Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Blatt · 1913-03-07 · 10 (7.3.1913) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
10 (7.3.1913)
Date
1913-03-07
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/9052070-9096771-9052251--0186-9052253
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

2 Das jüdische Klatt. rnit selbstgefälliger Breite geschildert. Kunstgerecht zusammengestellte Selbstbekenntnisse ans „Univers Jsraelite" und ,,Archives Jsraelites" werden als Beweise für den unter französischen Inden herrschenden Geist religiöser Verneinung angeführt. Als Zeuge wird ein Schriftsteller wie Bernard Lazare genannt und das Theaterstück „Israel" von Bernstein als Beleg dafür gebracht, das diese religiöse Leere wieder ausgefüllt wird von den: einzigen Drang nach irdischer Macht, nach Einfluß, Ehre und Ruhm. Denn, ruft er aus, wenn die Juden nicht mehr die Gläubigen einer positiven Religion sind, was find sie denn sonst noch, wenn nicht eine Rasse, die sich mit anderen Rassen, vorzugsweise mit der französischen, vermengen will. Seitdem sie nicht mehr den von den Propheten angekündigten Messias erwarten, glauben sie, das Erscheinen des Messias sei identisch mit dem Triumph ihrer irdischen Macht. Wäre dieser Vorwurf in seiner Allgemeinheit begründet, er müßte uns hart treffen. Wenn es je wahr würde, daß wir das Volk, das der Welt den Glauben an Gott geschenkt, uns von unseren religiösen Idealen abwenden, in den Wind werfen, was den Vätern heilig war, und anstatt die Heiligung des Lebens durch Religion anzustreben, unser Sinnen und Trachten allein auf die Eroberung von Macht und Reichtum lenken, wie es Leute wie Tavernier glauben machen wollen, nichts könnte für uns schmerzlicher sein, als die Notwendigkeit dieses Eingeständnisses. Aber selbst in Frankreich sind die Juden nicht. ausgestorben, die unter Opfern und Anstrengungen an den Ueberlieferungen der Väter festhalten und das Gesetz der Thora zum Gesetze ihres Lebens machen. Aber es gehört eben zur Politik solcher Leute wie Tavernier, Selbstbekenntnisse von Juden und jüdischen Zeitungen als Beweise für die sogenannte jüdische Gefahr auszunützen, die sie nicht schwarz genug malen können. Um nun diese, „jüdische Gefahr" recht eindringlich vor Augen zu führen, hat es Tavernier verstanden, an die Spitze seines Aufsatzes eine aus den französisch-jüdischen Zeitschriften zusammengearbeitete Liste jüdischer Vertreter in Armee und Verwaltung aufzustellen, die ein anschauliches Bild von dem übermächtigen „jüdischen Einfluß" bieten soll. Diese Liste bildet gewisserinaßen den Ausgangspunkt für die folgenden Angriffe. Von diesem Hintergrund aus soll sich dem Leser die Vorstellung von dem „Gespenst der jüdischen Gefahr" deutlich und eindrucksvoll einprägen. Wie weit diese Angaben auf Nichtigkeit beruhen, bleibt dahingestellt. Einigermaßen verdächtig ist schon die Angabe der Zahl der Juden in Frankreich einschließlich Algeriens auf 300 000. Die Judenliste Taverniers ist folgende: ■ A r m e e: Während der letzten 8 Jahre find 3 Juden zu Divisivns- und fünf zu Brigadegeneralen ernannt worden, 14 zu Obersten, 21 zu Oberstleutnants, 68 zu Majors, 107 zu Hauptleuten und Rittmeistern, 36 zu Militärärzten, 20 zu Jntendanturoffizieren. Flotte: Unter den eigentlichen Seeoffizieren sind die Juden zwar selten, allein es finden sich.manche in Werftstellungen und sonstigen Berwaltungsümtern der Marine, insbesondere in den Pulverfabriken. Nicht er stand: Auf den verschiedenen Stufen werden hier 110 gezählt. S t a a t s r a t: Auffällig ist bei dieser Körperschaft, die neben ihren Obliegenheiten als beratendes Organ der Zentralverwaltung die oberste Verwaltungsgerichtsbarkeit wahrnimmt, daß bei einem Bestand von 120 höheren Beamten nicht weniger als 20 Juden find. Präfekturen: Es läßt sich über die Zahl der jüdischen Präfekten