Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 11 (14.3.1913)
- Date
- 1913-03-14
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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7 Nr. 11. Das jüdische Matt. Staatsministerium übermittelten Erklärung, sehen sich die Unterzeichneten, trotz der prinzipiellen Verschiedenheit ihres religiösen Standpunktes, zu folgender gemeinsamen Gegenerklärung gezwungen. 1. Die orthodoxe Parteirichtung ist im Judentum nicht die allein maßgebende. Deshalb protestieren wir gegen die Behauptung, daß nur diejenigen als Rabbiner und Kollegen anzuerkennen sind, die der orthodoxen Parteirichtung angehören, und verwehren uns gegen das Unterfangen, alle diejenigen Rabbiner als unqualifiziert zu erklären, die sich nicht zu dieser Richtung bekennen. 2. Die bayrische Rabbinerkonferenz hat seit zwei Jahrzehnten ihre Tätigkeit nur dadurch entfalten können, daß alle ihre Mitglieder ohne Unterschied der religiösen Richtung den Konferenzsatzungen entsprechend, bestrebt gewesen sind, unter Wahrung der Einheit und des Friedens, das religiöse Leben nach der Lehre des Judentums zu heben. Die orthodoxen Mitglieder haben selber rückhaltlos anerkannt, daß insbesondere ihre Anforderungen stets von allen Seiten Unterstützung fanden. Getreu unserer bisherigen Haltung, die Interessen des G e s a m t j u d e n t u m s höher zu bewerten als die eines ausschließlichen Parteistandpunktes, werden wir auch weiterhin in der Konferenz verbleiben und weisen die in jener Erklärung enthaltene persönliche Herausforderung und den Versuch, Spaltung und Trennung in unsere Reihen zu tragen, mit Entschiedenheit zurück. Im übrigen unterlassen wir es, vor der Öffentlichkeit auf die in der Erklärung enthaltenen Widersprüche und Unrichtigkeiten näher einzugehen. Nürnberg, den 16. Februar 1913. Rabbiner: Dr. Baerwald-München. Dr. Eckstein-Bamberg. Dr Einstein-Landau. Dr. Finkelschein-Mllncheu. Dr. Freudenthal- Nürnberg. Dr. Grünfeld-Augsburg. Dr. Heilbronn-Nürnberg. Dr. Neuburger-Fürth. Dr. Salomon-Bayreuth. Dr. Steckelmacher- Dürkheim. Dr. Werner-München. Ansbach. Die Gegenerklärung ist also jetzt da. Wir verzichten zunächst gleichfalls darauf, sie vor der Oeffentlichkeit zu diskutieren, wohl aber möchten wir an den löblichen Ausschuß der Rabbiner- Konferenz folgende Frage richten: 3n § 1 der Statuten derselben ist es als Aufgabe der Konferenz bezeichnet, das Judentum und dessen Gebräuche gegen Verunglimpfungen zu schützen. Was hat der Ausschuß zur Erfüllung dieser Aufgabe angesichts der Richtlinienbewegung getan. Oder ist es keine Verunglimpfung, wenn man dem bisherigen Judentum getrübte Gedankenvorstellungen vorwirst, wenn man in einzelnen Gebräuchen Schranken sieht, die uns von den Menschheitsbrüdern trennen? Was hätte man getan, wenn das von judenfeindlicher Seite geäußert worden wäre. Wo ist Nelson? U. A. w. g. Kaden. Mannheim. Im weiten, meistens von Juden dichtbesetzten Kasino-Saal hielt Pastor Klose aus Frankfurt einen Vortrag über „Die Inden im Dienste der Menschheit". Wenn wir hier seiner Erwähnung tun, geschieht es deshalb, um Neugierige zu warnen, wenn der Herr Pastor auch anderswo seine Mission treiben will. In der stürmisch-aufgeregten Versammlung wurde von jüdischen Rednern, wie Sally Kahn und Oberlehrer Dr. Brader in Ludwigshafen (früher Rabbiner), scharfer Protest erhoben, daß der Herr Pastor unter dem Vorwände eines öffentlichen