Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 11 (14.3.1913)
- Date
- 1913-03-14
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9052070-9096771-9052268--0207-9052274- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
6 Das jüdische Matt. Nr II. Es fiel angenehm auf, daß auch die Mitbürger der anderen Konfessionen so zahlreich sich einfanden und durch Einkäufe zum Gelingen des Festes beitrugen. Die Kinder, welche der Verein in seinem Hort täglich versammelt und die er aus seine Kosten in den Sommerferien auf dem Lande unterbringt, wurden nicht vergessen; sie durften an sämtlichen Vergnügungen teilnehmen unb wurden mit Süßigkeiten reichlich beschenkt. Der rührige Verein kann auf einen großartigen Erfolg zurückblicken. Saarburg. Um die hiesige Kantorstelle haben sich zahlreiche Kandidaten beworben. Nach einer - Gesangesprobe sämtlicher Bewerber sind zur engeren Wahl zugelassen die Herren: Wolff-Saarunion, Weill-Winzenheim, Jakob-St. Ludwig und Becker-Weißenburg. Kayerrr. Ansbach. Herr Dr. Julius Weinschenk, geboren in Windsbach, bisher 3. Staatsanwalt in Hof, wurde in gleicher Eigenschaft an das Kgl. 'Landgericht Ansbach berufen. Aus einer bayrischen Garnisonstadt. Gewiß sind die Bestrebungen der Verbände nach vollem Ausbau der Gleichberechtigung am Platze, auch für die Seite der Sache, daß die jüdischen Einjährig - Freiwilligen Reserveoffizier werden können. Allein man verliert wirkliche Lust, die auf das letztere Ziel hinstrebenden Veranstaltungen mitzumachen, wenn man folgendes erfährt. In einer Garnison wurde auf Mitteilung des Rabbiners mitgeteilt, wann die synagogale Feier des Geburtstages des Prinzregenten stattfindet. Bei dieser Verkündigung tritt ein Einjähriger vor und sagt: Ich gehe mit in die Kirche. Nun, wir glauben nicht, daß mit solchen Mitteln die Sympathie der ernsten Vorgesetzten errungen wird. Aber für solche Herren sollte man sich nicht engagieren. J'accuse! Nürnberg. Der „Verein für die liberalen Interessen des Judentums" hat zu seinem Vortrag am vergangenen Donnerstag alle Mitglieder der Nürnberger Kultusgemeinde geladen. Wie sich nachträglich herausstellte, erhielten diese einige Tage vorher — natürlich mit Ausschluß der orthodoxen — ein niedliches Billet-doux, das die Bestrebungen der Orthodoxie in gänzlich falschem Lichte darstellte. Die Orthodoxen kamen in dem guten Glauben an eine sachlich friedliche Auseinandersetzung, aber schon der Empfang war ein in gebildeten Kreisen nicht üblicher: Die vorderen Stuhlreihen, mehr als ein Drittel des Saales, waren durch gedruckte Zettel für die Mitglieder des liberalen Vereins belegt, die Gäste mußten sich mit dem, was übrig blieb, begnügen. Leise wagte inan wieder, an eine Wahrung der äußeren Formen zu glauben, als der Leiter der Versammlung, Herr Direktor G o m b r i ch , in seinen einleitenden Worten bat, ruhig und würdig zu verhandeln, ebenso wie er sich bemühen werde, gerecht gegen beide Parteien zu sein und jeden zu Worte kommen zu lassen. Der Referent des Abends, Herr Rechtsanwalt Dr. Erlanger, nahm dann das Wort zu seinem Vortrag. Ein geschichtlicher Vortrag war das nicht, denn den breitesten Raum nahmen Schmähungen und Verdächtigungen der Orthodoxie ein. Noch schlimmer wurde mit den religionsgesetzlichen Vorschriften z. B. Ehescheidung und Chaliza verfahren, über die Spott und Hohn gegossen wurde, so daß das liberale Publikum in dröhnendes Gelächter ausbrach. Die Orthodoxen wurden mit dem liebevollen Ausdruck „Hyänen" bedacht, die Erklärung der orthodoxen Rabbiner als „Dreistigkeit" gebrandmarkt. Eine unerhörte Taktlosigkeit bedeutete die Bemerkung des Referenten, daß die Unterstützungsgeldsr der Kultusgemeinde Nürnberg beinahe ausschließlich aus den Taschen der Liberalen fließen zugunsten orthodoxer Bedürftiger. Die geschichtliche Darstellung des Verhältnisses der Kultusgemeinde zur Adas Israel war einseitig und voll Unrichtigkeiten. Insbesondere warf er Herrn Vereinsrabbiner Dr. Klein vor, daß mit seinem Amtsantritt der