Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Blatt · 1913-02-21 · 8 (21.2.1913) · p. Seite 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
8 (21.2.1913)
Date
1913-02-21
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9052070-9096771-9052213--0155-9052222
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 8. Das jüdische Matt. 9 Diese aus den höchsten Kreisen stammenden Vertreter der amerikanischen Judenheit (Oskar Strauß und Jakob Schiff) geben den Kampf gegen die Einwanderungsbeschränkungen bereits verloren und glauben, daß die jüdischen Interessen durch eine Fortsetzung des hoffnungslosen Kampfes nur Schaden erleiden können. Diesem Ermatten des Widerstandes arbeiten aber das American Jewish Comitee und andere Körperschaften entgegen, die die Massen vertreten und den Kampf mit ungeschwächter Energie fortsetzen in der Ueberzeugung, daß die Einschränkung der Einwanderung nicht nur den jüdischen Interessen, sondern den amerikanischen Grundsätzen der Freiheit und Gerechtigkeit widerstreben. Diese Bestrebungen dürfen jetzt das Veto des Präsidenten Taft als Erfolg verzeichnen. Das Programm der obengenannten Hilfsgesellschaft für die Einwanderer hat folgenden Wortlaut: Die Landung jüdischer Einwanderer in Ellis Island zu erleichtern: diesen zeitweilige Unterkunft, Speisung, Kleidung und andere notwendige Hilfeleistungen zu gewähren: diese nach ihrem Bestimmungsorte zu leiten; sie vor der Inanspruchnahme öffentlicher Unterstützung zu bewahren und ihnen Stellungen zu verschaffen; ihnen abzuraten, sich in stark bevölkerten Gebieten anzusiedeln: Auskunftsbureaus über die industrielle, landwirtschaftliche und geschäftliche Lage des Landes zu unterhalten: in den Mittelpunkten der Auswanderung in Europa die Kunde über die amerikanischen Gesetze über die Auswanderer zu verbreiten und dadurch unerwünschte Einwanderer von den Vereinigten Staaten fernzuhalten: amerikanische Lebensauffassung bei den Ankömmlingen anzubahnen: deren Patriotismus zu beleben und durch Lektüre und öffentliche Vorträge die Liebe zu ihren, Adoptivvaterlande zu er wecken. Dom Dalkarr. Bericht der „Union des Affociations Jfraelites" über die Informationsreise in den Notstandsgebieten des Balkans. Janina. Es sei hier gleich eingeschaltet, daß wir dein Komuec in Saloniki 4000 Frs. zur Verfügung gestellt haben, damit die nötigen Vorkehrungen getroffen werden können für eine Unterstützung der 3000 Juden, die in Janina eingeschlossen sind. Da die völlige Zernierung Janinas noch nicht so lange dauert als die Zernierung Adrianopels, so dürfte die angegebene Summe hinreichend sein. Serres, von Bulgaren besetzt, hat unter 35 000 Einwohnern 325 — 350 jüdische Familien rüit 1800 Seelen; die Juden find Svcmfleute, kleine Händler, Handwerker. Am 1. Oktober 1912 explodierte irr Serres eine Bornbe, von da an begann das Geschäft zu stocken. Zu der allgemeinen Not kam noch eine Ueberschwemmung, der 18 Häuser zum Opfer fielen. Nach Einzug der Bulgaren fand unter den Mohammedanern ein Massaker statt. Die Juden wurden vor allem dadurch vor Gewalttätigkeiten geschützt, daß unter den Bulgaren sich auch jüdische Soldaten befanden, die für ihre Glaubensgenossen eintraten. In allergrößter Not befinden sich 47 Familien mit 140 Köpfen. Wir haben in Serres gleichfalls ein Komitee eirrgefetzt, das das Hilfswerk drirchzuführen hat. Hilfeleistung. Bisher wurden in Serres selbst 2200 Franken für die Notleidenden gesammelt, außerdem gab der Hilfsverein 920 Frankeir. Wir bewilligten 1500 Franken unter der Bedingung, daß weitere 1000 Franken von der Gemeinde selbst noch aufgebracht würden. Die Herren Dr. Nathan rmd Adler hatten bei ihrer Anwesenheit