Vortrags Missionsnrbeit treibe und durch seine öffentlichen Bekehrungsversuche das gute Einvernehmen, das hier zwischen den verschiedenen Konfessionen herrsche, zu stören wage. Sachsen. Leipzig. E i n e T a g u n g des j ü d i s ch e ri Frauenbundes findet vom 18. bis 20. März in Leipzig statt. Es sind eine große Anzahl von Referaten in Aussicht genommen, die sich insbesondere mit der sozialen Hilfsarbeit und den Wohlfahrtseinrichtungen der jüdischen Frauen befassen werden. Als neue Einrichtung ist ein Verband für jüdischen weiblichen Arbeitsnachweis in Aussicht genommen. Peentzerr. Berlin. Er st er Kreisturntag des Deutschen Kreises der Jüdischen Turnerschaft. Während der Ostertage findet in Berlin der erste Kreisturntag des Deutschen Kreises der Jüdischen Turnerschaft statt. Der Deutsche Kreis umfaßt heute schon mehr als 25 Pereine in Deutschland mit mehreren tausend Mitgliedern und der Anschluß einer Reihe von bereits bestehenden Vereinen und die Gründung neuer Vereine sind in nächster Zeit zu erwarten. Unter diesen Umständen gewinnt der Deutsche Kreisturntag für die jüdische Oeffentlichkeit erhöhtes Interesse. Die Tagesordnung ist, wie folgt, festgelegt: Samstag abend: Eröffnungssitzung: Referat des Herrn Dr. Aroü Sandler: Die körperliche Regeneration der Juden. Dann anschließend Begrühungsabend, gegeben vom Jüdischen Frauenbund für Turnen und Sport. Sonntag vormittag: Vorturner- und Sportwartlehrstunde. Sonntag nachmittag: Erste geschlossene Sitzung. Sonntag abend: Purimball des Jüdischen Turnvereins Bar- Kochba. Montag vormittag: Zweite geschlossene Sitzung. Montag nachmittag: Schauturnen der vereinigten Jüdischen Sport- und Turnvereine. Montag abend: Diskussion turn- und sporttechnischer Fragen. Alle Veranstaltungen, mit Ausnahme der geschlossenen Sitzungen, sind jedermann zugänglich. Hauptgegenstand der Beratungen in den geschlossenen Sitzungen dürften neben organisatorischen Fragen die Stellung der Jüdischen Turnerschaft innerhalb der jüdischen Jugendbewegung bilden. Brandenburg. Hier wurde e i n st i m m i g Dr. I. Levy (aus Oberseebach bei Weißenburg i. E.) zum Rabbiner gewählt. Dr. L. ist ein Zögling des Rabbinerseminars in Berlin. Seine einstimmige Wahl unter so vielen Mitbewerbern ist nicht nur ein Beweis für die persönliche Tüchtigkeit, durch die sich der junge Kandidat die allgemeinen Sympathien erwarb, sondern auch für die Beliebtheit, deren sich das Rabbinerseminar in den Gemeinden erfreut. Aus aller Wett Atalien. Unter der Überschrift: „Ein Appell an die europäische Diplomatie zugunsten der Religionsfreiheit" tritt in einem feurigen Artikel des „Corriere della Sera" vom 3. März L u z a t t i, der frühere Ministerpräsident, für die Rechte der rumänischen Juden e i n. Rumänien verlangt als seinen Beuteanteil vom Krieg gegen die Türkei gewisse Grenzgebiete Bulgariens. Die Mächte unterstützen die Forderung. In jenen Gegenden wohnt aber eine Anzahl Juden. Wenn diese von Bulgarien abgetrennt und rumänische Untertanen werden, werden sie von Freien Sklaven. Luzatti erinnert nun an den Artikel 44 des Berliner Vertrags von 1878: In Rumänien kann die Verschiedenheit der Religion und Konfession von niemand angerufen werden, um jemand aus diesen Gründen von dem Genuß der bürgerlichen und politischen Rechte auszuschließen oder darin zu beschränken, oder ihn von den öffentlichen Ämtern und der Beteiligung der Industrie oder Gewerben fernzuhalten.