Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 9 (28.2.1913)
- Date
- 1913-02-28
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. <). 15 Das jüdische Klalt. jetzt welche. Daheim warten i» Angst und Schmerz Weib nnd Tochter auf mich, geben Sie inich frei!" „Das kann ich nicht", erwiderte Graf Friedrich nach einer Pause, er war in Erregung im Zimmer auf und abgegangen. „Herr Graf, mein halbes Vermögen für meine Freiheit," rief Lazarus, all seinen Mut zusammenfassend. Die Augen des Grafen flammten auf, „Sie find ein Jude", sagte er, „und kamen im Bewußtsein der Gerechtigkeit und Pflicht hierher, und mir einem Edelmann wollen Sie zumuten, sich bestechen zu lassen und seine Pflicht zu verletzen? Wenn ich Sie nicht um Ihrer selbst willen frei gebe, um Ihres Geldes wegen gewiß nicht. Ins Lager müssen Sie kommen; ich verspreche Ihnen aber, mich dort auf jede mögliche Weise für Sie zu verwenden, mehr kann ich nicht tun." Was war die Ursache, die das Benehmen dieses übermütigen und leidenschaftlichen Mannes umgewandelt hatte und ihn so sprechen ließ? Die einfache, großartige Handlung des Juden. Ein Gemüt muß schon im höchsten Grade verkommen sein, auf das eine seltene edle Tat keinen Eindruck machen sollte. Welch ein Unterschied zwischen dieser Szene und der mit dem Hausirer, wo er einen Bundesgenossen mit Hohn und Spott von sich gestoßen. Er hatte ihn verachtet, trotzdem er ihn brauchte. Die Charaktergröße dieses Mannes zwang ihn unwillkürlich zur Achtung. Er hätte ihn gerne frei gegeben in diesem Momente der Erregung: doch er durfte es nicht. Die Soldaten wußten, daß er einen Gefangenen hatte, wie konnte er ihn laufen lassen? Die Bauern wurden verabschiedet, auch der Doktor der Haft entlassen. Lazarus blieb im Schlosse. Des andern Morgens um 7 Uhr, die Pferoe standen schon gesattelt im Schloßtore, die Soldaten waren zum Aufsitzen bereit, der geschlossene Wagen, in dem Lazarus fahren sollte, angespannt, erscholl plötzlich Alarm im Dorfe und in der kürzesten Zeit war das Schloß umringt und von ungarischen Honveds angefüllt. Ehe eine Viertelstunde verging, war der Graf in seinem eigenen Hause ein Gefangener, die kaiserlichen Soldaten auch; einem war jedoch gelungen, zu entwischen, ohne daß man es gewahrte. Es war ein Jubel im Dorfe, der sich nicht beschreiben läßt. Die Honveds wurden bewirtet wie bei einem Feste. Das Beste wurde von allen Seiten hergebracht. Es war eine Abteilung von etwa zweihundert Mann unter dem Befehle eines Offiziers, der kein anderer war als Franz Erdödi. Und welcher Jubel herrschte erst im großen Wirtshause! Lazarus war gerettet, der Doktor ebenfalls. Welche fürchterliche Nacht war das gewesen! Wieviel Angst und Schmerzen hatten die armen Menschen durchgefühlt! Nein, das läßt sich nicht wiedergeben, dieser entsetzlichen Nacht konnte nur der Morgen als Gegensatz entgegengestellt werden, der Rettung und Befreiung brachte. Wem hatte man dies aber zu verdanken? Samuel, diesem schlichten, einfachen Burschen, der einen Plan gedacht und ausgeführt, der einem besseren Kopf, als seiner war, Ehre gemacht hätte. Er war geradewegs nach Göny geritten und hatte dem ersten besten Posten gemeldet, kaiserliche Soldaten hätten das Dorf überfallen und raubten und plünderten. Es war eine Lüge, wenigstens eine ungeheure Uebertreibung; er wußte es wohl, doch was schadet das? Wenn nur Hilfe nach Jgmant kam und