Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 6 (7.2.1913)
- Date
- 1913-02-07
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6. Das Mische Klatt 9 litten, bei Kumanowo blutige Schlacht. In Sjanitza und F e r is o w i t s ch ca. 5—6 jüdische Familien, in M i t r o wi tz a etwa 10, nirgends Juden geschädigt. Ebenso nicht in U e s k ü b (60—70 000 Einwohner), über 2000 jüdische Seelen. Die Reichen waren nach Saloniki geflüchtet und sind jetzt zurückgekehrt. Viele zum türkischen Heer ausgehoben; dort waren auch viele türkische Soldaten aus Saloniki, die beim Rückzug abgeschnitten, hier blieben, unterstützt werden mußten und später nach Saloniki heimkehrten. Durch direkte Kriegsschädigung haben die Juden Ueskübs nicht gelitten. Hilfe von außen scheint nicht notwendig. M o n ast i r (90 000 Einwohner), 12 000 Juden, ca. 30—40 waren zum türkischen Heer ausgehoben. Keine besondere Schädigung von Juden erfolgt, sie können im großen und ganzen ohne fremde Hilfe auskommen. Das ist die Lage in Serbien und den von den Serben besetzten Gebieten, die wir durch eingehende Nachforschungen und Untersuchungen feststellen konnten. Diese erfreulichen Resultate lassen erkennen, daß das Verhalten der serbischen Zivil- und Militärbehörden unseren Glaubensgenossen gegenüber ein außergrdentlich gutes ist. Auf Schritt und Tritt begegneten wir dem besten Einvernehmen zwischen Juden und Behörden, zwischen Juden und der übrigen Bevölkerung. Jüdische Gemeinden und Private sind stark genug, um etwaige Schädigungen durch den Krieg aus eigener Kraft gutzumachen. Wir reisten in der zuversichtlichen Hoffnung ab, daß die serbische Regierung auch die türkischen Gefangenen jüdischen Glaubens jeden Augenblick freilassen wird gegen die Sicherheit, daß sie nicht wieder gezwungen würden, gegen die Balkanstaaten zu kämpfen. Zu der eventuellen Repatriierung dieser gefangenen jüdischen Soldaten (etwa 50—60 an der Zahl) war Herr S. M o l ch o als Vertreter aus Saloniki nach Belgrad gekommen, mit dem wir die nötigen Besprechungen hatten. Bulgarien. In der Nacht vom 13. auf den 14. Januar, der hiesigen Neujahrsnacht, reisten wir nach Sofia. Die Bahnstrecke war überall militärisch besetzt. Wir kamen am 14. Januar gegen 11 Uhr (statt fahrplanmäßig 7 Uhr) morgens in Sofia an. Am gleichen Tag um 5 Uhr nachmittags hatten wir eine offizielle Sitzung im Hause des Großrabbiners Dr. Ehrenpreis, die von Berlin aus bereits telegraphisch vorbereitet war, mit dem Zentralkomitee für Bulgarien. Dazu waren neben den Vertretern aus Sofia auch Vertreter aus Philippopel und Ruftschuk erschienen. Eine zweite Sitzung fand am folgenden Tag statt. In der Zwischenzeit prüften wir das vorliegende Material, das, wie sich herausstellte, ganz entsprechend der vom Hilfsoerein bereits vor Wochen gegebenen Anregung von Herrn Dr. Ehrenpreis in sehr geschickter und sachlicher Weise zusammengebracht worden war. Nur bei dieser minutiösen Vorarbeit war es möglich, in verhältnismäßig kurzer Zeit die ganzen Angelegenheiten zu regeln. Einsetzung eines Zentralkoinitees in Sofia. Während wir in Serbien von der Einsetzung eines besonderen Komitees Abstand nehmen konnten, setzten wir in Sofia ein Zentralkomitee ein. Wir hatten keinen Anlaß, irgend eine Aenderung an dem bestehenden spontan gebildeten Zentralkomitee, das unter dem Vorsitz von Dr. Ehrenpreis bereits so hervorragendes geleistet hat, vorzunehmen und bestätigen daher dieses Komitee, das der Union des Associations JfraOlites unterstellt wird. L o k a l k o m i t e e s. Dem Zentralkomitee unterstehen die in ganz Bulgarien und in den okkupierten Gebieten, soweit eine Verbindung tritt diesen bisher herbeigeführt werden konnte, schon eingerichteten Lokalkomitees, die wir gleichfalls bestätigten. Eine genaue Liste fügen wir dem nächsten Bericht bei., Wirkungskreis des Zentralkomitees, lieber den Wirkungskreis des Zentralkomitees konnte man