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Das jüdische Blatt · 1913-03-07 · 10 (7.3.1913) · p. Seite 10

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
10 (7.3.1913)
Date
1913-03-07
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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10 Das jüdische Matt. Nr. 10. fam, nicht an die Türe geklopft, sondern direkt ins Haus gestürzt wird, so hätte ich vielleicht bis nach Kiddusch hinter der Türe postieren können. Auf mein wiederholtes Klopfen vernahm ich jedenfalls nur ein und dieselbe Frage aus dem Innern in verschiedenen Stimmlagen: Wer is dos? Wer is dos? (jüdisch Wer ist's?). Und da ich keine Lust empfand, mich hinter der Türe vorzustellen, so stürzte ich nach slawischer Sitte ins Zimmer hinein, wo mich ein langbärtiger patriarchalisches Gesicht freundlichste empfing. Eine wahre Prophetengestalt, die mit dem blutigen Schächtmesser in der Rechten und ein schreiendes Huhn in der Linken nicht zusammen zu reimen war. Weniger freundlich dagegen wurde meine Nase begrüßt; aus dem Innern kamen manche Gerüche, die mich bald an einen Hühnerstall, bald an alten Limburger Käse, bald an — abwechselnd erinnerten. Ich fand also das alte Sprichwort, daß Eigenlob keine Wohlgerüche verbreite, hier bestätigt. Wir wurden bald über die Preise für Kost und Logis bis über Schabbos einig, und nachdem ich meinem Magen genügende Quantitäten Koscheres zugeführt hatte, begab, ich mich, nach dem mir angewiesenen Zimmer. Ueberladen mit Macholim (Speisen), die man in der ganzen Welt außer bei Reb Mottele schwerlich bekommen könnte, und überfüllt mit seinen, meinen jüdischen Gefühlen schmeichelnden Eindrücken, verfiel ich sogleich in einen tiefen Schlaf, und Klister i\iorpliens begann mir bald seine Streiche zu spielen. Unter den zahlreichen Serien komischer Bilder und heiliger Szenen, die er mir vorführte, war eins, das ich Dir hier wiedergeben muß: Ich fuhr, träumte ich, in einem zweirädrigen Fiaker, dessen Räder aus zwei riesengroßen Mazzos geformt waren, der eingespannte Schimmel hatte eine Arba-Kanfos an, und der Rosselenker, im schneeweißen Rosch-Haschono-Kostüm, führte die Zügel, sicherlich aus Rezuos (die Riemen an den Tefilin), in seiner linken Hand und in der rechten hielt er ein langes Lulow, an dessen Ende ein Riesenzitzis befestigt war, was ihm als Peitsche diente, mit der er summend und knallend die Luft durchstrich und in der Ferne ein Echo, der die reinsten Schosertöne wiedergab, hervorries. Ein plötzliches Hereinstürzen in mein Zimmer weckte mich aus dem Schlaf, und in der Türe erblickte ich meine Wirtin, in den Händen zwei große Schabbos-Kerzen in Messingleuchtern, welche sie auf meinen Tisch setzte und mich mit einem freundlichen „Gut-Schabbos" begrüßte. „Mrs.!" (spr. Misses) sprach ich sie an, „schicken Sie gefl. bald nach Tisch Ihren Schabbos-Goi oder Goie, um die Lichter anszumachen, da ich sehr müde bin und bald nach dem Nachtessen zu Bett gehen möchte". ll-ri^ht!" erwiderte sie im jüdischen Englisch und verschwand. Die Unterhaltung am Tisch beim Nachtessen war eine herrliche; sehr viel Thora wurde gesprochen und alle Semiraus. (Schabbos-Gesänge) wurden vorgetragen. Ich zählte am Tisch 10 Kinder, von denen der älteste Sohn, ein vieruudzwanzigjähriger junger Mann, mir als angehender Rabbi uorgestellt war, der die Absicht habe, nächstes Jahr in dem Schechterschen Rabbinerseminar in Cincinnati sich aufnehmen zu lassen und der bereits galizische und ungarische Jeschiwos besucht habe. Letzteres bestätigte mir sein talmudisches Wissen. Bald nach Tisch entschuldigte ich mich und mit gehobenen Gefühlen begab ich mich in mein Zimmer. Kurz darauf aber folgte mir der älteste Sohn des Hauses, der angehende Rabbi, und begann ohne weitere Zeremonien mit vollen Backen in meine Schabbos-Lichter zu hauchen. „Halt!" schrie ich ihn in ängstlicher Ueberraschung an, „Sind Sie der Schabbos-Goi, den mir Ihre Frau Mutter zu schicken versprach?" „Wall" (wohl), antwortete der Rabbiner-Kandidat, „hier in Amerika hat jede Familie ihre eigenen Schabbos-Gorm." „Wie?" fragte ich erstaunt, „auch der berühmte Schochet und Mohel und Mesader-Kiduschin, Reb Mottele aus Galizien, hätte eigene Schabvos-Goim?! — Und Sie! Sie wollen Rabbi werden?!" „Wall", erwiderte er etwas großmütig, „kein gewöhnlicher Rabbi, ein studierter Rabbi, ein amerikanischer Reform- Rabbi." — Ich hatte das Gefühl, als wäre ich Plötzlich mit heftiger Wucht aus den lichten Himmeln geschleudert, und als ich zu mir kam, befand ich mich verlassen allein in meinem finstern Zimmer. Ich erinnere mich, daß ich in meiner Verwirrung eine längere Zeit nachher stammelte: „Wall, kein gewöhnlicher Rabbi, ein studierter Rabbi, ein amerikanischer Resorm-Rabbr." Freund, wenn ich mich an dieses erste Erlebnis erinnere, so erbebt mein Körper und die Feder fällt mir aus der Hand. Daher genug für heute, das nächste Mal Interessanteres. Lebe wohl, Freund! Du bist glücklich zu preisen, daß Dir so viele nervenerschütternde Erlebnisse erspart sind. Dein ewig treuer Freund '• (). < i——v—1. Da das zu seinem Ende neigende Feuilleton „Haß und Liebe", von Caroline Deutsch, in unserem ganzen Leserkreise mit so großem Interesse gelesen wurde, haben wir uns bemüht, noch andere Erzählungen spannenden Inhalts von der geschaßten Verfasserin 511 erwerben. Nach Vollendung von „Haß und Liebe" werden wir zunächst die prächtige Novelle „Eine Wette", von Caroline Deutsch, veröffentlichen. (Frau Caroline Deutsch ist Tochter eines Rabbiners und Rabbinerwitwe.) Kaß und Ließe. Line Erzählung aus der Zeit der ungarischen Freiheitsbewegung. Von Caroline Deutsch. (Fortsetzung.) Die Bauert: schlenderten mit den Honveds im Dorfe umher, die Mädchen liebäugelten mit ihnen, die Hausfrauen kochten und backten. Es waren doch Ungarn, treue Söhne des Vaterlands, uitd Jgmant, das von alten Zeiten her schon patriotisch gesinnt war, wußte sich gar nicht vor Jubel zu fassen, diese todesmutigen Soldaten in seiner Mitte zu haben. Lazarus ließ den Wein urid das Bier fliehen, jeder kvltnte trinken, soviel er selbst wollte. Der Offizier hatte auf Verwendung des Doktors die falsche Aussage an Samuel nicht gehandet. Eine Person fehlte in dieser allgemeinen Freude, wurde aber auch nicht vermißt; das war Feitel. Er war wie verschwur,den. Der Doktor und seine Mutter

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