Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 11 (14.3.1913)
- Date
- 1913-03-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Das jüdische Matt. Nr. 11. Ende. Dahin gehört auch eine Stelle in Sifre: Mose wußte nicht, wann Gott mit ihm sprechen werde, bis in dem Augenblick des Sprechens, Bileain aber wußte es. Diesen Bemerkungen ist das eine gemeinsaiu, daß sie Mose und Bileam miteinander vergleichen, aber den gewaltigen Unterschied zwischen beiden hervorheben. Der Kesav-Sofer vereinigt diese Bemerkungen in folgender Erklärung: Die Propheten bedurften bekanntlich großer Vorbereitungen, um fähig zu werden, die göttlichen Aufträge zu empfangen. Auf sie paßt der Ausdruck: mit Olef „rufen", da sie Gottes Ruf erwarteten. Nur Mose brauchte diese Vorbereitungen nicht. Darum wollte er “ipi'i ohne Olef schreiben. Doch dieses Wort deutet das Zufällige und Unreine an, weshalb es bei Bileam als treffend gebraucht wird, der gleichfalls keine Vorbereitung nötig hatte. So mußte denn Mose auf Gottes Befehl ein kleines Olef anfügen, so daß es weder “)pv] noch und doch auch beides zugleich ist. Mose, der größte Nowi, vereinigt eben in sich alle Vorzüge der übrigen Propheten und ist von ihren Unvollkommenheiten frei. Wie genau doch unser Text mit seinem kleinen Olef ist! H. Dreyfu ß, Mörchingen. -^—-- Hegen die „Hlichllinien". Posen. Die „Neuesten Nachrichten" bringen untenstehenden Bericht über eine Versamnllung gegen die Richtlinien. Wir freuen uns, hinzufügen zu können, daß die Versammlung der orthodoxen Sache einen außerordentlich großen Dienst geleistet hat. Zu der von jüdisch-orthodoxer Seite Sonntag nachmittag nach den „Reichshallen" einberufenen öffentlichen Versammlung waren so viele hiesige und auswärtige Besucher erschienen, daß der geräumige Saal nicht alle fassen konnte. Als Gäste waren eine größere Anzahl auswärtiger Rabbiner anwesend. Der Versammlungsleiter, prakt. Arzt, Dr. C a l - vary, bedauerte in seiner Begrüßungsansprache die Abwesenheit des durch Krankheit am Erscheinen behinderten greisen Oberrabiners Dr. Feilchenfeld, dem in einem Telegramm das Gelöbnis unwandelbarer Treue zur Fahne des überlieferten Judentums übermittelt wurde. Sodann führte der Vorsitzende aus: Wir stehen auf dem Standpunkte Friedrichs des Großen. „Jeder kann nach seiner Fasson selig werden". Dieses Prinzip ist aber in dem Moment durchbrochen worden, 1. als der Verein der liberalen Juden „Richtlinien" herausbrachte, die etwas für „Judentum" erklärte, was mit dem überlieferten Judentum nicht vereinbar ist, 2. als der Verein liberaler Juden dieses „Machwerk" in die Häuser schickte und dafür in Versammlungen Propaganda, machte, und 3. als er durch Beschlüsse von Gemeindekörperschaften dieses von Menschen entworfene unjüdische Gebilde der überlieferten göttlichen Religion als gleichwertig an die Seite stellen wollte. Diese Eingriffe in das religiöse Bewußtsein hat alle gesetzestreuen Parteien geeinigt zu einem Kampfe, in dem zwei Weltanschauungen sich gegenüberstehen: hier die uralte jüdische Weltanschauung, dort die moderne Anschauung, das Kind des ewigwechselnden Zeitgeistes. In dem Streben, der Wahrheit und dem Judentum zum Siege zu verhelfen, soll jedes scharfe Wort vermieden, jede Bitterkeit ausgeschaltet werden. Als erster Referent zu der Tagesordnung „Richtlinien und Judentum" ergreift Rabbiner Dr. St I c i n-Nürnberg das Wort, um den Inhalt, die Wirkungen und die innere Beschaffenheit der Richtlinien zu beleuchten. Er führte aus: Der Inhalt