Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 7 (14.2.1913)
- Date
- 1913-02-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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3 Nr, Das jüdische Statt. wegung von der lebendigen Teilnahme der großen Gesamtheit abhängig ist. Die Agudas Jisroel wendet sich, nicht nur ihrer Idee nach, sondern auch mit den Bedingungen ihrer m a t e r i e l l e n E x i st e n z, an die Liebe, die Begeisterung, die Opferfreudigkeit jedes Mannes und jeder Frau, an Jung und Alt, Arm und Reich im Volke. Das Komitee hofft, daß die Erkenntnis der „Agudas Jisroel" als einer von der Autorität der Thora umgrenzten, volkstümlichen Bewegung immer weitere Kreise der gesetzestreuen Gesamtheit aller Länder ergreifen wird. Es gilt die Organisation aller Treugebliebenen aufdemBodenderThora, es gilt die Gesundung von StfTzn bhj- Propagandamaterial und Literatur über Agudas Jisroel verlange man beim Bureau der Agudas Jisroel, Frankfurt a. M,, Zeit 85. -^- Kamburg wache auf! Difficile est satiram non scribere! Es wird wirklich schwer, nicht satirische Anwandlungen zu spüren und solche schriftlich niederzulegen. Seit Monaten wirken machtvolle Ereignisse auf die deutsche Judenheit ein, besonders der orthodoxe Teil derselben wird aufgerüttelt und bis ins Innerste erschüttert, und die Hamburger jüdische Gemeinde, die drittstärkste in Deutschland, mit einem großen Prozentsatz echt frommer Mitglieder schläft und schläft; wenn sie dann aufwacht, sieht sie zu, ob die Spitzen der Synagogenkuppeln noch stehen, wenn das der Fall, dreht sie sich nach der anderen Seite und schläft weiter. Da wurden vor einigen Monaten die — Richtlinien veröffentlicht; eine Kluft tut sich auf innerhalb der deutschen Judenheit, so tief und so ernst, wie seit Jahrhunderten nicht; jetzt heißt es für jeden, Stellung nehmen, lialonn attoh im lezorenn; in allen anderen Gemeinden finden Versammlungen beider Richtungen statt, worin die Meinungen sich klären, die Bedenken Ausdruck finden können, auch in Hamburg halten die Liberalen eine große Versammlung ab, um f ü r die Richtlinien Propagande zu machen, sie laden die hervorragendsten Leute ein, aber niemand erscheint, um unfern Standpunkt klarzulegen und den Liberalen ein Fiasko zu bereiten, nur ein frommer Mann aus Altona muß unsere Verteidigung übernehmen, und dieser wird nicht für voll genommen, da er — man denke — Misrachist ist. Auch die Vorstände zweier echtjüdischer Vereine, denen die Zukunft des Judentums am Herzen liegt, versuchen Proiestversammlungen gegen die Richtlinien einzuberufen, hervorragende Redner werden gewonnen und der Besuch — schmählich —. Niemand von den offiziellen Persönlichkeiten hielt den Anlaß für wichtig genug, um durch sein Erscheinen zu dokumentieren, daß sie entschiedene Gegner der Richtlinien sind! Und dies sind sie doch, samt einem großen, überaus großen Teil der jüdischen Gemeinde. Aber die Gleichgültigkeit! Wat schall man dabi moken! Es fehlt das Feuer, welches nötig ist, um die heilige Flamme leuchtend zu erhalten, es glimmt nur in sich, keiner wagt hervorzutreten, um seine werte Persönlichleit nicht bloßzustellen! Jetzt tritt der Tempelverband mit einer Erklärung an die Oesfentlichkeit ähnlich der bekannten Berliner und Frankfurter Gemeinde, er macht bekannt, daß laut Gemeindestatm auch der orthodoxe Teil der Gemeinde