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Das jüdische Blatt · 1913-02-21 · 8 (21.2.1913) · p. Seite 4

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
8 (21.2.1913)
Date
1913-02-21
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 Nr. S. Das jüdische Statt. auch die für die Nahrung des Körpers notwendigen Verrichtungen ethisch zu verklären und über das rein Sinnliche und Nützliche zu erheben. Wo find im jüdischen Geineinschafts- und Familienleben die Zeichen von Roheit und Grausamkeit, die angeblich aus der tierquälerischen Methode des Schächtens „für die Umgebung" hervorgehen sollen? Das Gebot „Du sollst nicht töten" ist bei keinem Volke wie bei dem jüdischen zum lebendig moralischen Imperativ geworden. Jeden feinfühligen Menschen drückt der Gedanke, das; ein lebendes Wesen für seinen unmittelbaren Geiiilß verbluten soll. Dieser Gedanke würde jedoch sich auch auf jede andere Tötungsart erstrecken, und die Wissenschaft hat gelehrt, daß in der Tat die Schächtmethode nicht im geringsten eine Tierquälerei darstellt. Die oben erwähnten Vorschriften, die hier nur iin Auszuge gebracht werdeii, dienen in erster Linie geradezu deni weitgehendsten Tierschutz, denn der rasch mit haarscharfem Messer geführte Schnitt ist i» hohem Maße geeignet, bei dem Schlachttiere sofort Bewußtlosigkeit eintreten zu lassen. Schon der geringste Druckunterschied in dem Blutgesäßsystem des Gehirns ruft Bewußtlosigkeit hervor, uin wieviel mehr das Durchschneiden der Halsschlagader, aus der das Blut des Gehirns in großein und breitem Strahl hervorschießt. Es ist wissenschaftlich einwandfrei fcstgestellt, daß die unmittelbar nach dem Schächten etwa auftretenden Bewegungen des Tieres auf Rieflexwirkungen beruhen, bei deneit Bewußtsein oder Empfindung völlig ausgeschlossen ist. Tiere und Pflanzen dienen dem Menschen zur Nahrung. In gewissen Sinne stellt jede Tölungsart eine Tierquälerei dar und bedingt einen Schmerz. Wo erheben sich, von diesem Gesichtspunkte betrachtet, Stimmen gegen Jagd und Sport? Man spricht vom „edlen Waidwerk" und knallt Tausende von Tieren erbarmungslos nieder. Man hetzt edle Rosse auf die Rennbahn, um der menschlichen Schaulust willen. Wir bestreiten dem Verein für Frauenstimmrecht energisch die Kompetenz, wenn er erklärt, diese Fragen berührten nicht die religiösen Ueberzeugungen der Juden, sie bildeten nicht einen Teil des Religionsgesetzes, sondern nur eine äußerliche Förmlichkeit. Diese Erklärung beweist eine äußerst bedauerliche Unkenntnis der Dinge. Das Studium eines diese Materie behandelnden Werkes würde aufklärend wirken. Es ist nicht Rechtens eines Vereins für Frauenstimmrecht, darüber zu entscheiden, was den Inhalt des jüdischen Religionsgeseges bildet und was nicht. Die Definition gibt das Religionsgesetz selber. Es ist ein Eingriff in die Denk- und Gewissensfreiheit von Juden, wenn der Vorstand eines Frauenstimmrechts-Vereins zu entscheiden wagt, ob dieses ans uralter Zeit stammende Religionsgesetz trotz geschichtlicher Entwicklung die Kraft der Verbindlichkeit für den einzelnen Juden besitzt oder nicht. Wir erheben daher eindringlichen Protest gegen die Abkehr von den Grundsätzen der Wahrung persönlicher Freiheit im Denken und Glauben, von den Grundsätzen, auf denen die Organisation der Vereine für Frauenstimmrecht aufgebaut ist. Wir erwarten von der Einsicht der Leitung, daß sie ihre Lichtung bekundet vor altgeheiligten Ueberlieferungen der jüdischen Religion, der Mutter der Religionen aller Kulturvölker, vor der Solidarität der Stammesgenossen, vor der freien Selbstbestimmung eines jeden denkenden Menschen. Der Vorstand. Die Erklärung des