Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Blatt · 1913-03-14 · 11 (14.3.1913) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
11 (14.3.1913)
Date
1913-03-14
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9052070-9096771-9052268--0205-9052272
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

4 Das jüdische Statt. Nr. 11. Die Schaffung einer Zentralbehörde lasse sich ohne eine gleichzeitige Reform der ganzen Kultusverfassung nicht wohl ermöglichen. Die Regierung trage jedoch Bedenken, die Initiative zu einer solchen Reform zu ergreifen; sie glaube vielmehr, vorerst eine abwartende Haltung einnehmen zu sollen, weil die Israeliten, insbesondere die Bezirkskonsistorien, über die der neuen Verfassung zu gebenden Grundlagen noch nicht einig seien. Falls eine Klärung der Ansichten eintrete, und die Konsistorien mit bestimmten Vorschlägen an die Regierung heranträten, sei sie bereit, das Reformwerk in Angriff zu nehmen. Straßburg. Am Samstag morgen verstarb in Paris der ehemalige Marineminister Alfred Picard. Er war hier in Straßburg im Jahre 1844 geboren und besonders bekannt als Generalkommissar der Pariser Weltausstellung von 1889 und 1900. Als „Ingenieur des Ponts et Chaussües widmete er sich wenig der Politik und trat als reiner Geschäftsminister ins Kabinett Clemenceau ein, nachdem der Marineminister Thompson von der Kammer gestürzt wurde. Er demissionierte mit dem Ministerium Clemenceau und war zuletzt Vizepräsident des Staatsrats. Picard gehörte der „Acadamie des Sciences" an und war Vorsitzender des Eisenbahnrates. Das Ministerium beschloß, Picards Begräbnis auf Staatskosten zu übernehmen. Straßburg. Das Altersversorgungshaus Hospize E l i z a versendet dieses Jahr zum ersten Mal einen Jahresbericht pro 1911 und 1912. Durch Vergrößerung und zeitgemäßen Umbau sowie durch die allgemeine Teuerung sind die Bedürfnisse dieser gemeinnützigen Anstalt gewachsen, sodaß sie sich an die Mithilfe weiter Kreise wendet. Straßburg. Vergangenen Mittwoch abend sprach Herr Dr. C a l e b im Jugendbund über „Die sepharedischen Juden und der Balkankrie g". Für seine zweistündigen fesselnden Ausführungen erntete Herr Dr. Caleb reichen Beifall. Skraßburg. In der Israelitischen Gewerbeschule fand unter Beisein der Mitglieder des Verwaltungsrates am Sonntag, den 9. März, die diesjährige Aufnahmeprüfung statt. 18 Knaben nahmen daran teil; 2 weitere konnten Umstände halber an dem betreffenden Tage nicht erscheinen, so daß die Anstalt nach Pesach voraussichtlich nicht weniger als zwanzig Jungens zum „Neueintritt" ihre gastlichen Pforten öffnen wird. Als Kinder werden die Neuaufgenommenen eintreten, als Jünglinge, ausgerüstet mit dem nötigen Wissen und Können, den Kampf ums tägliche Brot aufzunehmen, sollen sie nach etlichen Jahren das „Heim" in der Julianstraße wieder verlassen. Möchten sie doch alle den neuen Lebensabschnitt mit dem festen Willen beginnen, ihre ganzen Kräfte einzusetzen, das was ihnen in Schule und Werkstätte geboten werden wird, sich zu Nutze zu machen: sich selbst und dem Judentum zur Ehre! Vollweiler. Vorige Woche fand hier eine Hochzeit statt, bei der es an tragikomischen Zufällen nicht fehlte. Alles war bereit, zur Feier in die Synagoge zu fahren, da sah man erst, daß der Rabbiner fehlte. Auf sofortige telephonische Anfrage in Dörnach, erhielt-man den Bescheid, daß der Rabbiner von einer bevorstehenden Hochzeitsfeier nichts gewußt habe und daher seelenruhig zu Verwandten nach Müttersholz gereist sei. Man schickte nun schnell nach Gebweiler und ließ den dortigen Rabbiner kommen. Als dieser sich eben anschicken