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Das jüdische Blatt · 1913-02-28 · 9 (28.2.1913) · p. Seite 2

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
9 (28.2.1913)
Date
1913-02-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 'Ja.!». Das jüdische Dtatt. tisenntischen Strönnmg in England angesehen werden. Besonders seitdem drei Inden Mitglieder der englischen Regierung geworden sind, wollen die Angriffe einer noch kleinen aber mächtigen Clique gegen den „jüdischen Einfluß" nicht zur Ruhe kommen. Der Herausgeber der Binctat-nili Century hätte den Artikel von E. Tavernier wohl nicht ausgenommen, wenn er nicht das Gefühl hatte, damit der Stimmung seines Leserkreis entgegenzukommen. So ist denn wirklich der Antisemitismus auf seinem Zuge nach Westen von Rußland über Deutschland nach Frankreich und dann immer weiter schreitend nach England und Amerika vorgedrungen. In Frankreich hat er durch die Dreysusafsaire reiche Nahrung erhalten. Nach der „Afsaire" nahmen die antiklerikalen Bewegungen im politischen Leven Frankreichs einen ungeahnten Aufschwung: die reaktlonären Elemente sollten aus ihreir Positionen in Armee und Verwaltung verdrängt und durch gur republikanische Elemente ersetzt werden. Zu diesen letzteren wurden in maßgebenden Kreisen Frankreichs die Juden gezählt. Es ist daher nicht befremdlich, daß bei der fortschreitenden Verwelrlichung des politischen Frankreichs gerade die Juden in einflußreiche Stellungen gelangten. Dem Judentum nützt dieser Prozeß gar nichts. Denn er befördert die schrankenlose Assimilation. Die tonangebenden Kreise der französischen Juden streifen alles jüdische ab, verlieren sogar das Stammesbewußtsein und das Zusammengehörigkeitsgefühl. In harmonischer Uebereinstimmung mit der Umgebung wird dle väterliche Religion als veralteter Aberglaube über Bord geworfen, und als fast einziges Ideal bleibt ein überhitzter Patriotisnrus zurück. Diese Verneinung der religiösen Werte ist unter den Juden Frankreichs leider nur zu sehr verbreitet. Dazu kommt, daß geistig hochstehende jüdische Persönlichkeiten im Kampfe gegen den Klerikalismus in Presse und Literatur in vorderster Reihe stehen. Daß diese trotz aller Befehdung immer noch starken klerikalen Elemente diesen „jüdischen Einfluß" nicht verwinden können und daß dieser schmerzlich empfundene Einfluß eine stark antisemitische Stimmung auslöst, leuchtet sofort ein. Da aber eine Menge der französischen Juden ihre antiklerikalen Neigungen aus das Judentum, also auf die Religion überhaupt überträgt, gewinnen die katholischen Schriftsteller in Frankreich einen gewissen Schein von Recht, auf die die Religion als solche bedrohende jüdische Stellung hinzuweisen. Von da ist nur noch ein kleiner Schritt bis zur Behauptung, daß die Religionslosigkeit der Juden das übrige Volk anstecke, um so vor ängstlichen Gemütern das Gespenst einer „jüdischen Gefahr" an die Wand zu malen. Diese vom religiösen Standpunkte gegen die jüdische Freigeisterei vorgebrachten Anschuldigungen sind durchaus nicht zu unterschätzen. Aufmerksame Beobachter französischen Lebens können trotz Trennung von Staat und Kirche in der Oberschicht des französischen Volkes ein Wiedererwachen und Erstarken religiösen Lebens bemerken. Die Religionsbekämpfung in Frankreich geht von den radikalen Parteien aus. Diese sind aber in Auslösung begriffen; Durch das bevorstehende Inkrafttreten der Wahlreform kann die Macht der Radikalen zurückgedrängt und die der religiös gesinnten Minderheit gestärkt werden. Cs scheint also durchaus nicht ausgeschlossen, daß trotz Trennung von Staat und Kirche die katholische Religion innerhalb des französischen Volkes eine neue