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Das jüdische Blatt · 1913-02-28 · 9 (28.2.1913) · p. Seite 14

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
9 (28.2.1913)
Date
1913-02-28
Page
Seite 14 (sequence 14)
Language
German
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14 Das jüdische Statt. Nr. 9. willkommene Ergänzung seines Werkes. Vielleicht wird ein neuer aktueller Fall seinen Anschauungen auch in der Rechtsprechung zum Siege verhelfen. Brief aus Canada. Toronto-Ontario (Canada), den 6. Oktober 1912. Lieber Freund! Du batst mich, Dir von Zeit zu Zeit etwas über die jüdischen Verhältnisse dieses jungen Landes Canada, zu berichten. Herzlichft gern, Freund! — Ich habe Dir so viel Neues und Interessantes mitzuteilen, daß ich eigentlich über den Anfang, womit ich beginnen soll, etwas verlegen bin. Ich muß zu meinem Notizbuch greifen, worin alle meine Erlebnisse und interessanten Eindrücke chronologisch ausgezeichnet sind. Also Seite 1 und 2 meines Notizbuches sollen heute ihre Verwertung finden und den Anfang inachen. — An einem Freitag Mittag des Juli vorigen Jahres erreichte ich mein Endziel — Toronto. Mein aus Deutschland mitgebrachtes Englisch reichte kaum aus, um mit Mühe und Not von den postenstehenden Policemen (Schutzleute) das jüdische Ghetto, das bekanntlich in allen Großstädten Ameri- '' las anzutreffsn ist, zu erfragen. Dort im Ghetto hoffte ich ein echt koscheres Essen zu bekommen, wonach es meinem Magen, den ich während meiner vierzehntägigen Reise durch verschiedene Tricks zu beschummeln suchte, sehr heftig verlangte. Nach vielen Umwegen gelangte ich endlich an das heilige Viertel. Ja, ein heiliges Viertel! Dies war mein erster Gedanke, als ich von der belebtesten Stadtader direkt in das Ghetto einbog. Die feinsten Brisen aus dein Paradies, so glaubte ich, wehten mir entgegen; die Luft war mit den verschiedensten Wohlgerüchen der zubereiteten Schabbos-Speisen geschwängert, und der Duft der gewürzten polnischen Fische kitzelte besonders angenehm meine Nüstern. Mein schon ohnedies gesteigerter Appetit wurde bis aufs äußerste gereizt. Jeruscholaim, dachte ich mir, als ich noch die großen Plakate an den Wänden und die Riesenaufschriften über den Geschäften erblickte, die alle mit schönsten hebräischen Buchstaben geschrieben waren, in heiliger Schrift, die wir in Deutschland gemahnt sind nur in der Tesiloh und im Chuinesch zu sehen. Meine dainaligen Gefühle Dir in Worten wiederzugeben, inüßte ich mehr Eloquenz besitzen. Ich kann Dir nur soviel sagen, daß ich den einzigen Wunsch empfand, meine Arme möchten für eine Minute eine Ausdehnung von etlichen Kilometern erlangen und mir ermöglichen, diese heilige Gegend samt Bewohnern ans Herz zu drücken. Ich erinnere mich auch, daß ich damals geglaubt hatte, Freudentränen in den Augen zu fühlen, was mir aber schwer zu konstatieren war, da ich keinen Spiegel zur Hand hatte; ein Mitpassagier meiner Kajiite, ein Miinchener Architekt, hatte noch auf dem Schiff meinen Taschenspiegel auf Nimmerwiedersehen von mir geliehen. Was war das für ein Rappeln und Rühren in der ganzen weiten Straße entlang „lokowcd KHiiibbos!" (Dem Schabbos zu Ehren). Das erste jüdische Schild, das mir in die Augen fiel, lautete: „Hier wohnt der berühmte *-'nv** und und (Trauungsgeber), Reb Mottele aus Galizien." Hier begann mein Magen 31t reklamieren, und ich glaubte ihn deutlich zu vernehmen: „Halt, hier bei diesem berühmten Schochet bekommst du endlich was Koscheres für mich!" „Unsinn!" erwiderte ich, „nicht viel zu erwarten von einem solchen Prahlhans! Eigenlob! mein Lieber." Mein braver Magen sah ein, daß ich auch diesmal recht hatte und ließ sich beschwichtigen. Ich schritt ein Haus weiter. Ein größeres Schild mit fetten blauen und goldschattierten Buchstaben tauchte auf: „Hier wohnt der bekannte, praktische Schochet und Mohel und Mesader kiduschin, Reb Jokes aus Polen." „Nun?" begann wieder mein Magen mürrisch, „wie ist's mit dem bekannten, praktischen Schochet?" Ich beschloß also nicht mehr weiter zu gehen, ich befürchtete, daß mir später, nachdem ich vielleicht ein Dutzend solcher Schilder mit hochklingenden Attributen gelesen habe, die Wahl schwer fallen würde, während ich jetzt doch nur entweder den berühmten oder den bekannten praktischen Schochet zu wählen hätte. Mein Entschluß war für den berühmten Reb Mottele, schon aus diesem Grund, weil ich für diesen Namen mehr eingenommen war, als für einen „Jokef", und dies nicht ohne Ursache; ich hatte einst in meiner Jugendzeit einen Reb Jokes zu,n Talmudlehrer, mit dem ich recht böse Erfahrungen gemacht hatte. (Schluß folgt.) Kaß und Liebe. Eine Erzählung aus der Zeit der ungarischen Freiheitsbewegung. Bon Caroline Deutsch. (Fortsetzung.) „Das kann das Gesetz nicht verlangen. Ich bin kein Spion. Sie haben mich nicht im Lager ergriffen, wo ich einen Einblick in Ihre Stellung, Ihre Kriegsmacht, Ihre Stärke erlangen wollte, um es dann zu verraten. Ich war nur Lieferant und nicht aus freiem Willen, sondern aus Befehl der Komitatsbehörde, das kann mir die Obrigkeit des Dorfes bezeugen, kommt herein Richter und ihr Geschworenen und bestätigt das dem' Herrn Grafen." „Es ist so, wohlgeborener Herr Graf!" versetzte der Richter, ein kräftiger Bauer mit einem klugen Gesichte, der von den Geschworenen begleitet ins Zimmer trat. „Vor zwei Monaten hatte Lazarus den strengen Befehl bekommen, Brot und Lebensmittel zu liefern, und er konnte sich dem nicht widersetzen, wenn er sich nicht der größten Gefahr aussetzen wollte. Er beriet sich mit der Obrigkeit und diese konnte ihm nichts raten, als zu gehorchen." „Das wird das Kriegsgericht entscheiden", erwiderte der Gutsherr, „ich kann nicht eigenmächtig handeln. Wenn er frei wird, foll's mich freuen, das ist das Einzige, was ich tun kann." „Tretet mit den Uebrigen noch ein wenig ab, Richter", bat Lazarus, „ich Hab mit dem Herrn Grafen noch zu reden." Als sie allein waren, sagte Lazarus; „daß Sie mich hassen, Herr Graf, das fühlte ich oft;'doch warum? das weiß ich nicht. Sie hielten mich für einen Betrüger und Schuft, daß ich es nicht bin, Hab ich Ihnen, Exzellenz, in dieser Stunde gezeigt; ja, ich kann sagen, ich bin ein ehrlicher Mann, der sich nie mit einem veruntreuten oder erpreßten Kreuzer befleckt hat, der nur Befriedigung in Milderung fremder Not und fremden Elends fand. Ich kann sagen, ich habe viele, viele Tränen getrocknet. Herr Graf trocknen Sie auch

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