Vorstands des Verbandes für Frauenstimmrechl. Im Anschluß an die Bewegung, die infolge des auf den; Münchener Frauenstimmrechts-Kongreß in; Oktober v. I. gefaßten Beschluß ausgelöst wurde, erläßt jetzt der Vorstand des Verbandes für Frauenstimmrecht in dem Verbandsorgan eine Erklärung, worin er sein Bedauern über die Beunruhigung der jüdischen Verbandsmitglieder durch jenen Beschluß ausspricht und erklärt: 1. daß der Verbandsvorstand die Schächtfrage als eine außerhalb der Aufgaben unserer Organisation liegende Frage betrachtet: 2. daß wir in Verfolgung der in der Verbandssatzung den Frauen aller Richtungen gewährleisteten Neutralität selbstverständlich auch auf religiösem Gebiet die U e b e r z e u g u n g aller Mitglieder achten und imn;er achten merden; 3. daß der Verband als solcher an der vorliegenden Resolution nicht den geringsten Anteil hat, da er der Veranstaltung und den Vorbereitungen des Münchener Kongresses vollkommen ferne stand: 4. daß auch die bei dem Kongreß anwesende Vertreterin des Verbandsvorstandes, Frau Dr. Rosa Kemps, außerstande war, überhaupt wahrzunehmen, daß in der betreffenden Resolution irgendwelche Kränkung für das religiöse Empfinden den jüdischen Mitglieder enthalten sein könnte, da — wie inzwischen auch von der Kongreßleitung bekanntgegeben wurde — die Resolution nicht in ihren; vollen Wortlaut verlesen worden ist, und der schriftliche Text, der unter den Kongreßteilnehmern verteilt wurde, in der Mehrzakn der Exemplare einen Schreibfehler enthielt („Schlachten statt Schächten"). --—. Arief vom Lande. lviii. Nun aber weg, weit weg mit aller Politik. Sie macht einen müde und verdrossen. Sie ekelt mich geradezu an, geradezu aber nur bildlich genommen, denn viel Gerades habe ich in ihr nicht wahrnehmen können. Das liegt natürlich wieder einmal an meiner Beschränktheit. Und wissen Sie, was ich bei dem ganzen Getue gefunden habe? Die Erinnerungen leiden darunter, die Erinnerungen an eine schöne Vergangenheit des Gemeindelebens. Denn sehen Sie, Sie junges Blut, was missen Sie eigentlich voi; unseren; alten Gemeindeleben? Gar nichts, mit Verlaub. Denn damals war in; Gemeindeleben ein Leben und das Eemeindeleben bedeutete ein ganzes Leben. Es war wie in einer Familie. Gewiß, die Feste feierte jeder für sich, aber die Vorbereitungen zu den Festen, die waren geineinsames Werk. Herr, wenn ich denke, wie es früher beim Mazzesbacken zuging; da war ja einer auf den anderen angewiesen, und unter sehr munteren Reden ging die Arbeit voran. Da half inan sich aus, und auch wer das Jahr hindurch gerade nicht mit dem allerfreundlichsten Blick seinen Nachbar anschaute, dein; Mazzesbacken standen die Damen nebeneinander, wie des Loses unergründliche Macht sie zusammenzwang. Hallo, da bin ich poetisch geworden, aber es war auch schön. Oekonomisch war es nicht, denn die elektrischen Mazzes konnnen billiger, aber eine Vorfreude für uns Kinder war es, die des Festes Würze schon Wochen vorher genieße;; ließ. Und ebenso war es beim Laubholen für die Suckoh und noch bei vielen Gelegenheiten. Ach was — alles vorüber. Die Hauptsache ist jetzt ein politischer Erfolg, kleiner Erech und billiges Judentum. Aber ich laste mir meine Erinnerungen nicht abkaufen. Sie kennen doch das Lied von der alten Garde? Nun wohl singen Sie es Ihrem ergebenen R o s ch H a k o h o l. Deutschland. Glsatz-Kotstringeii. Strahburg. In der Nacht von; letzten Samstag auf Sonntag verschied Frau Oberrabbiner Ury nach einer schmerzlichen Krankheit. Ihr Tod bedeutet nicht nur für die Familie einen schweren unersetzlichen Verlust, sondern wird 5746

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