in Serres eine Unterhaltung mit dem bulgarifcben General gouverneur von Mazedonien, Herrn Wulkow. Der Gouverneur zeigte sich sehr entgegenkoinmend. Er sagte ausreichenden Schutz der Juden für das ganze Gebiet, das ihm unterstellt ist, zu, ferner wollte er dafür sorgen, daß die Märkte möglichst nicht auf den Sabbat verlegt werden und daß die Juden ihre Geschäfte am Sonntag offen halten dürfen. Bon Serres wurden auch Erkundigungen angestellt nach den Juden in der Umgegend. Uewrotop. Hier sind 70 jridischc Familien, die nicht gelitten haben. Ebensowenig die 10 bis 12 Familien in Zelahora. Dagegerr sollen in D j o u m a B u l a, wo etwa 60 jüdische Familien wohnen, Ausschreitungen stattgefunden haben, über die aber nähere Nachrichten noch nicht zu erhalten waren. Ferner haben die Juden in D o i r a n (mit 3000 Einwohnern und etwa 20 jüdischen Familien), unter Plünderungen zu leiden gehabt. Auch die Juden in D r a m a, 12 500 Einwohner, darunter etwa 150 jüdische Familien mit 700 Seelen, haben unter dem Kriege, wenn auch nicht durch größere Plünderungen, gelitten. Monastir. Die Reise nach Monastir, die Dr. Kahn unternahm, führte wieder ins serbische Okkupationsgebiet. Monastir hat unter 65 000 bis 70 000 Einwohnern 6000 Juden, ist also die viertgrößte jüdische Stadt (nach Konstantinopel, Saloniki, Adrianopel) auf dem Kriegsschauplatz. Monastir hat besonders schwer gelitten, weil zu verschiedenen Zeiten vor und hinter Monastir schwere Kämpfe stattfanden: nach Florina zu mit den Griechen, nach Prilep zu mit den Serben. Auf der Fahrt nach Monastir sieht man die zerschossenen, zerstörten und noch menschenleeren Dörfer, in denen auch viele jüdische Magazine sich befanden. In Monastir wurde ein Koinitee gebildet, dem der dortige Direktor der Alliance, der sich in der schweren Zeit des Krieges um die Gemeinde besonders verdient gemacht hat, angehört. Das Komitee hat eine genaue Liste der Notleidenden zusammengestellt. Ein Minimum von 3500 Franken außer den von anderer Seite speziell gegebenen Summen ist erforderlich, um über die erste schwere Zeit hinwegzukoinmen. Diese Summe wurde von uns bewilligt. Es ist ferner für Monastir ins Auge zu fassen, ebenfalls eine, kleine provisorische Leihkasse zu gründen von etwa l0 000 Franken, zu denen die Gemeinde 5000 Franken geben würde. In Monastir haben besonders viele Requisitionen durch die Türken stattgefunden, viele leider ohne Quittung. Ferner wurden am Tage nach dem Einzug der Serben schwere Plünderungen verübt, bei denen zahlreiche Juden ganz erheblich zu Schaden gekomnien sind. Bei unserer Anwesenheit war die Stadt ruhig und die öffentliche Sicherheit gut. In der näheren Umgegend von Monastir haben die Juden aus Monastir in den Dörfern Magazine gehabt, die völlig verbrannt und ausgcraubt worden sind. Der so entstandene Schaden ist recht beträchtlich. Wir behalten uns vor. im endgültigen Bericht auf alle Einzelheiten der Schädigungen und Geschehnisse in Monastir (wie auch in den anderen Orten) näher einzugehen. Von Monastir nach dem griechischen Okupationsgebict (nach Albanien zu), liegt die Stadt C a st o r i a. Sie zählt etwa 25 000 Einwohner, darunter 2000 Juden. Die Juden sind alle größere oder kleinere Händler, die die umliegenden Flecken und Dörfer, sei es, daß sie dort Warenlager unterhalten oder einfach hausieren, mit Waren versorgen. Beim Einzug der Griechen sind fast alle Juden erbarmungslos geplündert worden, viele Warcnmagazine auch in den zerstörten Dörfern wie in Belichte (10 Magazine), in N a st i t s ch e (5 Magazine), ferner in E k ch i s o n, S o r o w i t s ch und Embona wurden onsgcranbt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.