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Das jüdische Blatt · 1913-01-31 · 5 (31.1.1913) · p. Seite 7

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
5 (31.1.1913)
Date
1913-01-31
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 5. Das jüdische Statt. 7 etwas Großes in ihrer Art. Aber die Autoren der Richtlinien müssen die Konsequenzen ihres Schrittes tragen. Welches die Konsequenzen sind, das soll gezeigt werden. Zunächst mußte entschieden Abwehr und Ablehnung erfolgen. Das geschah in den Erklärungen. Die mildeste der erschienenen Erklärungen spricht von einem Bruch mit dem überlieferten Judentum. Die Erklärung der traditionell-gesetzestreuen Rabbiner stellt fest, daß die Richtlinien die Grundlagen des Judentums zerstören und positiv gewendet sagt die orthodoxe Erklärung, . die Richtlinien gründen eine neue Religion. Wenn die Rabbiner ausgesprochen haben, daß die Entscheidungen liberaler Rabbiner keinen Anspruch auf Gültigkeit haben, so ist damit nur etwas Selbstverständliches ausgesagt. Das Wissen allein genügt nicht zur Eutscheidung ritueller Fragen. Es wird keinem einfallen, eine Schaaloh von einem in talmudischen Dingen noch so gelehrten Nichtjuden entscheiden zu lassen. Auch der Religionsunterricht der liberalen Rabbiner mußte als Gefahr bezeichnet werden, weil wir die liberalen Rabbiner für ehrliche Männer halten, die ihrer Ueberzeugung auch im Religionsunterricht Geltung geben. Diese Ueberzeugung ist aber nicht die des überlieferten Judentums. Die Frage ist nicht, was sagen wir zu den Richtlinien, sondern was tun wir angesichts der Richtlinien. Es wird sich zeigen, ob der Mut zur richtigen Tat vorhanden sein wird. Es muß zunächst, das ist die erste Tat, gegen die gefährliche Fabel von der Gleichberechtigung der verschiedenen religiösen Richtungen im Judentum nachdrücklichst Protest erhoben und Front gemacht werden. Die jüdische Gemeinde kann ferner nur solange einheitlich bleiben, als Gemeinsamkeit des spezifisch Jüdischreligiösen besteht. Ist das nicht der Fall, dann gibt es nur einen Weg: Auseinandergehen in zwei Konfessionen. Da gilt der Satzi^ Ij'T'lbtf HIXl? Wir können nicht gemeinsam am Hause unseres Gottes bauen. Das wäre die zweite Tat. Drittens müssen wir für die zukünftigen Geschlechter Sorge tragen. Darum dürfen die Ehescheidungen, die liberale Rabbiner vornehmen, nicht anerkannt werden. Es müssen Jichus- Briefe eingeführt werden. Proselyten, die von liberalen Rabbinern ausgenommen werden, können wir nicht anerkennen. Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Richtlinien ist nicht möglich. Es fehlt die gemeinsame Basis. Wir werden ihnen, wie jeder anderen fremden Ueberzeugung, mit Achtung entgegentreten, wie wir es auch anderen fremden Religionen gegenüber halten. Die Richtlinien dagegen kränken das überlieferte Judentum. Sie machen uns den Vorwurf der Vernunftwidrigkeit. Wir verzeihen ihnen das. Wir tragen an dem Vorwurf nicht schwer, richtet er sich ja gegen jede positive Religion. Sie sprechen von getrübten Klaubensvorstellungen. Nun, für diese angeblich getrübten Glaubensoorstellungen gingen unsere Vorfahren auf die Scheiterhaufen. Und das gleiche zu tim, sind auch wir bereit. Endlich sagen sie, wir errichten Schranken, die die Menschenbrüder von uns Juden trennen. Dagegen protestieren wir. Die Völker haben unfere Vorfahren deshalb emanzipiert, weil sie in der jüdischen Treue zum Glauben eine wertvolle Charaktereigenschaft sahen. Gemeinsames Essen und Trinken ist nicht der einzige Gemeinschaftspunkt der Menschen. Wir werden unseren Menschenbrüdern stets in thoragewollter Liebe gegenüberstehen. Angesichts der furchtbaren Konsequenzen der Richtlinien muß an die Verfasser die Bitte gerichtet werden: Nehmet das Unheilvolle zurück. Tun sie