Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Blatt · 1913-03-14 · 11 (14.3.1913) · p. Seite 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
11 (14.3.1913)
Date
1913-03-14
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9052070-9096771-9052268--0209-9052276
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

8 Das jüdische Platt. Nr. 11. Diese Grundsätze, fährt Luzatti fort, sind in Serbien und Bulgarien durchgeführt worden. Dort sind die Juden gleichberechtigt. Rumänien aber hält seine Juden in bürgerlicher, politischer und sozialer Rechtlosigkeit, unter dem Vorwand, die Juden seien „Fremde". Seit dem Berliner Vertrag, also seit 36 Jahren, sind von den 250 000 rumänischen Juden kaum 200 frühere Soldaten naturalisiert worden. Die anderen werden wie Vagabunden im eigenen Vaterland behandelt, Fremde ohne fremden Schutz! Nachdem Luzatti die fürchterlichen Bedrückungen der rumänischen Juden geschildert hat, fährt er fort: Jetzt soll wieder einmal die Landkarte des Balkans umgeändert werden. Dabei soll ein neues Unrecht an den Juden begangen werden. Die in Rumänien eingesessenen Juden sind die letzten Sklaven in Europa. Dies ist ein schreiendes Unrecht. Damit ist aber nicht genug. Nun sollen freie bulgarische Juden Rumänien anheimfallen und von Freien zu Sklaven werden. Wie können die Mächte diese Degradation des Menschentums zugeben? Alle zivilisierten Völker haben im Namen der Menschenwürde und Freiheit die bürgerliche Gleichstellung der Juden durchgeführt. Nun ist die Stunde für die Großmächte gekommen, die im Berliner Vertrage übernommenen Verpflichtungen durchzusetzen. Die müden, gedemütigten rumänischen Juden dürfen die Hoffnung nicht verlieren, daß vielleicht Rumänien, dem Zuge der Zivilisation folgend, zur Emanzipation seiner Juden schreitet. Zu dem Artikel Luzzattis äußert sich auch Dr. Paul N a t h a n, der Präsident des „Hilfsvereins" in einer Zuschrift an das „Berliner Tageblatt", dessen Schluß hier wiedergegeben sei. Es scheint mir, daß die öffentliche Meinung der zivilisierten Welt die Anregungen Luigi Luzzattis so laut ihrerseits verkünden sollte, um auch den schwerhörigsten Diplomaten ein Ueberhören solch eines berechtigten Verlangens unmöglich zu machen. Die bulgarischen Juden haben sich bereits an ihren Kultusminister und an ihren Minister der auswärtigen Angelegenheiten mit einer Eingabe gewandt, in der auf die Behandlung der rumänischen Juden hingewiesen wird, und in der es dann heißt: „Unter diesen Umständen wäre der Uebergang unserer Glaubensgenossen in dem in Frage kommenden Gebiete (wo es alte israelitische Gemeinden und erhebliche Gruppen ackerbautreibender Juden gibt) von der bulgarischen zur rumänischen Herrschaft gleichbedeutend mit dem Eintauschen bürgerlicher Freiheit und Gleichheit gegen völligen Ausschluß von der staatsbürgerlichen Rechtsgleichheit, verknüpft mit moralischer Erniedrigung". Daß die Juden Bulgariens gegen eine solche Möglichkeit protestieren, wie die nichtjlldischen Bulgaren von ihrem Standpunkt aus es gleichfalls tun, ist begreiflich genug. Träte jene Entwicklung ein, die Luzzatti herbeiwünscht — nämlich die Durchführung der Rechtsgleichheit in Rumänien gemäß dem Berliner Vertrage —, so wäre das ein Glück für die Emanzipierten und für Rumänien selbst, das in seinem eigensten Interesse danach trachten sollte, diese offene Wunde auszuheilen. In jedem Falle aber liegt der europäischen Diplomatie die Pflicht ob, die Rechte jener Bulgaren, und natürlich auch jener bulgarischen Juden sicherzustellen, die im Interesse der Bedürfnisse europäischer Politik aus den gesicherten Verhältnissen bulgarischen Staatslebens in die recht unerfreulichen und für Juden unerträglichen Zustände Rumäniens hinübergeführt werden sollen. Dieses neue Opfer, das der orientalische Krieg im Gefolge haben soll, kann die Presse, die Parlamente, die europäische Diplomatie wenigstens verhindern: und sie sollte es verhindern. Helfen Sie, verehrter Freund, dazu. In größter Achtung Z. Z. S t. M o r i tz. P a u l N a t h a n. Palästina. In der jüdischen Kolonie „Pesach-Tikwa" starb am 12. Adar der rühmlichst bekannte Rabbiner Dr. Grünhut, Leiter des jüdischen Waisenhauses in Jerusalem. Seit einiger Zeit kränklich, hatte er sich zur Erholung nach Pesach-Tikwa begeben. Unerwartet schnell ist er entschlafen. Ein gründlicher Kenner des Talmuds, hat er in der Verbreitung jüdischen Wissens und der Festigung jüdischen Pflichtlebens ein Leben voll unermüdlicher Arbeit verbracht. Er hat mehrere gelehrte Arbeiten verfaßt, wie die Reisen des Rabbiner Benjamin von Tudela, seine geographischen Werke über Palästina und hat eine unvollendete Responzensammlung njN*n hinterlassen. — Er war zuerst Rabbiner in Timischowa in Ungarn. Da seine Gemeinde der Reform zuneigte und schließlich eine Orgel beim Gottesdienst einführte, gab er seine Stelle auf und kam nach Berlin. Dort erkannten die führenden Kreise bald seine Fähigkeiten und übertrugen ihn, die Leitung des Waisenhauses in Jerusalem. Den Waisen war er ein Vater. Sein unaufhörliches Bemühen galt der Aufgabe, für seine Waisenkinder auch ein der jüdischen Ueberlieferung entsprechender Unterricht zu beschaffen. Aber alle seine Anstrengungen schlugen fehl, bis es ihm endlich gelang, das Waisenhaus in Pesach Tikwa anzusiedeln. Dort hoffte er endlich ein bißchen Ruhe nach langen, schweren Kämpfen zu finden. Diese Ruhe war ihm nicht lange vergönnt. Vor der Zeit war er infolge der aufreibenden Tätigkeit ein gebrochener Greis geworden. Er wollte sich von seinem schweren Amte zurückziehen und ganz dem geliebten Studium der Thora leben. Da machte der Tod allen Plänen ein Ende und stürzte den großen Kreis seiner Freunde in Palästina und in der weiten Welt in Trauer um den verehrten Heimgegangenen. -^- Hilfe für die infolge des Krieges in den Pallranliindern notleidenden Inden. Weitere Spenden sind eingegangen: Frau S. in L. 10 M. — Albert Wildenstein, Colmar 12 M. Fnr den armen Talmndgelehrten gingen ferner ein: Kantor Levi-Illingen 8 M. — B. Gallinger-Wittelshofen 5 M jjg Wochenkalender. 1 1913 5673 Sabbat 15. März 6. Adar lI npocn Sonntag 16. „ 7. „ Montag 17. „ 8. „ Dienstag 18. „ 9. „ Mittwoch 19. „ 10. „ Donnerst. 20. .. 11. „ -inDK rroyn Freitag 21. „ 12. „

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.