Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 7 (14.2.1913)
- Date
- 1913-02-14
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7. Das jüdische Matt 9 hergcstellte Eisenbahnbrücken, in das von den Serben besetzte Gebiet bis Köprülü. Dort gesellten sich zu uns Vertreter der Gemeinde Ichtip, die etwa 50 Kilometer abseits von der Bahnlinie liegt. Uber Ichtip erfuhren wir später in Saloniki weitere grauenhafte Einzelheiten, da sämtliche jüdischen Einwohner aus Ichtip, 710 an der Zahl, noch Saloniki geflüchtet sind. Ichtip. Ichtip hat etwa 25 000 Einwohner, darunter 800 Juden. Die Stadt ist militärisch von den Serben besetzt, doch ist die serbische Besatzung außerhalb der Stadt in der Kaserne. Die Stadt selbst ist in den Händen der Bulgaren und ursprünglich der bulgarischen Banden. Die jüdische Bevölkerung hat hier am allerschwersten gelitten. Die Bulgaren rückten am 11. Oktober (a. St.) ein. Die Haltung der bulgarischen Einwohner hatte die Juden veranlaßt, zwei Tage vorher sämtlich die Stadt zu verlassen, nur sechs Greise, darunter der kranke Rabbiner, der zwei Tage nach dem Einzug der Bulgaren starb, und zwei junge Leute blieben zurück. In Ichtip hausten die bulgarischen Banden in entsetzlicher Weise. Unter den Mohammedanern, namentlich in der Umgegend fand ein Massaker statt, 700—800 wurden getötet. Auch von den zurückgebliebenen jüdischen Greisen wurden zwei ermordet. Die jüdischen Häuser wurden sämtlich geplündert und demoliert. Zwei Brände, die sicherlich böswillig angelegt worden find, zerstörten die Synagoge, 24 jüdische Häuser und 6 Magazine. Die Banden hatten überdies die Synagoge entweiht und beschmutzt und die Thorarollen zerrissen. Das Schicksal der Armen aus Ichtip, die, 710 an der Zahl, in der Talmud-Thora in Saloniki und in der Hirsch-Schule dort untergebracht sind, ist außerordentlich bejammernswert. Der Hilfsverein hatte für diese Unglücklichen schon vor Wochen 20 000 Frs. zur Verfügung gestellt. Mit dieser Summe und den Mitteln, die in Saloniki für die Unterhaltung dort von uns gegeben worden sind, hoffen wir die Repatriierung durchführen zu können. Delegierte aus Sofia sind in unserm Auftrag in Ichtip tätig, um die Häuser wieder herzurichten. Wir haben die notwendigen Schritte bei den bulgarischen Behörden unternomemn, damit sie bei der Rückkehr der Juden für ausreichende Sicherheit sorgen. Wir wollen auch Delegierte aus Sofia in den ersten Wochen nach der Rückkehr dort lassen, damit die nötigen Nachrichten nach Sofia sogleich übermittelt werden können. Auf das Wohlwollen und die Humanität der höchsten bulgarischen Beamten glauben wir rechnen zu können. Eine baldige Rückkehr ist notwendig, weil die Armen in Saloniki demoralisiert werden, und weil in etwa 4—5 Wochen die Arbeit für den Opiumbau beginnt, wovon fast alle Juden in Ichtip leben. Eine Anzahl von Juden wird voraussichtlich in Saloniki Zurückbleiben. Etwa 15 haben sich bereits als Krämer und Straßenhändler dort installiert. Von Köprülü aus ging die Fahrt weiter nach G u m e n d j e (griechisches Gebiet). Unterwegs berührten wir noch einige Stationen, wo Juden gelitten haben, so etwas abseits von der Bahn in Strumitza. Strumitza. Unter 15 000 Einwohnern 650 Juden (125 Familien). Stadt von Bulgaren besetzt. Am Tage nach der Besetzung fingen die bulgarischen Banden an, zu morden, zu plündern und die Häuser zu zerstören. Zwei Juden sind ermordet worden, fast alle Läden und Häuser ausgeplündert, für etwa 500 000 Ars. Waren sind den Juden geraubt und vernichtet worden. Von einem Manne (Barouch A. Saltiel) uuirden unter Todesdrohungen 5000 Frs. erpreßt. Die Juden von Strumitza, denen es bisher verhältnismäßig gut ging, find völlig