Sanktion erhält. Auf die Dauer kann ja ein Volk ohne Religion nicht auskommen. Die Geschichte beweist, daß Religionskämpfe stets eine der Religion günstige Reaktion herbeiführen. Es scheint uns daher beachtenswert, zu bemerken, welchen Stoff die Juden den Antisemiten an die Hand geben, indem sie sich von ihren religiösen Gesetzen und Lehren abwenden. E. Tavernier hat sich in seinem genannten Aufsatz diese von den französischen Juden selbst gebotene Schwäche nicht entgehen lassen. „Die Verachtung der abtrünnigen Juden gegen die jüdische Religion, sagt Tavernier, ist eine ausgezeichnete Propaganda, um jeden übernatürlichen Glauben zu zerstören, ganz besonders jeden Glauben an Christus und an den persönlichen und lebendigen Gott. H. Theodore Reinach findet, daß die abrrünnigen Juden sehr nützliche Mediums für die Verwandlung find, die die göttliche Autorität auf Erden durch die einzige Autorität des menschlichen Gewissens ersetzt. H. Reinach und seine Freunde lassen noch eine Religion zu, jedoch nur eine durchaus menschliche Religion, in welcher Gott auf die menschliche Natur zurückgebracht wird. Ein Gemisch von Judentum, Christentum und Freidenkertum soll hergestellt werden, und dieses Gemisch soll, dank den Juden, die Religion der Zukunft werden. Tavernier gefällt sich darin, einen Auszug aus „Les Juifs von Theodore Reinach in „La grande Encyclopödie" zu bringen. Dieser lautet: „Ist diese Verwandelung klug geleitet, so kann sich aus ihr leicht eine Religionsübung entwickeln, die an Reinheit, Einfachheit und sittlicher Würde allen b e st e - h e n d e n1) Religionen überlegen ist, frei von allen abergläubischen Gebräuchen und von jeder anthropomorphistischen Auffassung; dabei das Streben einer unbegrenzten Veredelung d e r M e n s ch h e i t, die die moderne Form der messt a n i s ch e n Hoffnungen ist, die Versöhnung der Idee der Gottheit, des G e i ft e s der Welt und der Quelle der Liebe mit den Errungenschaften der Wissenschaften, an denen die Religion vorübergeht, ohne sie widerlegen zu können; die Uebernahme des christlichen, bereits von den Propheten verkündeten, Grundsatzes der allgemeinen Menschenverbrüderung, jedoch unter Verwerfung von dessen Pessimismus, der Rettung nur im jenseitigen Leben erblickt." „Das Freidenkertum rechnet also", fährt Tavernier fort, „aus die ungläubigen Juden, um die antichristliche Propaganda anzuspornen und zu leiten. Diese Hoffnung ist nur zw berechtigt", sagt Tavernier, „denn die Juden in der Presse, in der Politik, in der Literatur, Philosophie und Verwaltung sind die eifrigsten Mitarbeiter an dem in den letzten 30 Jahren unternommenen Werke der Verweltlichung — nämlich der Zerstörung des christlichen Glaubens in Frankreich." Mag auch aus solchen Worten eine ausgesprochen antisemitische Neigung sprechen, da es ja den Juden gleich den übrigen Bürgern unbenommen sein muß, ihre freidenkerischen Ansichten zu verbreiten und zu verwirklichen, mag es auch sein, daß den gläubigen Juden von Antisemiten ihre Treue zum Talmud vorgeworfen wird, als Dokument, als Ausschnitt aus dem Leben Frankreichs sind sie immerhin beachtenswert und für die Juden lehrreich. Gerade vom Gegner muß man lernen. Er zeigt uns, wie wenig die Verwerfung der Religion für die Juden eine Schutzwehr gegen antisemitische Hetze bildet, er zeigt uns, daß gerade der Geist der krassesten Verneinung, wie der eines Reinach, eine der wuchtigsten Waffen liefert. Reinach ist in Frankreich der Repräsentant dessen, was sich in Deutschland „Liberales Judentum" nennt. Das „Liberale Judentum" hat den Ehrgeiz, zur ') In dem Tavernierfchen Artikel gesperrt.

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