Unfrieden begonnen habe, indem sich die „Adas Israel" wegen der Religionsschule an das Ministerium gewandt habe. In der Diskussion widerlegte Herr Dr. G r ü n b a u m alle diese Jrrtümer, jedenfalls zeigte er mehr Sachkenntnis als der Referent, indem er die Unrichtigkeit der Daten, insbesondere in bezug auf die Religionsschule darstellte. Herr Vereinsrabbiner Dr. Klein sprach zu der religiösen Seite der Sache, dauernd unterbrochen vom Vorstandstisch und durch das Publikum, besonders als er sich gegen die ungerechten Vorwürfe und Unterstellungen verwahrte und gegen den Ton des Herrn Dr. Erlanger Stellung nahni. Von einem unparteiischen Vorsitz war da wenig zu merken. In ausführlicher Rede und durch kein Klingelzeichen des Vorsitzenden unterbrochen polemisierte Herr Justizrai Dr. Held gegen die Ausführungen des Herrn Grünbaum und des Herrn Vereinsrabbiners Dr. Klein. Er wiederholte die sachlich unrichtigen Darlegungen des Herrn Erlanger, warf Herrn Grünbaum vor, er habe statt Geschichte Legende erzählt. Die Berichtigung des Vereinsrabbiners Dr. Klein wegen der Religionsschule sei nicht zutreffend. — Sollte das von ihm selbst so gerühmte Gedächtnis den Herrn Iustizrat so im Stiche gelassen haben, daß er nicht einmal mehr an Hand seiner Akten gewußt hätte, daß die Religionsschulfrage längst materiell erledigt war, als Dr. Klein nach Nürnberg kam? Anläßlich einer Besprechung der Revisionssrage leistete er sich den Ausspruch, daß das Judenedikt von 13 für unsere Vorfahren, die eben „Schacherjuden" gewesen seien, ganz zu Recht gegeben worden sei. Angenehm berührte die sachliche Ruhe des Herrn Justizrat I o s e p h t h a l, der nachher zu Worte kam. In der Unruhe der vorgerückten Stunde sprach Herr Max Meyer, selbstverständlich wie alle orthodoxen Redner, dauernd unterbrochen, die Glocke des Vorsitzenden war machtlos. Redner wandte sich gegen die Behauptung, als hätte die Adas große finan-, zielle Vorteile von der Hauptgemeinde gewährt bekommen und vertrat die Rechte des Vereinsrabbiners. Dann eröffnete der Vorsitzende, Herr Direktor Gombrich, daß bei der späten Stunde, es war inzwischen 12 Uhr geworden, nur mehr Herr Rabbiner Freudenthal und Herr Dr. Erlanger sprechen könnten. Die rhetorisch glänzende Rede des Herrn Dr. Freudenthal brachte schon in ihren ersten Worten so viel Gehässigkeiten und Anrempelungen, daß es wohl am Platze ist, darauf näher einzugehen: Er müsse Herrn Dr. Klein, milde gesagt, „Weltfremdheit" zubilligen, wenn dieser ihm zumute, von der Kanzel herab für die Einhaltung der Sabbatgesetze zu sprechen. Das wäre von ihm, Dr. Freudenthal, Heuchelei und Unwahrheit, denn er wisse sehr wohl, daß das wirtschaftliche Leben es den meisten verbiete, am Samstag ihre Geschäfte zu schließen. Dann kam der Clou: Vor vier Wochen habe er im liberalen Verein in Posen gesprochen, vor wenigen Tagen habe dort in einer großen orthodoxen Versammlung unter anderen Herr Vereinsrabbiner Dr. Klein einen Vortrag gehalten. „Heute Abend nun", so fuhr Herr Dr. Frankenthal fort, „als ich von zu Haufe weg in diese Versammlung ging, erhielt ich aus Posen folgende a n o - n y m e Karte in hebräischer Schrift": „„An den Missionar Dr. Freudenthal in Nürnberg."" Der Text, der Fluch eines Verrückten, wurde wörtlich verlesen!!!! Die Zurufe seiner Anhänger zeigten, wie richtig Herrn Dr. Freudenthals Spekulation war, als er an die Instinkte der Menge appellierte. Die Gutgesinnten, auch unter den Liberalen, erhoben Protest gegen dieses Vorgehen. Der Vorsitzende versagte völlig. Was halfen bei solchen Gehässigkeiten alle pathetischen Schlußwendungen der liberalen Redner, die zum Frieden aufforderten! Der Verlauf des Abends hat wahrlich nicht dazu beigetragen, die tiefe Kluft, die zwischen beiden Richtungen gähnt, zu Überdrücken. „Im verite est (Mi marche, rien ne l’nrretera!" S. Wir werden um Abdruck folgender Erklärung ersucht: Gegenüber der von 13 orthodoxen bayrischen Rabbinern am 26. Januar d. Js in Würzburg veröffentlichten und dem Königl.