Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 8 (21.2.1913)
- Date
- 1913-02-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 Das indische Matt. Nr. 8. Aber das damalige Geschlecht hatte sich zunächst dieses hohen Vorzugs in empörendster Weise unwürdig geinacht. Kaum war das weltüberwindende „Onauchi" verklungen, fast nach im Anblick des blitzumleuchteten Sinaigipfels, hatte das Volk das Band zerrissen, das es in Ewigkeit mit dein Gotte seines Lebens verbindeii sollte; „sie warfen sich iiieder vor einem Gußbilde und vertauschten ihre Ehre mit der Gestalt eines Gras essenden Tieres (Ps. 106).- Rohe Genußsucht war ihr Idol geworden und vom Reiz des Goldes verführt verscherzten sie den Schmuck vom Berge Horeb. Der heidnische Wahn hatte zu zügelloser Ausschweifuiig geführt, „das Volk letzte sich, zu essen und zu trinken und dem Mutwillen sich zu ergeben". Das Bündnis mit Gott war gebrocheii, wozu noch die Urkunde dieses Bündnisses? — Darnrn ergriff der treue Hirte, von gerechtem Zorn erfüllt, die Bundestafeln und zerschmetterte sie am Fnße des Berges. — Doch siehe! Die Tafeln waren zerbrochen, aber die Schriftzeichen flogen zur Höhe zurück (Talm. Pesachim 87), um bald wieder als Gottesschrift auf neueil Tafeln sich zu verewigen. Denn Göttliches kann nicht verdrängt und nicht vernichtet werden, wenn auch Wahn und Lüge sich dagegen einpören. Die Tafeln waren zerbrochen, aber ihr Geist, ihr Inhalt, die Wahrheit, die sie kündeten, blieb unversehrt. Und wie in grauer Vorzeit, so hat sich dies iin Laufe der Jahrtausende an dem geoffenbarten Gottesworte gar oft bewährt. Zu unzähligen Malen suchte blind wütender Glaubenshaß die Gottestafeln in Scherben zu schlagen, das Gottesbuch der Thora der Vernichtung preiszugeben, aber die Lehre der Wahrheit blieb immer siegreich gegen Tyrannenwut und Scheiterhaufen und das r“ das Feuer des Gottesgesetzes, das berufen ist, die Welt zu erleuchten, strahlt heute noch in ungetrübtem Glanze. Die Trünnner der Gesetzestafeln lagen aber fortan aufbewahrt in der hl. Bundeslade zur mahnenden Warnung für alle Generationell: nicht zu huldigen dem Götzen der Genußsucht und sich nicht blenden zu lasserl vom gleißender'., trügerischen Schimmer des Goldes. Rabb. S ch ü l e r. Erinnerungen an Waöin MöeWerner.bsT Von Isch Iemini. Rabbiner Abraham Werner, bekannt unter dem Namen „Reb Abbe", ist vor einigen Wochen in London im Alter von 75 Jahren gestorben. Nicht nur die Judeir des East-End haben durch den Tod des greisen Rabbi ihren bewährten Führer, einen schier unvergeßlichen Verlust erlitten, sondern die gesamte Judenheit und eine große Zahl von Verehrern weit und breit ist durch dessen Heimgang in tiefste Trauer versetzt. Es sei deshalb dein Schreiber dieser Zeilen, der öfter das Glück hatte, in der Nähe von Rabbi Werner zu weilen, gestattet, dem Verstorbenen einige Worte des Gedenkens zll widmen. In jugendlichem Alter wurde Rabbi Werner, der seiner vortrefflichen Begabung wegen Aufsehen erregte, in Tels (Kowno), einer der hervorragendsten jüdischen Gemeinden Rußlands, Dajin und später Rabbiner; nachher wurde er Oberrabbiner in Helsingfors (Finnland). In seinem 52. Lebensjahre wurde er von den im East-End wohnenden, aus dem Osten eingewanderten Glaubensgenossen als Rabbiner in die aufblühende „Machsikei Hadaß"-Gemeinde berufen, welche sich damals wegen Differenzen in Kafchrusfragen von der englischen Synagogengemeinde und damit von dem damaligen Ehief Rabbi Dr. Adler losgesagt hatte. Nun scharten sich die