Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 8 (21.2.1913)
- Date
- 1913-02-21
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 Das jüdische Klirtt. Nr. 8. talmudisches Wissen mit moderner Bildung vereinigen. In London selbst lebt Dr. Hyamsohn, der unter Chief Rabbi Dr. Adler als Dajan fungierte, der ein bedeutender Talmudist ist und in jüngster Zeit an der Universität London ein glänzendes juristisches Doktorexamen bestanden hat und — Kandidat für den Posten des Chief Rabbi war. Da dessen Persönlichkeit aber in Lord Rothschild's Augen nicht Gefallen fand, war diese Kandidatur von Anfang an wenig aussichtsreich. Man hat sich dann noch 3 Kandidaten kommen lassen, die in den zahlreichen Synagogen Londons und in vielen der Provinz Probepredigten halten mußten. Es waren die Herren Rabbiner Abrahams aus Sydney (Australien), Dr. Herz aus Rew-York, früher Johannesburg (Transvaal) und Dr. D r a ch m a n n aus Rew-York. Dr. Herz war von dem früheren Oberbefehlshaber im TraPsvaalkrieg, Lord Roberts, bei Lord Rothschild stark einpfohlen. Er war Lord Rothschilds Kandidat. Bei der großen Menge aber, die zum großen Teil orthodoxe Gemeindemitglieder zählt, war er weniger angesehen, weil er die nötigen Qualifikationen für den Posten nicht zu besitzen schien. Run hat am 16. Februar die Wahlhandlung st a t t g e f u n d e n. D r. Hertz, Lord R o t s ch i l d s K a n d i d a t, w u r d e m i t 3 6 gegen 2 7 S t i m in e n gewählt. Es läßt sich bei der starken Minorität, die bei der Wahl zum Ausdruck gelangt ist, voraussehen, daß diese Wahl unter einem großen Teil der jüdischen Bevölkerung Unzufriedenheit Hervorrufen wird. Es erhebt sich der starke Zweifel, ob die mit Mühe gewahrte äußere Einheit der englischen Judenheit unter diesen Umständen aufrecht erhalten werden kann. Man darf daher auf die weiteren Ereignisse, die diese Wahl wohl im Gefolge haben wird, gespannt sein. Nutzland. Russisches Elend. Das unkerirdische Ghetto. Ein Mitarbeiter der „Rjetsch" schildert die Eindrücke, die er beim Besuch des Ghetto von Wiln a, eines der berüchtiqften Judentviertel des ganzen Ansiedlungsbezirks, empfing. Hier wohnen die Menschen so enge nebeneinander, daß der Hochbau nicht mehr ausreichte und die Wohnstätten sich in die Tiefe des Bodens eingraben. In über 200 solchen Kellern wohnen mindestens 1500 Juden, in feuchten, schlüpfrigen Räumen mit festgestampftem Erdboden, deren Höhe selten über 1,80 Meter beträgt und die, da sie fast immer unter dem Niveau der Straßen liegen, durch Luken in der Decke kümmerlich erhellt werden. Mit Gräbern möchte man diese Höhlen vergleichen, ineint der Berichterstatter, wenn nicht für die Toten eine fast doppelt so große Bodenfläche vorgeschrieben wäre, wie sie hier durchschnittlich auf einen Einwohner entfällt. Im ersten Haus fand der Besucher zwei unterirdische Stockwerke untereinander. Jin oberen Raum wohnen lauter alte Leute mit einigen kleinen Kindern. Die Erwachsenen sind nach Amerika ausgewandert und lassen nichts von sich hören. Die Erwerbsquelle der Frau, die dieser Haushaltung vorsteht, ist der Ofen, der von früh bis spät geheizt wird. Die armen Nachbarinnen kommen mit Töpfen und Pfannen, die sie am Ofen wärmen, und bezahlen dafür je eine Kopeke. In einer Ecke führte eine Leiter ins untere Stockwerk, in dem zwei Greise, beide Bettler, im Dunkel am Boden lagen, weil gerade Sabbat war und kein Licht angezündet werden durfte. Die übrigen fünf Bewohner waren ausgegangen. Für das Wohnrecht in dieser Höhle zahlt jeder 1,08 Jl wöchentlich oder etwa 20 Pf. im Tag. Der Hausher erhält von der Wirtin, die dabei den Raum noch Heizen muß, jährlich 100 Rubel (216 dl). In einem anderen unterirdischen Wohnraum sind drei verschiedene Werkstätten eingerichtet, eine Klempnerei, eine mechanische Strickerei und eine Schneiderbtide. Bier Familien wohnen