den Doktor befreite, alles übrige kümmerte ihn nicht. Was ihm geschehen könnte, daran dachte er nicht, alle seine Gedanken drehten sich nur um den einen Punkt, den Doktor aus den Händen des Grafen zu erretten. Der Gefreite des Postens brachte ihn vor den Offizier, dort wiederholte er dieselbe Aussage, indem er als Grund des Ueberfalls noch die Lieferungsgeschichte angab und um schleunigste Hilfe bat. Der Offizier erkundigte sich nach der Zahl des Feindes, Samuel nannte die erste, beste Zahl, „etwa hundert Mann", meinte er. Wenn ich eine große Zahl nehme, dachte er, so läßt er die Sache bleiben. Um den jungen Offizier noch mehr anzuspornen, erzählte er ihm noch in kurzen Worten die edle Handlung des jungen Arztes. Das war ein Blitz, der zündete. Kaum hatte der Offizier den Namen des Doktors vernommen, als er auch schon den Befehl zum schleunigen Abmarsch einer Honvedsabteilung gab und sich selbst an deren Spitze stellte; natürlich ging das nicht so schnell, es dauerte eine gute Stunde, bis alles fertig war und die Schar aus dem Dörfchen ritt. Seit Jgmant stand, gab es keinen solchen Anblick, der sich auf der breiten Straße und dem Markte darbot, als an jenem Vormittag. Es war Sonntag in allen Gemütern. Die Arbeit ruhte. (Fortsetzung folgt.) Nach -Schluß der Redaktion eingetroffene Nachrichten. Ltraßburg. Von einem schmerzlichen Geschick wurde die hiesige hochangesehene Familie Jsate Longini-Schwab betroffen. Ihr einziger fünfzehnjähriger Sohn, Rafael Roger, Obersekundaner des hiesigen Lyzeums, wurde von einer tückischen Krankheit dahingerafft. Wahrlich, wem sollte nicht das Herz bluten, der diesen Knaben gekannt hat? In geistiger und körperlicher Beziehung war er der Schönheit Vollendung. Fast die ganze Gemeinde beteiligte sich an der Trauerseier. Voran schritten die Schüler und Schülerinnen der Obersekunda und die beiden Primen des Lyzeums mit der Fahne der Anstalt. Nach der Trauerrede des Rabbiners Dr. Marx widmete der Ordinarius der Klasse, Prof. Dr. Wißmann, dem Entschlafenen einen Nachruf, in dem er unter anderem sagte, daß der Heimgegangene von allen seinen Mitschülern geliebt war, ja, daß er kurzweg das Kind der Klasse hieß; vor allem aber, daß er ein derart hervorragender Schüler war, daß die Anstalt die sichere Hoffnung auf ihn setzte, ihn dereinst ihren Stolz nennen zu können. Rein ist dieser edle Geist nun in eine bessere Welt eingegangen. Dies möge den gebeugten Eltern ein Trost sein. .V. S. Hochfelden. Fern von seinem früheren Heimatsorte in Dallas (Amerika) starb kürzlich der Kaufmann Joseph R o o s von hier. Der Verstorbene war im Elsaß allgemein bekannt und ob seiner Redlichkeit und seinem Gerechtigkeitssinn sehr geschätzt. Nachdem ihm seine geliebte Gattin im Tode zwei Jahre vorausgegangen, ist nun auch er gefolgt zur ewigen Heimat. Möge er in Frieden ruhen. Sein Andenken zum Segen! * Mülhausen. Der Verwaltungsrat des hiesigen Brockensammlungsvereins hat dem israelitischen Spital die Summe von 100 dl zugestellt. (Vom Reinertrag des Geschäftsbetriebes.) Paris. Weitere Beförderungen in der Ehrenlegion: Zum Kommandeur wurde ernannt Dr. Widal, Professor der inedizinischen Fakultät, Mitglied der medizinischen Akademie: zu Rittern: Dacosta, Direktor der Gasgesellschaft zu Budapest; Zagury, Hilfsdolmetscher beim französischen Konsulat in Casablanca; Braunschwig in Tanger und Borchard, Maler, in Berlin.