet. Doch sein Tod ist kein Sterben, es ist ein Ruhen nach der Anschauung unserer Weisen, da die in Thora und Sündenfurcht von ihm geleitete Nachkommenschaft seines Werkes Beginnen zur Vollendung führen wird. Und so wird seine Treue herrliche Früchte tragen. * ' * Alis kleinen Anfängen, schreibt Josef Carlebach ib der Jüdischen Presse, hat er sich durch eigenes Können zur Größe emporgearbeitet, lind seiner Hände Arbeit hat Gott gesegnet. Aber sein goldreiner, fester Charakter trug ihn über die Fährlichkeit hinweg, ein Parvenue zu werden: er bezahlte nicht seine glänzende äußere Stellung mit der Untadligkeit seines jüdischen Seins. Er gründete an der Seite feiner vor Jahren schon dahingegangenen Gattin, die ebenfalls von altem jüdischen Adel, der Familie von Moses Falk S"j in Lübeck — dem reichsten und gebildetsten, zugleich frommsten Mann der dortigen Gemeinde — ein Haus, wo die guten Geister der Gottesfurcht und des keuschen Wandels vor dem Ewigen, der Bescheidenheit und Milde heimisch wurden, und aus diesem Fundament seines Seins wuchs er zu einer wunderbaren Persönlichkeit, zu einem jüdischen Aristokraten in Wesen und Wollen, eine Lebensauffassung und Lebensideal heran. Ein Kunstwerk jüdischen Menschentums ist mit ihm dahingegangen, ein Wunderwerk, wie es nur die Thora wirken kann. Seit dem Tode des Barons Willi) v. Rothschild, schreibt Oskar Lehmann in demselben Blatt, war er eine von den Säulen, auf denen der Ruhm Altfrankfurts als einer der wohltätigsten jüdischen Gemeinden der Welt ruhte. Und so wenig Aufsehens wie dieser Mann von seiner edlen Art des Gebens machte. War irgend wo eine Versammlung eines Vereins, der sich die Unterstützung unserer Glaubensbrüder zur Aufgabe gemacht hat und sein Rechenschaftsbericht schloß mit einem Defizit ab, so ist es häufig Louis F e i ft gewesen, der heimlicherweise dem Borstand sagen ließ, er könne den Fehlbetrag an seiner Kasse erheben. Aber das ist nur eine von den zahlreichen hervorragenden Eharaktereigenschaften des Heimgegangenen. Er war im Borstand der Synagogengemeinde „Ist. Religionsgesellschaft": hier war er noch einer von den wenigen, die die maßvolle Orthodoxie vertraten, die seit dem Tode der Hildesheimer, Bamberger und Lehmann im Aussterben begriffen zu sein scheint. Fast ihm allein verdankt der Ausbau der jungen, von der „Freien Vereinigung" gegründeten Talmud-Thora- Schulen in Palästina seine gedeihliche und hoffnungsreiche Entwicklung. ° Aengftlich war er in seiner unvergleichlichen Bescheidenheit bemüht, in der Oeffentlichkeit den Anteil zu verheimlichen, den er an diesem großen Werke nahm. Bescheidenheit bei energischer Betätigung war der imposante Zug seines edlen Charakters, der sich in allen seinen Lebensäußerungen offenbarte. Dies kam ganz besonders in seiner Arbeit für die Agudas Israel zum Ausdruck, die er zu seinem Lebenswerk hätte machen wollen. Für die Aguda ist sein früher Heimgang ein wahres Unglück. An ihm fand sie den kraftvollen, sichern Rückhalt, eine zielbewußte für das Thorajudentum begeisterte Führung. Wer den denkwürdigen Brief kennt, schreibt der „Israelit", mit dem er noch in den letzten Monaten, durch feine Erkrankung von der Heimat ferngehalten, die Kollegen zur kraftvollen Arbeit spornte, wie er eine Art Gelübde ablegte, nicht nur als fürstlicher Spender, sondern andere anregend als fi'r &en Aufbau der praktischen Wirksainkeit der „Aguda" einzutreten, der mag ahnen, was Louis Feist für hätte werden können.- Wird die „Agudas Jsroel" in ihrer ersten Blüte diesen Schlag verwinden? Werden sich Männer finden, die in die Bresche treten können und wollen, die — bis die Massen die „Unsterblichkeit" und den „Reichtum" der Organisation verbürgen werden — mit starker Opserfreudigkeit das dem Führer entsunkene Banner aufnehmen? Bor dem furchtbaren Ernste dieser Schicksalsfrage verstummt alle laute Klage um den uns so jäh Entrissenen. Louis Feist ist aus kleinen Anfängen zu seiner Größe emporgestiegen. Am 30. Juni 1857 geboren, trat er nach Absolvierung der Realschule der Jsr. Religionsgesellschaft im Jahre 1872 bei Gründung der Firma Baer, Sondheimer & Co. in diese als Lehrling ein. Infolge seiner genialen Auffassungskraft, seines bewundernswerten Gedächtnisses wußte er sich in seiner Firma solchen Einfluß und solches Ansehen zu sichern, daß er im Jahre 1892 als Teilhaber in dieser ausgenommen wurde. Von da an stieg sein Weg im geschäftlichen Leben immer höher. Er verstand es, den Kreis seiner Geschäfte auf den halben Erdkreis auszudehnen und sein Haus zu einer berühmten Weltfirma emporzuheben. Die äußeren Ehren strömten ihm zu, ohne daß er sie suchte. Er war ein leitendes Mitglied der Handelskammer, eine Autorität in der Finanzwelt, Aufsichtsratsniitglied vieler großer Handelsgesellschaften. Trotz der großen wachsenden Ausdehnung seiner Geschäfte beschränkte sich sein Ehrgeiz darauf, die hohen Ziele des Judentums in großartiger Weise zu erfüllen. Wohin auch seine großen Reisen führten (er beherrschte ein Dutzend Sprachen), überall brachte er dem Heiligtum Israels, dem Sabbat und den Speisegesetzen, seinen Tribut durch treue und gewissenhafte Pflichterfüllung. Er war als Vorsitzender der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt ein begeisterter Schüler S. R. Hirsch's S'f und widmete dieser Schöpfung seines Meisters feine tiefe Liebe, feine volle Kraft, seine unerschöpfliche Gebefreudigkeit. Das Werk S. R. Hirsch's wollte er krönen durch die Verwirklichung der Idee der Weltverbrüderung aller Thoratreuen auf dem Erdenrunde in der A g u d a s Jsroel. Da hat ihn Gott mitten aus seiner gesegneten Arbeit hinweggenommen zur Bestürzung aller dieser, die auf ihn die größte Hoffnung setzten. In seiner Familie, inmitten seiner in seinem Geiste herangewachsenen Kinder wird sein Platz leer bleiben. Und der Platz, den er iin Leben unseres Volkes eingenommen hat! Wer wird die gähnende Liicke alisfüllen, die sein Tod in unsere Mitte gerissen?

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