ruiniert. Obendrein hat man noch den Markt, der bisher am Montag war, auf Sonnabend verlegt. Wir bewilligten vorerst eine Summe von 1000 Francs. Strumitza liegt, wie gesagt, nicht an der Bahn. Die Bahnstation, die wir passierten, ist Oudowo. Auch dort wohnen 2 jüdische Familien, Kaufleute, deren Läden vollständig ausgeplündert worden sind. Vor dieser Station ist noch die Station N e g o t n i zu erwähnen, mit etwa 8000 Einwohnern und 5 jüdischen Familien. Auch hier wurde ein Laden vollständig ausgeplünderr. Bei der Station G u m e n d j e endet das serbische Okkupationsgebiet, durch das die Bahn bisher uns führte, und es beginnt das griechische. Bevor wir diese Station erreichten, hielt unser Zug noch an der kleinen Station G j c w g e l i, wo ebenfalls bei den wenigen Juden, die dort sind, Plünderungen stattgefunden haben. Montag um Mitternacht kamen wir endlich in Saloniki an, und wurden von einer Deputation der Vertreter des Großrabbiners der Gemeinde und des „Jnterclub" empfangen. Da man wegen des Kriegszustandes um diese Zeit die Straßen nicht passieren kann, so war für uns besondere Erlaubnis und Eskorte beschafft worden. Wir waren in Saloniki die Gäste des Herrn Jacob Modiano, für dessen außerordentlich liebenswürdige Gastfreundschaft wir den innigsten Dank schulden. Am Dienstag, den 21. Januar, morgens um M-10 Uhr, hatten wir eine Sitzung mit den Vertretern der Gemeinde und allen in Saloniki arbeitenden Organisationen (darunter auch den Vertretern der Alliance.). Es wurde aus diesen Vertretern ein kleineres Koinitee gewählt, in dem ebenfalls alle Institutionen vertreten sind und das als Komitee der Union des Assochations Jsra^Iites fungiert. In Saloniki suchten und fanden wir Gelegenheit, uns mit allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung in Verbindung zu setzen, und wir prüften eingehend alle einschlägigen Verhältnisse, wo immer es anging, durch persönliche genaue Beobachtungen. Saloniki. Saloniki hat 140 000 Einwohner, darunter 70 000 Juden. Eine ringefähre Übersicht über die Berufe der Juden, die nach einer Engupte an Ort und Stelle gewonnen worden ist, ergibt folgendes Bild. In freien Berufen beschäftigt 430 Personen (darunter 300 Lehrer, 40 Apotheker, 30 Anwälte, 20 Ärzte, 25 Zahnärzte und Dentisten, 10 Journalisten, 5 Ingenieure). Ferner 1105 selbständige größere und kleinere Kaufleute mH. Bankiers, 1200 Krämer und Budenbesitzer, 2000 Handwerker der verschiedensten Art, 8000 kaufmännische Angestellte, Kommis usm., 8000 Arbeiter und Arbeiterinnen in verschiedenen Fabriken und in der Tabakindustrie. 500 Droschkenkutscher, Lastwagenführer und dgl., 600 Hamals (Lastträger), 400 Bootsarbeiter, Auslader, Bootsdienstleute und dgl., 150 Zollagenten, 2000 Bedienstete, Kasfeehausangestellte, Restaurationsangestellte und Strahenhändler. Saloniki hat schon lange vor Ausbruch des Balkankrieges schwer gelitten. Der türkisch-italienische Krieg wirkte sehr lähmend auf den Handel und schädigte besonders dis jüdische Gemeinde dadurch, daß gerade die Reichsten, die italienische Untertanen sind, ausgewiesen wurden, deren Geschäfte infolgedessen stark zurückgingen. Ferner hatte die Gemeinde eine schwere Eholeraepidemie zu bekämpfen (September bis Oktober 1911). Durch den Balkankrieg und die Eroberung Salonikis durch die Griechen wurde Saloniki auf das allerschwerste betroffen. Die Ereignisse, die sich in den ersten Tagen nach der Okkupation abspielten, sind öffentlich bekannt geworden. Wir wollen in diesein vorläufigen kurzen Bericht auf sie nicht eingehen. Wir wollen nur seststellen. daß wir Ausschreitungen gegen die Juden, die Diebstähle und Erpressungen und Plünderungen, die gemeldet worden sind, und auch