verschiedener Meinung sein. Man kann den Wirkungskreis entweder nach den geographischen oder nach den politischen Verhältnissen abgrenzen. Wir entschieden uns für das letztere, da unsere Komitees nur dann wirksam arbeiten können, wenn in den jetzigen schweren Zeiten die Zivil- und Militärbehörden und ihnen ihre Unterstützung leihen. Art unserer Hilfe. Generell wurde von uns erklärt, daß wir in den vom Krieg nicht berührten Gebieten, die sich in Not befinden, nur s u b s i d ä r helfend eingreifen können, nur dann, wenn sowohl die politische Gemeinde wie die jüdischen wohlhabenden Glaubensgenossen selbst entsprechende Zuschüsse machen. Das Zentralkomitee legte uns völlig glaubhaft dar, daß in Bulgarien tatsächlich die Hilfeleistung auch in dieser Weise gehandhabt wird. Es wurde uns nachgewiesen, daß man bisher fast ohne Hilfe von außen ausgekommen fei. Für den Monat Januar (julianischer Kalender) seien aber die einheimischen Mittel erschöpft, für ganz Bulgarien ist für diese Zeit ein Betrag von 60 0 00 Franks notwendig. Davon sind von den verschiedenen eingegangenen Geldern von auswärts noch vorhanden 30 000 Franks, 20 000 Franks sollen in Bulgarien aufgebracht werden. Wir fanden es nach Lage der Verhältnisse für richtig, die restlichen 10 000 Franks zu bewilligen. In den eroberten Gebieten liegen die Verhältnisse anders, die Wunden des Krieges find schwerer, die örtliche Bevölkerung ist selten in der Lage, ihrerseits etwas Wesentliches beizusteuern. Wir bewilligten für diese Gebiete, soweit Bulgarien sie okkupiert hat, vorerst einen Disposilionsfonds bis 5000 Franks. Für das ehenialige Bulgarien (also mit Ausschluß natürlich der eroberten Gebiete) halten wir mit unserer Bewilligung die Hilfsaktion für ganz oder doch fast ganz, soweit wir in Betracht komnien können, abgeschlossen, vorausgesetzt, daß der Krieg nur noch kürzere Zeit dauert, was anzunehmen. Nach Lage der Verhältnisse müssen wir aber die baldige Etablierung von L e i h k a s s e n, um der jüdischen Bevölkerung wirtschaftlich wieder aufzuhelfen, seitens der JCA. aufs allerwärmste befürworten. Wir haben die Ueberzeugung gewonnen, daß unsere bulgarischen Glaubensgenossen in entsprechender Höhe sich finanziell an diesen Leihkassen sicherlich beteiligen werden. Politische Besprechung. Die Durchführung unserer Pläne und unserer Hilfsaktion ist in den jetzigen Zeiten und Verhältnissen zweifellos nur erreichbar, insofern die bulgarische Regierung uns ihre Unterstützung und ihr Wohlwollen zu gewähren bereit ist. Insbesondere ist eine Reise in die eroberten Gebiete, um nur eines hervorzuheben, nicht durchführbar, wenn nicht die Militär- und Zivilbehörden eine ausdrückliche und besondere Erlaubnis hierzu gewähren. Seitens der serbischen Regierung haben wir diese Erlaubnis durch Vermittlung des deutschen Gesandten für die deutschen, durch Vermittlung des englischen Gesandten für das englische Mitglied unserer Kommission erhalten. Von der bulgarischen Regierung mußten Erlaubnisscheine seitens des Ministers des Innern und des Kriegsministers eingeholt werden. Bei dieser Sachlage war es geboten, mit den Ministern und wenn möglich mit dem König sowie auch mit der Königin, die alle humanitären Bestrebungen unter ihre Patronage genommen hat, in unmittelbare Beziehung zu treten. Wir haben Unterredungen gehabt mit dem Handelsminister, der den abwesenden Finanzminister vertritt. Wir erlangten von ihm die Zusage, daß er, wenn nur irgend möglich, die vom Ausland einzuführenden Waren zollfrei lassen werde. Dann mit dem Eisenbahnminister, der uns ermäßigte Tarife für die Beförderung der Waren und beschleunigten Transport an den Bestimmungsort zusagte. Der Minister des Innern, bei dem mir gleichfalls waren, hat uns gemeinsam mit dem Kriegsminister Passierscheine für alle eroberten Gebiete ausgestellt, in denen die Behörden gleichzeitig aufgefordert werden, uns größtes Entgegenkommen zu beweisen.