Getreuen um die machtvolle Persönlichkeit Rabbi Werners, und die mühevolle Aufgabe des Verstorbenen war von Erfolg getränt. Mit Aufgebot aller Energie gelang es ihm, seiner Gemeinde die Selbständigkeit in finanzieller und insbesondere in religiöser Beziehung zu wahren. Seiner Friedensliebe war es aber auch zu danken, daß dem Kampf mit der Hauptgemeinde die Schärfe genominen wurde. Sein einziges Ziel war das Judentum zu stärken; dies war allerdings in London keine leichte Aufgabe, bei dem großen Kontrast zwischen den im Osten herrschenden Sitten und dem modernen Großstadtleben. Nicht nur durch sein großes Wissen — er war sicherlich einer der größten Gelehrten unserer Zeit — sondern auch durch sein gutes Herz war es ihm gelungen, sich das Vertrauen aller jüdischen Kreise in London zu erwerben. Rührend war, daß er von seinem spärlichen Gehalt, das meiste noch an Notleidende verschenkte: und oft hat er einer armen Frau, deren Huhn er für trepho erklärte, das Geld gegeben, damit sie sich ein neues kaufen könne. Eine Zeitlang, als seine Gemeinde in besonders schwierigen finanziellen Verhältnissen war, verzichtete er auf sein Gehalt. Als ein beredtes Zeugnis für die Verehrung und Liebe, deren sich der Verstorbene in London erfreute, sei erwähnt, daß am Tage, da er zu Grabe getragen wurde, sämtliche Kaufleute im Whitchapel ihre Geschäfte geschlossen hielten. Rabbi Werner, der von jeher zu den Chowewe Zion gehörte, hatte sich begeistert, auf Theodor Herzls Ruf, der ihn mehrfach in London aufgesucht hatte, der zionistischen Bewegung angeschlossen. Nicht nur am vierten Kongreß in London hat er regen Anteil genommen, sondern zweimal, zum zweiten und vierten Kongreß, hat er, damals schon ein alter Mann, die Reise nach Basel nicht gescheut. Er weilte dort beidemal als Gast im Hause des Basler Rabbiners, und stets war eine große Zahl von Gesinnungsgenossen in der Nähe von Rabbi Werner versammelt. Mit der größten Aufmerksamkeit folgte er den Beratungen des Kongresses bei Tag und Nacht; auch an den Sitzungen der Misrachi-Föderation nahm er stets regen Anteil. Die ehrwürdige Erscheinung des alten Mannes, mit seinem langen herabwallenden weißen Bart und den klugen und treuen blauen Augen erregte allgemeines Aufsehen; und alle Blicke in dem großen Kongreßsaal blieben an der würdigen Gestalt wie gefesselt. Gar oft hatte man in den Verhandlungen Gelegenheit, sich von der Friedfertigkeit und Klugheit des Rabbi Werner zu überzeugen, obgleich er nie als Redner hervortrat. Von seiner Schlagfertigteit möge eine kleine Anekdote Zeugnis ablegen: Es war am Sabbatnachmittag des zweiten Kongresses. Im Hause des Basler Rabbiners waren viele Gesinnungsgenossen versammelt: sämtliche russischen Rabbinen, die damals in großer Zahl delegiert waren, waren anwesend. Man besprach die Aussichten, die der Zionismus bei den religiösen Juden habe; ob es gelingen werde, das begreifliche Mißtrauen den unreligiösen zionistischen Führern gegenüber zu beseitigen. Da kommt ein Gesinnungsgenosse und erzählt voller Erregung, daß ein zionistischer Delegierter in einer Versammlung öffentlich geraucht habe! Ein peinliches Schweigen tritt ein.... Rabbi Werner unterbricht es und sagt: „Nun, er hat vielleicht vorher das Mögen David (das Abzeichen des Delegierten) abgenommen!" Als dann am sechsten Kongreß Herzl das Uganda-Projekt vorbrachte, da war es Rabbi Werner, der, selbst ein feuriger Anhänger Palästinas, immer wieder zum Frieden mahnte. Und das ist ein rührender Zug in seinem Charakter: als es