steht außerhalb des Judentums, denn die Richtlinien unterbrechen die Kontinuität mit dein Judentum. Der Gottesglaube des Liberalismus lehrt nicht, daß Gott allmächtig ist, hält ihn vielmehr durch die Naturgesetze eingeschränkt, lehrt ferner nicht das direkte Eingreifen Gottes in das Schicksal des einzelnen nach dessen Verdienst und erwähnt endlich nicht die biblische Glaubenswahrheit von Lohn und Strafe; eine solche religiöse Auffassung macht die Gebete in Leid und Not im Sinne der gebräuchlichen Gebetsordnung unmöglich. Man kann sich die Lehre von Gott nach dem Liberalismus schwer, anders als Pantheismus oder als bloße Idee — wie sie in der Tat schon dargestellt ist — vorstellen. Da die Offenbarung nach liberaler Auffassung eine Offenbarung des menschlichen Genies ist, so ist die Thora grundsätzlich nicht mehr als z. B. Tolstois Werke, und ihr Inhalt muß dann als wandelbar angesehen werden: mithin bietet der Liberalismus nicht einmal für die Ethik eine Grundlage. Nach der Überlieferung ist die Religion Gesetzesreligion, die gleichermaßen Ethisches und Ritualgesetz als Verwirklichung des Heiligkeitsideals umfaßt, nach dem Liberalismus lediglich ethische Religion. Die Lehre von Gott ist darin bestimmt durch unberechtigte naturwissenschaftliche Hypothesen: die religiöse Ansicht entspricht prinzipiell der Tochterreligion. Die Wirkungen des Liberalismus müssen verderbliche sein, denn es würde ja den Namen Jude überflüssig machen, wenn das Judentum nichts anderes ist, als der liberale Protestantismus. Auch zum Schisma muß es mit Naturnotwendigkeit kommen, wenn die Ehegesetze nach liberaler Auffassung von den Gemeinden akzeptiert würden. In sich sind die Richtlinien prinzipienlos aus — Prinzip. Wenn nämlich das von dem augenblicklichen Geschlecht noch Erhaltene als Religion angesehen wird, dann sind Richtlinien immer nur eine hinter den Tatsachen hinterdreinhinkende Kodifikation des Abfalls. Auch die These von der Erneuerung des prophetischen Judentums ist unrichtig, da das prophetische Judentum ein Eingreifen Gottes in die Geschicke des Menschen kennt. Der Liberalismus hat nicht das Recht, diejenigen für sich in Anspruch zu nehmen, welche das Gesetz aus Schwäche verletzen; diese wollen das Gesetz nicht prinzipiell preisgeven und lassen darum die Hoffnung auf Besserung berechtigt erscheinen. Die Zeit der Richtlinien wird niemals kommen. Als zweiter Referent führte Oberlehrer Dr. C a r l e b a ch- Berlin über „die Gründe der Reformen und ihre Bewertung" wie folgt aus: Die große Geringachtung, die man den Juden bei ihrem Eintritte in die Kultur infolge ihrer äußeren Vernachlässigung entgegenbrachte, raubte vielen den Stolz auf die große Vergangenheit der jüdischen Religion und lieh sie glauben, durch Aufgabe ihres Wesens sich die Achtung der Andersgläubigen zu erwerben. Aber mit Recht hat das Assimilantentum, diese Untreue gegen sich selbst, den entgegengesetzten Einfluß geübt. Der zweite Grund für den Abfall lag in der allgemeinen Freigeisterei; diese führt zur Ablehnung jeder Autorität, zur Selbstauslösung, zum absoluten Subjektivismus. Die sittliche Macht der Religion kann aber nur wirken, wenn sie absolute Autorität besitzt, daß nicht in der Stunde der Leidenschaft die individuelle Vernunft über alle Schranken hinwegklügelt. Der dritte Grund zur Reform war das strenge Zeremonialgesetz; aber gerade dieses ermöglichte es den Juden, trotz seiner Trennung vom eigenen Boden als treuer Diener des Staates Anhänger der ältesten Religion zu