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Das jüdische Blatt · 1913-02-07 · 6 (7.2.1913) · p. Seite 8

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
6 (7.2.1913)
Date
1913-02-07
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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8 Das jüdische Klatt. Nr. 6 Ratzland. Die Iudenfrage vor der merken Duma. Die Rede des Premiers Kokowzeff zugunsten nationaler und religiöser Toleranz hat, wie zu erwarten war, die Duma zu einer Judendebatie veranlaßt. Zuerst schickte die Rechte ihre Mitglieder vor. Der zweite ihrer Redner war der berüchtigte Purischkewitsch. Er überraschte durch seine Mäßigung. Er bestärkte zwar die Regierung in ihren bisherigen antijüdischen Regierungsmaßregeln, verlangte aber keine Verschärfung derselben. Sensationell waren die Erklärungen des dritten Redners der Rechten, Schulgin. Er verlangt die Stärkung der orthodoxen Russen durch die Nationalisierung des Kredits, um diese zur Konkurrenz mit den Juden zu befähigen. Bevor diese Erziehung zum Konkurrenzkampf erfolgreich gewesen ist, hält er die Befreiung der Juden für unmöglich. Verblüffend sogar auf die Liberalen wirkten aber seine folgenden Ausführungen. Alle Nechtsbefchränkungen und Vertreibungen der Juden, sagte er, sind Dinge, die nur schwer ertragen werden können. Sie beleidigen und erniedrigen uns und wir haben den festen Willen, damit ein Ende zu machen. Sie sind voll Ungereimtheit und Widersprüchen, ein schrecklicher Giftstoff, denn es ist bekannt, daß die Polizei in Polen von der Rechtsberaubung der Juden lebt. Die Liberalen ihrerseits hielten mit ihren Angriffen auf die willkürlichen Polizeimaßregeln gegen die Juden nicht zurück. Wirkungsvoll war die Rede, die der Kadett M i l j u k o w über die Judenfrage hielt. Die Judenverfolgungen, sagte er, tragen den Charakter einer Jagd auf wilde Tiere, sie erinnern an die Zeiten Ferdinands und Jsabella von Spanien, noch mehr, sie führen die barbarischen Bilder aus Bitschertas Werk über die Beziehungen zrr den Negern in Südamerika vor. Dann ging er auf die grausame neuliche Verordnung des Gouverneurs von Kurland über. Dieser verlangt von der Polizei die strenge Eintreibung der Strafe von ZOO Rubel, die bei den Juden allein den Familien der Deserteure auferlegt wird. Sind keine Mittel vorhanden, sagt der Brave, so muß das ganze Inventur verkauft werden. Noch mehr' Die Handwerker, die durch diesen Zwangsverkauf ihre Werkzeuge verlieren und ihr Handwerk nicht mehr ausüben können, haben damit auch das Wohnrecht außerhalb des Rayons verloren, sie sind also aus Kurland zu vertreiben. Verstehen Sie, was das heißt! rief Miljukow. Zuerst verkauft man zwangsweise das Handwerkszeug, um ihm das Handwerk unmöglich zu nlachen, dann vertreibt man ihn aus dem Gouvernement. Das ist schon kein Huligantentum mehr, das ist die Wildheit des Tieres! Das sind die Grundlagen des soziologischen Nationalismus, von denen man zu ihnen geredet hat! Es wäre verfehlt, über diese Symptome einer gewissen Wandlung innerhalb der Duma hinwegzugehcn. Ein Fortschritt gegenüber der dritten Duma ist jedenfalls vorhanden. Eine Resolution, wie sie die vierte Duma angenommen hat und die die Regierung ersucht, das Gesetz zu achten und die Versprechungen des Oktobermanifestes des Jahres 1905 zu erfüllen, eine derartige Resolution ist in der dritten Duma nie durchgedrungen. Dazu kommen die Veränderungen in der Regierung. Die Ernennung des Herrn Maklakoff, des Bruders des bedeutenden! liberalen Dumaführers, zum Minister des Inneren, zieht die all-! gemeine Aufmerksamkeit auf sich. Dieser war bisher Gouverneur von