die eherechtlichen Entscheidungen seiner Rabbiner — deren einer die Richtlinien glatt unterschrieben hat — anerkennen müsse. Die Sache ist wichtig, soweit das Gcmeindestatnt in Frage kommt, und in der Praxis ist es leider auch schon so gehandhabt worden. Kinder von Nichtjüdinnen, die durch die Tempelprediger zu „gläubigen" Jüdinnen gemacht worden sind, werden anstandslos in die Talmud-Thora-Schnle ausgenommen; es zeigt dies die ganze Haltlosigkeil der Gemeindcverfassung, aber der Synagogenverband rührt sich nicht! Seit einem Jahr beinahe ist die Agudas Israel ins Leben getreten, eine ganze Anzahl Mitglieder der Hamburger Gemeinde hatte an der Gründungsversammlung teilgenommen, in der Gemeinde ist großes Interesse für die Sache vorhanden, und wenn es richtig geweckt würde, würde sicher eine bedeutende Ortsgruppe dem Bund zugeführt werden; aber während schon kleinere und kleinste Gemeinden ihre Ortsgruppen haben und eifrig für die heilige Sache arbeiten, war es bislang in Hamburg noch nicht möglich, ein Komitee zusammenzubringen, um eine Versammlung einzuberufen! Warum? Darüber vielleicht in einem nächsten Artikel! Wann kommt der Retter dieser Lande! Wer weckt die Hamburger jüdische Gemeinde, seit Jahrhunderten eine ir veem bejisroel, aus ihrem Schlafe auf? Brief vom Lande. LVIT. Drollige Sachen erlebt man heutzutage. Da hörte ich jüngst in Berlin eine wahre Geschichte, die mir gewaltig imponierte. Wurde da ein Junge so kurz nach Neujahr bar mizwah. Und was geschah? Natürlich brauchte doch der gute Junge einen Tephillinbeutel. Und wo fand er ihn? Unter dem — Weihnachtsbaum! Dabei ist die Familie noch relativ ganz religiös. Und doch, sagen Sie, ist das nicht eine entsetzliche Begriffsverwirrung? Als ich mit einem Berliner Freunde mich darüber unterhielt, sagte er, ach, bei uns passieren noch ganz andere Sachen. Sehen Sie mal an, da war ich vorige Woche in einer befreundeten Familie, die hatte schon jetzt Mazzes als Delikatessen. Da war nun ein nettes, strammes Kerlchen von vier Jahren. Ich fragte ihn, was ist das? Sagte er, bet sin Mazzen, die legt der Osterhas!!! Na, was sagen Sie nu? Und ich Hub an und sprach: Sie meinen wohl, so etwas können Sie in Berlin allein? I wo, da hätten Sie bei uns sein sollen, am Karneval, an Fastnacht, da hätten Sie was erleben können. Leute, die von Purim nichts wissen und nichts wissen wollen, hei, haben die den Fastnachtsrummel - grandios mitgemacht. Da fehlten unsere Damen und Dämchen bei keinem Maskenball, man munkelt sogar von verheirateten Frauen, die aus den Redouten sehr — ernst waren. Und wissen Sie, wenn Damen, die sich einbilden, gute Jüdinnen zu sein, Maskenbälle besuchen, da wag ich schon gar nichts mehr zu sagen. Sie Finsterling, Sie alter verknöcherter. Sie meinen wohl, Sie halten die Welt auf. Nein, nein, denn dazu reicht nicht einmal die Kraft eines RoschHakohol. Glsah-Kalljr'iirgen. F.B. Slraßburg. Vorigen Mittwoch abend hielt Herr Rabbiner Dr. Marx, im Jüdischen Jugendbnnd Straßburg einen Vortrag mit dem Thema „Der Bann im Judentum". Die überaus lehrreichen Ausführungen des Redners führten uns in die dunkle Kammer des Vor- und Mittelalters, fesselten besonders die Aufmerksamkeit der Zilhörer durch die vielen Beispiele praktischer Anwendungsform des Bannes in dessen frühester Entwicklungsperiode. Reicher Beifall lohnte den Redner für das Gebotene.