und Unterpräfekten nichts Genaues feststellen, dagegen sind von den Oberbeamten nach den Angaben der jüdischen Blätter 25 ihres Glaubens. Ministerien: In den persönlichen Einfluß gewährenden Stetten in der näheren Umgebung der Mi- Nr. 10 uister, wie als Vorsteher der Privatkanzlei usw., werden 50 Jude, ermähnt. Unterricht: Unter den Professoren der Universität^ tind höheren Lehranstalten, deren Ernennung der Regierung zustek., befinden sich 202 Juden. Zwei Juden bekleiden die hohe Stellum eines Generalinspektors des öffentlichen Unterrichts, vier sind I, spektoren für die sämtlichen Elemeittarschulen je eines Depart ments. B e r g iv c r k s v e r w a l t u n g u n b Vermessungw e f e n: Unter den vom Staate ernannten Oberingenieuren befi:> den sich über 30 Juden. Auch in der Zentralverwaltung der Polize bekleiden Judeit wichtige Aeinter. Zehn Gelehrte, „ein Minjan befinden sich in dem „I n st i t u t", sechs Juden sitzen in der Kammer und vier im Senat, ebenfalls ein „Minjan". Während der letzten 60 Jahre sind 6 Juden M i n i st e r gewesen, nämlich Cremieux 1848 und 1870, Goudchaux 1848, unter dem zweiten Kaiserreich Achille Fvuld, die beiden letztgenannten als Finanzminister, unter der dritte:: Republik Millaud (öffentliche Arbeiten), Raynal, (öffentliche Arbeiten, später Inneres) und Klotz, der als Finanzminister dem gegenwärtigen Kabinett angehört. Es wird auch noch auf die ganz bedeutende Zahl der Juden in der Presse hingewiesen. Von mehr als 40 Tageszeitungen in Paris seien kaum 10, die keine jüdischen Verleger hätten. Dieses Bild, mit dem der antisemitische Neidling gruselig machen will, ist wohl glänzend. In Hellem Freilicht erscheinen daraus der Patriotismus der Juden und die Gerechtigkeit der Republik. Aber ein dicker Schatten fällt darauf, die scheinbar unaufhaltsame Auflösung des jüdischen Lebens, der Schatten der Assimilation. Wandlungen. vn. Es lebe das Zeitalter der Erklärungen! Durch die Würzburger Resolution ist eigentlich eine neue Situation nicht geschaffen worden. Der Richtlinienkampf, so glauben wir, ist damit an einem toten Punkt angelangt, Wir hören wenigstens nichts davon, daß die orthodoxen Revisionsfreunde sich über die Konsequenzen der Resolution in Beziehung auf ihre Revisionswünsche geäußert hätten. Nun gut, wir können warten. Wir glauben nicht, daß es schon so weit ist, daß die Orthodoxie gewillt wäre, ein neues Gesetz um jeden Preis zu begrüße::, wenn es nur lokalen und materiellen Wiinschen dient. Aber es wäre Zeit, daß sie einmal doch sagt, was ihr annehinbar und was ihr unannehmbar erscheint. Dasselbe erwnrten wir übrigens von der nichtorthodoxen Seite. Es ist uns immer zum Vorwurf gemacht worden (int stillen Kämmerlein, am meisten von denen, die trotz Orthodoxie das Phrasenwort von der Gleichberechtigung aller Richtungen am tönendsten verkünden), daß wir der Neologie da recht geben, wo das Recht auf ihrer Seite uns zu stehen scheint. Nun, wegen dieses unermüdlichen Versuches, objektiv zu sein, dürfen wir wohl auch einige Worte an die Gegenseite richten. Die Neologie faßt das Judentum anders auf wie wir, sie hat sich zun: Teil ein religiöses Gebilde geschaffen, das nach unserer Auffassung ein der jüdischen Religion heterogenes Gebilde ist, allein wir haben stets betont, daß es ihr auch um ihre Auffassung Ueberzeugungssache ist, Sache, in der man iricht handelt, nicht marktet und nicht feilscht. Und auch sie wird es nicht wollen, daß auf dem Wege der Gesetzgebung ein Kanrpf der Geister entschieden wird. Die Enkel würden dafür wenig dankbar sein. Aber die Neologie hat ja gesprochen, zum Teil wenigstens, in den Richtlinien zu ihrem Programm. Es wäre Sache der Orthodoxie, jetzt zu sprechen, nicht mit Erklärungen nur, die in Negationen der Richtlinien sich erschöpfen, sondern in der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.