Tschernikoff. Trotz des von Pete.rsburg ausgehenden Drucks j weigerte er sich hartnäckig, die Judenvorstadt von Kiew, die zum Gouvernement Tschernikoff gehört, als Dorf zu erklären, wodurch den Juden der Aufenthalt dort unmöglich gemacht worden wäre. Seine jüngste Kundgebung in bezug auf die innere Politik Rußlands ist das -Wort: Ein Strom kann nicht rückwärts, er muß vorwärts fließen. Allerdings sind unter seiner Verwaltung im Gouvernement Tschernikoff Judenvertreibungen vorgekommen, aber es wird jetzt bekannt, daß Maklakoff dies auf Befehl Petersburgs hat tun müssen. Dürfen wir hoffen, daß unter seiner Regierung die willkürlichen Beschränkungen des Wohnungsrechtes der Juden eingestellt werden, die unter seinem Vorgänger in Uebung gewesen sind? Erwartungsvoll sind die Augen der russischen Juden auf ihn gerichtet. Möge die Enttäuschung nicht wieder grausam werden. England. London. Ein Oxf.order Professor über das Schächten. Der berühmte Physiologe Professor Dr. Leonhard Hill von der Oxforder Universität und Primarius der ersten Klinik von London veröffentlicht im „Daily Mail" einen längeren Aufsatz über seine Beobachtungen bei den verschiedenen Schlachtmcthoden. Der Gelehrte erklärt, daß er auf Grund vieljähriger Forschung und Untersuchung sowie auf Grund seiner Beobachtungen der in den verschiedensten Schlachthäusern geübten Methoden der Tötung von Genußtieren, die innerste Ueberzeugung gewonnen habe, daß die vom jüdischen Gesetze vorgeschriebene Schächtmethode die zweckmäßigste und leichteste ist und daß diese dem Tiere die geringsten Schmerzen verursacht. Vom Vallraa. Bericht der „Union des Associations Jsraeliies" über die Info - malionsreise in den Notstandsgebieten des Balkans. (Nachdem wir in voriger Nummer den Bericht über Adrianopel gebrach! haben, geben wir im Folgenden den übrigen Teil des Berichtes der Herren Dr. Nathan, Elkan und Dr. Kohn über ihre Informationsreise.) Serbien. Sonntag, den 12. Januar früh morgeus, reisten wir über Budapest »ach Belgrad. Wir trafen gegen 11 Uhr abends dort ein, hatten aber trotz der späten Stunde noch eine kurze vorbereitende Besprechung mit dem Rabbiner Dr. Alcalay, der uns am Bahnhof erwartet hatte. Die Konferenz wurde am auderen Tage fortgesetzt. Dr. Alcalay, ein äußerst verständiger, für unsere Zwecke sehr eifriger Herr, schilderte uns ausführlich und detailliert die Lage der Juden in Serbien und in den von den Serben besetzten Gebieten. In Serbien leben etwa 7500 Juden. Verhältnismäßig sind sehr viele Juden eingezogen worden, aus Belgrad, wo unter 92 000 Einwohnern 5600 Juden leben, allein 670. Sehr viele davon sind bei der Miliz, sie sind also nicht direkt auf den Kriegsschauplatz entsandt worden. S ch a b a d s (30 000 bis 35 000 Einwohner), Juden 250 Seelen, 35 Soldaten, P i r o t t (30 000 Einwohner) 350 Juden, 32—35 Soldaten, P o z a r e w a t s (25 000 Einwohner) Juden 150—200 Seelen, jüdische Soldaten 30. Diese Stadt hat infolge des Krieges von Belgrad her verhältnismäßig die meiste Unterstützung haben müssen. Seskowats (20000 Einwohner), 150—200 Juden, 20 jüdische Soldaten. Vereinzelte jüdische Familien in K r u s ch e w a t s, I a g od i n a , W a l j e w o , S a i d s ch a r. Die von Serbien eroberten Städte, in denen Juden wohnen, sind folgende: N o v i b a z a r (6—7000 Einwohner) 40—50 jüdische Familien, vor dem Kriege viel durch Arnauten gelitten, im Kriege nicht. Prischtina (15—20 000 Einwohner), 60 jüdische Familien, vor dem Krieg ebenfalls unter Arnauten sehr gelitten, im Kriege nicht. Kumanowo (10 000 Einwohner), 10 jüdische Familien, nicht ge-

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