hier zusammen. Die Lust war zum Ersticken, aber die Bewohner vermißten das sonst immer vorhandene Schiebesensterchen nicht, das im Winter, während die Fenster verkittet sind, eine Lüftung ermöglicht, weil die schlecht schließenden Fensterrahmen die eisige Zugluft nur zu leicht durchließen. Hier wohnen die Aermsten der Juden, Lumpensammler, Bettler, aber auch Handwerker, deren Stand längst den goldenen Boden verloren hat. Die Meister arbeiten allein, ohne Gesellen oder Lehrjungen. Die jungen Leute wandern fast alle a u s, die wenigen, die Zurückbleiben, besuchen die Handwerterschule, durch deren Errichtung man die wirtschaftliche Lage des jüdischen Proletariats zu heben hoffte. Aber nach ihrer Ausbildung ziehen fast alle die Auswanderung nach Amerika vor, weil sie dort fast sicher auf bessere Lebensbedingungen hoffen zu dürfen glauben. Im Ghetto bleibt nur der zurück, der nicht einmal die Mittel zur Flucht auftreiben kann. Ein junger, tüchtig geschulter Handwerker kann in Wilna wöchentlich fünf bis sechs Rubel (10 bis 13,(0 in Ausnahmenfällen bis zu 10 Rubel verdienen. Selbst bei diesem spärlichen Einkommen opfern einige Handwerker noch ein, zwei Mark im Monat, um einen Turnlehrer zu besolden und ein Lokal zu unterhalten. Dieser erste Anfang bewußter Körperkullur wurde anfangs von den älteren Juden, die in den Ueberlieferungen des Ghetto aufgewachsen sind, verspottet und selbst mit Argwohn beobachtet, seitdem aber die jüdischen Turner einige tüchtige Leistungen aufweisen können, werden sie widerspruchslos geduldet. Die Turnerei hat bereits einen heilsamen Einfluß auf die Pflege der körperlichen und häuslichen Reinlichkeit erzielt, wenn auch bei den entsetzlichen Wohnungsverhältnissen an eine wirklich hygienische Lebensführung gar nicht zu denken ist. Die Kinder, die in den Kellerwohnungen im Ghetto aufwachsen, fand der Berichterstatter des Petersburger Blattes fast ausnahmslos mit bösartigen Ha utausfch lägen behaftet. Eine wohltätige Gesellschaft ermöglicht zwar die (ostenfreie Behandlung mit Röntgenstrahlen, aber die Ansteckung erfolgt immer wieder aufs neue. Amerika. Hehre w Shelterim* and Immigrant Aid Society. Der obengenannte Emigrantenschutz-Verein in Rew-York, an dessen Spitze der Richter Sanders steht, hat am 26. v. M. eine Massenversammlung abgehalten, in der der Präsident den Jahresbericht erstattete und die hervorragendsten Repräsentanten der Rem-Yorker Judenschaft, OskarStrauß und Jakob S chi f f, mit sehr bemerkenswerten Reden hervortraten. Aus dem Berichte ging hervor, daß der Verein im Jahre 1912 33 812,57 Dollars (ca. 215 000 J() eingenommen und 54 866,54 Dollars (ca. 220 000 - ll) verausgabt, somit ein kleines Defizit erduldet hat. Im Jahre 1912 sind in Rew-York 64 738 jüdische Einwanderer eingetroffen, und zwar von Rußland 44 394, von Oesterreich-Ungarn 10 881 Personen; sie haben mit sich 1 750 952 Dollars, d. h. über 27 Dollar per Kopf mitgebracht. In der Stadt Rew-York selbst haben sich hiervon 46 611 Einwanderer niedergelassen; unter ihnen mußten 14 992 vom Vereine unterstützt werden. Ueberdies oblag dem Vereine auch die Unterstützung der 3133 in Ellis Island auf Grund des Einwanderungsgesetzes zur Rückkehr Verhaltenen. Im Laufe des Berichtsjahres hat der Verein 2437 Einwanderern Arbeitsgelegenheit vermittelt und 11 250 seit mehreren Jahren Ansässigen das kleine Bürgerpapier verschafft. Der Verein zählt in allen Staaten Nordamerikas rund 2249 Mitglieder; die Auskunstsbureaus des Vereines wurden im Laufe des Berichtsjahres von 150 000 Personen in Anspruch genommen. Der Verein wird mit Recht zu den humanitärsten Organisationen Nordamerikas gezählt. Die Versammlung beschäftigte sich überwiegend mit dem Einwandernngsgesetze, und die Redner waren bemüht, für die darin steckenden fremdenfeindlichen Strömungen begreifliche Gründe zu finden.