wollte, die Traufeier beginnen zu lassen, da traf eine Depesche ein mit der Meldung, der zuständige Rabbiner komme mit dem nächsten Zuge an um 4 Uhr 40 Min. Der herbeigeholte Geistliche zog nun wieder ab. Und um sich die Zeit nicht zu lang werden zu lassen, setzten sich die Hochzeitsgäste an die Tafel und ließen sich das Festessen vor der Feier schmecken. Nach Beschluß desselben fand dann die Trauung wirklich statt. Schuld an dieser Tragödie soll der Wirt sein, der die Hochzeit übernommen und den Rabbiner nicht benachrichtigt hat, oder die Post, die den betreffenden Brief nicht abgeliefert hat. Hauptschuld ist jedenfalls der Bräutigam, dessen Pflicht es gewesen wäre, sich mit dem Rabbiner bezüglich der Hochzeit persönlich ins Benehmen zu setzen. Colmar. Am Sonntag, den 16. März, 8'A Uhr abends, findet im Kaufhaussaal in Colmar eine Versammlung statt, in der Herr Prof. Dr. Dreyfuß aus Straßburg und Herr Dr. Elias aus Mülhausen über den Zionismus referieren werden. Unsere Colmarer Glaubensgenossen werden durch diese Referate die bei ihnen noch seltene Gelegenheit erhalten, Authentisches über den Zionismus zu hören. Da eine Diskussion sich an die Referate anschließen wird, an der Freunde und Gegner des Zionismus sich beteiligen können, werden sie die Möglichkeit haben, sich eine eigene Meinung über die Berechtigung und die Aussichten der jüdischen Nationalbewegung zu bilden. Colmar. Am 20. März findet in der hiesigen Synagoge der Wettbewerb für die durch den Tod des Herrn Laon Metzger freigewordene Oberkantorenstelle statt. Es haben sich zu diesem Wettbewerb zirka 10 Kandidaten gemeldet. Dieuze. Ein schier unübersehbarer Zug folgte vorige Woche hinter der Bahre von Herrn M. K a u f m a n n. Er stand in ganz besonderem Ansehen bei der christlichen Bevölkerung. So bemerkte man u. a. den Herrn Bürgermeister und einige Stadträte. K. hatte mehrere Feldzüge mitgemacht, auch den deutsch-französischen Krieg, und erhielt vor einiger Zeit das allgemeine Ehrenabzeichen. Seine christlichen Kameraden trugen es ihm nach bis ans Grab. Dem Verstorbenen war das irdische Glück nicht hold, geradezu tragisch waren seine letzten Wochen infolge einer schweren Krankheit. Mit bewundernswerter Standhaftigkeit ertrug der tapfere Krieger fein Leiden. Nun ist er für immer erlöst. Hagenau. Der Verwaltungsrat des israelitischen Knabenwaisenhauses (Stiftung A. M. Rehns) widmete seine letzte Sitzung einem Rückblick auf das verflossene Jahr. Mit Freuden konnte er dabei feststellen, daß sich die Anstalt in einem Stadium ruhiger Entwickelung befindet. Die Zöglinge sind alle wohlauf und munter und fühlen sich glücklich in ihrem Heim. Ihre Zahl beträgt zurzeit 22. Zwei von ihnen sind im Vorjahr entlassen worden; sie haben beide in der israelitischen Gewerbeschule zu Straßburg Aufnahme gefunden. Eine gleiche Anzahl ist neu ausgenommen worden. Die geistige Entwickelung der Kinder macht im allgemeinen ihrem Alter entsprechende Fortschritte. Ein geistesschwacher Knabe konnte dank dem Entgegenkommen des Deutschen JsraelitischenGemeindebundes in der „Israelitischen Erziehungsanstalt für geistig zurückgebliebene Kinder in Beelitz bei Berlin" untergebracht werden. Die finanzielle Lage der Anstalt ist eine befriedigende. Gerne gedenkt man unserer armen Waisen im ganzen Lande bei jeder Gelegenheit und ermöglicht die Erfüllung der dem Verwaltungsrat gestellten Aufgabe durch vielfache Zuwendungen, die jederzeit mit Dank angenommen werden. Mit Zuversicht erwartet er sich darum auch von der am kommenden Purimfeste wieder zu ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.