dies nicht, dann könnten wir nicht zusammen bauen an dem Hause Gottes. Brausender Beifall lohnte die geistvollen Ausführungen, die mit lautloser Spannung angehört worden waren. Das Publikum war sichtlich von dem tiefen Ernst des Redners erfaßt. Schließlich nahm Herr Vereinsrabbiner Dr. Klein das Wort. Er führte beiläufig folgendes aus: Die Referenten haben bewiesen, daß die Richtlinien eine neue Religion schaffen. Sie haben auf die Fragen geantwortet: was sagen die Richtlinien uns, was sagen wir zu den Richtlinien. Er möchte die Frage untersuchen, was würden wohl die Richtlinien zu lins sagen, nämlich zu ihrer Verteidigung. Vermutlich folgendes. Ihr habet bewiesen, daß wir mit dem überlieferten Judentum kaum mehr etwas gemeinsam haben. Nun, was wollet Ihr Gesetzestreuen aber tun, um die deutsche Judenheit dem Judentum zu erhalten. Das eben wollen sie, die Richtlinien, nach ihrer Angabe. Wir Gesetzestreuen antworten: Es kann keine Berechtigung dafür existieren, daß man die Thora, die Religionsgesetze aufhebt. Was hilfts auch, wenn man selbst die Juden erhielte bei einer Religion, die kein Judentum mehr ist. Aber selbst, wenn wir für einen Augenblick von diesem Kardinalfehler absehen, wenn wir an den Richtlinien immanente Kritik üben wollten, müßten wir sagen, sie seien unberechtigt und unnütz. Unberechtigt, weil die sittliche Seite des Judentums, die Ethik, auch von den Orthodoxen zumindest so energisch betont wird, wie von den Liberalen. Unnütz, weil ihnen das lebendige Religiöse fehlt. Es fehlt ihnen der Mut des unbedingten Forderns, ohne den eine Religion ein Unding ist. Selbst der Sabbat, der von den Richtlinien als notwendig angesehen wird, wird skrupellos aufgegeben, weil er Opfer fordert. Esra fand auch ein verfallenes Judentum vor. Er rettete es nicht durch schwächliches Hinopfern der opferheischenden Gebote. Er forderte Verstoßung der Frauen und setzte sie durch, das waren seine Richtlinien. Die Forderung des Sabbathaltens legt kein so großes Opfer auf wie das von Esra verlangte es war; man verlangt aber nichts. Was sind die Richtlinien anders als die hinter dem Abfall hintendrein hinkende Kodifikation und Sanktion des Abfalles. Die Richtlinien sind ein totgeborenes Kind; sie sind geworden nicht aus hochgehender, religiöser Begeisterung, sondern sie sind das Produkt kühler, berechnender Erwägungen. Mit einer solchen Religion kann man nichts retten, nur die vorhandenen religiösen Funken ersticken. In einer solchen Zeit erwächst auch denen, die aus Schwäche das Religionsgesetz übertreten, aber dessen bewußt sind, daß sie wider die Religion handeln, die heilige Pflicht, für die Erhaltung der Thora einzustehen. Denn diejenigen, die die ewig verpflichtende Kraft der Thora anerkennen, die gehören zu uns und nicht zu den grundsätzlichen Verleugnern des Gottesgesetzes. Die Ansprache fand ebenfalls begeisterte Aufnahme. Liberale meldeten sich zur Diskussion nicht. Der Eindruck der Versammlung ist ein bleibender und tiefer. Die Versammlung bildet das Tagesgespräch in Nürnberg. Erzielt ist, daß weit in liberale Kreise hinein die Richtlinien als eine Zerstörung des Judentums erkannt sind. Es ist Pflicht aufzuklären. SadM. Mannheim. Der neugegründete Jugendbund hat seinen ersten Schritt in die Welt hinter sich. Vor einem äußerst zahlreichen Publikum — insbesondere die Jugend war stark vertreten — begrüßte Rechtsanwalt Max Kaufmann als Vorsitzender die Versammlung, sprach der Bne-bi‘it]i=ßoge Dank für ihre Mithilfe und den Förderern des Vereins Dank für die seitherige Unterstützung aus und erteilte dann Herrn Dr. med. Löffler aus Frankfurt das Wort über die Aufgaben der Jugendbewegung. Der Vortragende, selbst Mannheimer und Vorsitzender des Mon-

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